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LUZERN: Fasnacht, du Krake!

Unser Autor hat rüüdig mitgemischt an der diesjährigen Stadtluzerner Fasnacht. Dabei fühlte er sich mächtig überfordert – und doch bestens aufgehoben. Eine Zwischenbilanz.
Raphael Zemp
Im Rausch der Sinne: Auch im Luzerner Stadtkeller geht es während der Fasnacht hoch her. (Bild: Boris Bürgisser (Donnerstag, 8. Februar 2018))

Im Rausch der Sinne: Auch im Luzerner Stadtkeller geht es während der Fasnacht hoch her. (Bild: Boris Bürgisser (Donnerstag, 8. Februar 2018))

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Es ist kurz nach 4 Uhr in der Früh. Ich trete auf eine Quartierstrasse in Luzerns Neustadt. Es flockt leicht aus der Dunkelheit, Kälte massiert die Schläfen. Dumpf hallt ein Gespräch aus der Quergasse, kaum vernehmbar düdelt Elektro aus einem Smartphone. Im Schein der Strassenbeleuchtung stapfe ich durch die Häuserzeilen in Richtung Altstadt. Nur hier und da brennt in einem Fenster Licht.

Es gesellen sich immer mehr Stimmen dazu, hinten, vorne, von der Seite. Unter die frische Morgenluft mischt sich Zigarettenrauch. Und da baucht auch schon die erste Pauke aus dem Umriss eines Weggefährten, dort blitzt im Scheinwerferlicht eines vorbeibrausenden Autos ein Stück Trompete auf. Wie ferngesteuert marschieren immer zahlreicher werdende Gruppen an die Reuss runter, bis sie schliesslich in einer Prozession über Rathaussteg, Kapell- und Seebrücke auf das andere Ufer übersetzen, wo sich bereits ein grosser Menschenknäuel gebildet hat.

Besinnlichkeit weicht Fasnachtstreiben

Spätestens jetzt verflüchtigen sich letzte Reste frühmorgendlicher Besinnlichkeit: Schlager scheppert aus den Boxen, lässt Köln, das Leben, die Liebe und die Lust hochleben. Man lacht, johlt, skandiert Fangesänge. Zebra zwängt sich an Pirat vorbei, Pilotin hopst nervös mit untergehaktem Affen an Ort und Stelle. Dann endlich der erlösende Knall, dessen Pyrofächer sich über den Häuserdächern in den Morgenhimmel spreizt. Kreischen, Bläserklänge und Trommelschläge: Dammbruch. Die Krake Fasnacht ist erwacht, streckt und reckt sich.

Guuggenmusig um Guuggenmusig marschiert vom Kapellplatz los. Tentakeln gleich tasten sie sich trommelnd, schränzend durch die engen Gassen, ziehen Verkleidete und Kaffee-Schnaps-Dämpfe nach sich. Es dauert nicht lange, und schon hat sich die Fasnacht zwischen den Altstadthäusern eingenistet, Plätze, Treppen und Brücken einverleibt. Zehntausende hat sie seither in ihren Bann gezogen – darunter auch mich. Und viele weitere werden noch dazukommen, bevor sie ihren Griff am Aschermittwoch wieder lockern wird.

Vor der Fasnacht gibt es kein Entrinnen. Zumindest nicht dort, wo ihre Herzen schlagen. Wo Gassenhauer aus Lautsprechern dröhnen, so laut, dass sich der Ton fast überschlägt. Wo Schnulzen und Partyhits in den Himmel geblasen werden und Trommeln und Pauken alle im Gleichtakt erbeben lassen. Wo dir kommentarlos ein Kaffee Zwetschgen in die Hand gedrückt wird und der Wodka grün ist. In all den Relaisstationen der Partylaune, wo die Kälte ausgesperrt wird, nicht aber feuchtfröhliche Heiterkeit. Hier muss man sich dem wilden Treiben bedingungslos ergeben. Oder aber fliehen – schon wenige wackelige Velominuten vom Zentrum entfernt, verschwinden die Grende mehr und mehr hinter Schaufenstern, werben für Fusscreme und Hämorrhoiden-Salbe.

Hauptsache, schön wumms!

