LUZERN: Fehler in der Diebold-Schilling-Chronik

Ein Luzerner Autor veröffentlicht den berühmten Bildband von Diebold Schilling in einer neuen Version. Diese bringt Erstaunliches zu Tage.

Daniel Schriber
Drucken
Teilen
Stefan Ragaz präsentiert in der Zentral- und Hochschulbibliothek sein neues Buch. Im Vordergrund das Original der Diebold-Schilling-Chronik. (Bild Dominik Wunderli)

Stefan Ragaz präsentiert in der Zentral- und Hochschulbibliothek sein neues Buch. Im Vordergrund das Original der Diebold-Schilling-Chronik. (Bild Dominik Wunderli)

Irgendwann gegen Ende des letzten Jahres spazierte Stefan Ragaz durch die Stadt Luzern. Vor dem Reusssteg blieb der 54-jährige Historiker und Journalist stehen und schaute verdutzt um sich. Irgendetwas schien ihm fremd, fehl am Platz. Nach einer Weile wurde ihm klar, dass es die Jesuitenkirche ist, die stört. «Diese passte nicht in mein Bild von der Stadt.» Ragaz muss schmunzeln, wenn er heute an die Szene denkt. Doch die Skepsis über die Jesuitenkirche kam natürlich nicht von ungefähr. Ursache dafür war sein aktuelles Buchprojekt «Luzern im Spiegel der Diebold-Schilling-Chronik 1513–2013». Der ehemalige stellvertretende Chefredaktor der «Neuen Luzerner Zeitung» nahm das 500-Jahr-Jubiläum zum Anlass, um Schillings Werk in einer modernen Version zu veröffentlichen.

«Ein Werk für jedermann»

Der berühmte Bildband wurde vor exakt 500 Jahren fertiggestellt und gilt bis heute als Prunkstück der Schweizer Geschichtsschreibung. Ragaz hat sich in den letzten zwölf Monaten intensiv mit der Chronik beschäftigt – «so intensiv, dass ich mich manchmal auch neben der Arbeit im beginnenden 16. Jahrhundert wähnte». Und damals stand die Jesuitenkirche nun mal noch nicht.

Wie verstehen wir Schilling heute? Was sehen wir in seinen Bildern? Was sagt die Bildchronik heute über die Luzerner Geschichte? «Die Faszination der Chronik ist ungebrochen», sagt Ragaz. «Mit dem Buch möchte ich alle Leute ansprechen, die sich in irgendeiner Form für die Geschichte der Stadt Luzern interessieren.» Die Texte seien für ein breites Publikum geschrieben, «ein Werk für jedermann». So zum Beispiel für interessierte Schüler; erste Lehrpersonen hätten bereits angeklopft, berichtet der in Adligenswil wohnhafte Autor nicht ohne Stolz. Das Buch, bei dessen Realisierung Ragaz von der Albert-Koechlin-Stiftung unterstützt wurde, zeigt 107 Bildtafeln von Schilling in Originalgrösse und stellt diese in den historischen Kontext. Darunter sämtliche Ansichten der Stadt Luzern, Bilder von Strafprozessen und Schlachten, aber auch sinnliche Darstellungen von Festen und Bräuchen. «Jedes einzelne Bild hat so viel Potenzial», schwärmt Ragaz. Es lohne sich, genauer hinzusehen. Die Geschichten hat der Autor mit Zusatzinformationen, aktuellen Bildern und anschaulichen Grafiken ergänzt. «Als Journalist ist es immer meine Aufgabe gewesen, komplexe Informationen möglichst verständlich und attraktiv wiederzugeben. Diese Erfahrung hat mir beim Buchprojekt geholfen.»

Die «neue Chronik» enthält jedoch nicht nur historische Infos, sondern auch einige brisante Neuigkeiten rund um die Schilling-Chronik. Ragaz ist bei seiner Recherche aufgefallen, dass dem Chronisten bei einer Abbildung der Museggtürme ein Fehler unterlaufen ist. Schilling hat kurzerhand Wacht- und Zeitturm vertauscht. «Ich glaube, das ist vor mir noch niemandem aufgefallen, und auch mich hat der Fehler erstaunt, denn Schilling war detailbesessen.»

Ein Flüchtigkeitsfehler?

Wie aber ist so etwas möglich? Der Autor glaubt, dass es sich dabei um einen Flüchtigkeitsfehler handelt. Zahlreiche faktische Fehler im Text der Chronik seien hingegen erklärbar: «Im Gegensatz zu heute galten Fakten in der damaligen Geschichtsschreibung als wahr, wenn man sich auf Schriftstücke oder Zeugen berufen konnte – egal, ob die Fakten stimmten oder nicht.» Auch Jahreszahlen oder Ortsnamen habe Schilling mehrfach verwechselt. «Viel wichtiger als die Fakten waren die Geschichten hinter den Bildern, die Geschichtsbilder, die in dieser Zeit als Teil der luzernischen und eidgenössischen Identität entstanden und die bis heute nachwirken.» Gerade deshalb gilt die Luzerner Chronik mit der Reichhaltigkeit ihrer Bildaussagen über das Spätmittelalter bis heute als unübertroffen.

Seltener Blick auf die Original-Chronik

Die Vernissage zum neuen Buch von Stefan Ragaz findet am Dienstag um 19.30 Uhr in der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (ZHB) statt. Die Besucher erwarten nicht nur diverse Redebeiträge – unter anderem der Historiker Kurt Messmer und Valentin Groebner –, sondern auch die seltene Gelegenheit, einen Blick auf die Original-Chronik von Diebold Schilling zu werfen. Die 500 Jahre alte Handschrift, die normalerweise unter Verschluss aufbewahrt wird, wird für einen Abend in der ZHB ausgestellt – natürlich unter strengen Sicherheitsvorkehrungen.

HINWEIS
Das Buch «Luzern im Spiegel der Diebold-Schilling-Chronik 1513–2013» kann im LZ-Abopass für 64 Franken bezogen werden.

www.abopassshop.ch


Daniel Schriber