Fasnacht überfordert. Die Augen hüpfen nervös umher, suchen nach Halt. Hier schlägt ein bunter Pfau sein Rad, dort flimmern um den Grend gewickelte Lichtschlangen giftig grün. «Vögele!», brüllen zwei junge Herren in die Menge, während ein putziger Hase seine Trommel mit harten Schlägen traktiert. Es riecht nach Fett von Bratwürsten und Raclettekäse, Alkoholsüsse und klebrigem Zigarettenrauch. Vielleicht liebt die Fasnacht deshalb so sehr Gabalier, Fischer und Co.: eingängige Melodien mit einfachen Texten, wo alle Halt finden, alle gleich getaktet werden? Der kleinste gemeinsame Nenner? Hauptsache, schön wumms!

Wer sich dieser Überforderung hingibt, der wird belohnt, schliesst unverhoffte Bekanntschaften, erntet feurige Blicke, aber auch kollegiale Schulter- und Schenkelklopfer. Vor allem aber erwächst das Gefühl, eins zu sein mit der wogenden bunten Masse. Dazuzugehören. Das zieht auch Leute von fern an. «Jetzt musst du dann ‹hüüle›!», erklärte etwa ein Pandabär seiner weiblichen Weggefährtin, kurz nachdem es tonnenweise Fötzeli auf den Kapellplatz geschneit hatte. Zürcher, Bündner, St. Galler und Walliser, sie alle feiern mit uns, Aargauer und Deutsche. Und auch asiatische (Pauschal-)Touristen mischen sich unter die Verkleideten, bestaunen, wie in Luzern der Winter vertrieben wird, und fallen für einmal kaum auf.

Dabei werden auch die Gäste bemerken: Die Fasnacht hat viele Gesichter. Sie kann artig sein wie bei Schwiegereltern auf Besuch. Diese Postkarten-Fasnacht verkörpert nichts besser als die grossen Umzüge. Aufwendig gebastelte Grende und Wagen fahren zur grossen Parade auf, wilde Gruppen steuern auf Kameraobjektive zu. Familien mit knopfäugigen Kindern säumen die Strassen, ältere Damen und Herren geniessen still, wippen sachte mit den Guuggerklängen mit. Alles einfach nur rüüdig schön, nett und kreativ. Und tatsächlich ist das eindrücklich. Wie viel Arbeit, Hingabe und Herzblut in all den Pyramiden, Unterseeboten und Weltuntergangskarossen stecken!

Alcopops und abgeschossene Flirtpfeile

Fasnacht kann aber auch anders, ungeschönt und dreckig. Sie weckt Lüste, lässt Fantasien und Erwartungen galoppieren. Fasnacht ist auch, wenn Halbstarke Alcopops nuckeln, breit grinsend mit ihren Lachflashs prahlen und sich erste Zigaretten anzünden. Wenn gesetzte Damen und Herren ihre Flirtpfeile aus den Köchern kramen und freimütig um sich schiessen – mit ordentlich Zielwasser im Magen. Wenn Bardamen ihre Körper­rundungen freilegen und der lechzenden Kundschaft noch die letzten Franken aus dem Portemonnaie fischen. Wenn sich stark angeschlagene Fasnachtssoldaten mit allerletzter Kraft Häuserwänden entlangschleifen, um sich womöglich noch in die finale Schlacht zu stürzen.

Sie kommt, die Zeit des Bereuens

Fasnacht ist kein Hochglanzprospekt, und gerade deswegen wird sie so innig geliebt, so bunt und lautstark gefeiert. Weil Menschen miteinander ins Gespräch und einander nahekommen. Weil man sich schunkelnd, bei den Barnachbarn links und rechts eingehakt, wortlos versteht. Und weil dieser Ausnahmezustand nur sechs Tage anhält. Deshalb gilt es, die letzten Fasnachtsstunden noch auszukosten. Lassen Sie sich nochmals umwickeln von den Tentakeln der Fasnacht, gönnen Sie sich noch ein Holdrio, stürzen Sie sich ins bunte Treiben. Denn sie kommt bestimmt, die Zeit des Katerjammers, aber auch der Wehmut über das jähe Ende der fünften Jahreszeit. Trösten kann die Erkenntnis, dass nach der Fasnacht bekanntlich vor der Fasnacht ist. Und dass der Fasnacht wohl ein längeres Leben beschieden ist als real existierenden Kraken. Diese leben selten länger als drei Jahre.

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