LUZERN: Feldhasen hoppeln immer seltener über unsere Wiesen

Die Population der Feldhasen schrumpft. Allerdings: Die Jäger – Hasen dürfen nach wie vor geschossen werden – zählen viel mehr Tiere als die Forscher.

Matthias Stadler
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Ein prächtiger Luzerner Feldhase: Dieses Tier wurde bei Schlierbach in unmittelbarer Siedlungsnähe fotografiert. Der Hase war zuvor offenbar von einer Landmaschine erschreckt worden. (Bild: Leserbild Beat Fischer)

Ein prächtiger Luzerner Feldhase: Dieses Tier wurde bei Schlierbach in unmittelbarer Siedlungsnähe fotografiert. Der Hase war zuvor offenbar von einer Landmaschine erschreckt worden. (Bild: Leserbild Beat Fischer)

Der Kanton Luzern ist ein hartes Pflaster für Meister Lampe. Der Feldhase – Vorbild für so manchen klassischen Schoggi-Osterhasen – wird immer weiter zu­rückgedrängt. Das ist dem Bericht des Schweizer Feldhasenmonitorings 2015, der von der Vogelwarte Sempach herausgegeben wird, zu entnehmen. In Luzern, dem einzigen in der Zentralschweiz untersuchten Kanton, hat Autorin Judith Zellweger-Fischer im Frühjahr 2015 sechs Gebiete untersucht. In deren vier wurde kein einziger Feldhase gesichtet. Betroffen sind die Gebiete zwischen Rotsee, Root und Eschenbach, das Gebiet um Eich sowie zwei Gebiete zwischen Sempach und Neuenkirch.

Strassen, Freizeit, Landwirtschaft

Grund für den Rückgang in den vier Gebieten ist laut dem Bericht, dass eini­ge dieser Gebiete in den letzten Jahren weiter überbaut wurden. «Umso wichtiger ist, dass die verbleibenden offenen Kulturlandschaften über genügend naturnahe Strukturen und ökologisch wertvolle Flächen verfügen.»

Jael Hoffmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Vogelwarte, ergänzt auf Anfrage, dass mehr Strassen gebaut worden seien und Freizeitaktivitäten zugenommen hätten, was der Hasenpopulation nicht dienlich sei. Zudem sei auch die Landwirtschaft intensiver geworden. «Es werden grössere Maschinen verwendet, man kann die Felder früher im Jahr bearbeiten. Das stellt vor allem für die Junghasen ein Problem dar.»

Eine «Feldhasen-Ausnahme» ist die Wauwiler Ebene. Dort konnte in den letzten Jahren eine wachsende Population festgestellt werden. 2015 lag sie laut dem Monitoringbericht bei 2,8 Feldhasen pro 100 Hektaren. Diese Fläche entspricht rund 140 Fussballfeldern. Trotzdem: Anfang der 90er-Jahre lag dieser Wert noch bei 5 Feldhasen pro 100 Hektaren. Hoffmann ergänzt, dass dieses Jahr neue Zählungen stattgefunden haben und ein erneuter Zuwachs der Population festgestellt worden sei. «Dieses Jahr zählten wir in der Wauwiler Ebene erfreulich viele Feldhasen. Dies ist möglicherweise ein Erfolg der Aufwertungsmassnahmen der Landwirte.» Wie gross der Zuwachs ist, könne aber noch nicht gesagt werden, die Zahlen seien noch nicht offiziell.

Wieso es in der Wauwiler Ebene mehr Hasen hat als anderswo im Kanton, weiss Feldhasen-Experte Hans Peter Pfister. Er hatte das Feldhasenmonitoring der Vogelwarte Anfang der 90er-Jahre initiiert. «Die Ebene ist relativ gross, flach, hat im vielfältigen Naturschutzgebiet Wauwilermoos gute Deckungen und darum herum viel offenes Gelände.» Und es würden seit Jahren Revitalisierungsbemühungen der Vogelwarte in Zusammenarbeit mit Bauern, Gemeinden, Jägern und Naturschützern laufen. Trotzdem sei auch die Wauwiler Ebene nicht ideal für Feld­hasen, denn oft seien die Verhältnisse zu nass. «Hasen mögen Trockenheit und sandige Böden», erklärt Pfister.

19 Hasen von Jägern erlegt

Der Feldhase ist in der Schweiz auf der roten Liste, gilt somit als bedrohte Tierart. Trotzdem darf er im Kanton Luzern gejagt werden, wie Philipp Amrein, Leiter des Fachbereichs Jagd und Fischerei bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern, sagt. Die Jagdzeit ist allerdings nur kurz; vom 1. November bis 15. Dezember. Zudem: «Die grosse Mehrheit der 123 Luzerner Jagdreviere schützt und schont ihre Feldhasen auch ausserhalb der Schonzeit. In wenigen Revieren mit guten Beständen werden noch ganz vereinzelt Tiere erlegt», erklärt Amrein. 2014 seien 19 Feldhasen erlegt worden.

Amrein relativiert zudem die Befunde der Vogelwarte: So seien Erhebungen über Wildbestände in der Regel Momentaufnahmen. Er ergänzt, dass gemäss Angaben der zuständigen Jagdgesellschaften vergangenes Jahr im Gebiet Ebikon-Hundsrücken, Adligenswil, Eschen­bach und Inwil insgesamt 30 Feld­hasen gezählt worden seien. In den Gebieten Sempach, Neuenkirch und Eich deren 21. Diese Erhebungen würden meist während mehrerer Tage gemacht.

Mähen verhindert Wachstum

Ivo Wolfisberg vom Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband sagt, dass die Förderung des Feldhasen «sehr anspruchsvoll» sei. «Denn es ist einfach so, dass die Flächen im Kanton vorwiegend als Grünland genutzt werden und die intensive Schnittnutzung dem Feldhasen nicht entgegenkommt.» Viele Zwischenfälle, bei denen Landmaschinen Feldhasen töten, gibt es laut Wolfisberg nicht. Wenn, dann seien es Jungtiere, die sich im hohen Gras ducken, wenn eine Mähmaschine auffährt.

In Luzern brauche es viel, damit sich die Feldhasen-Population wieder erhole, führt Experte Hans Peter Pfister aus. «Die Bauern müssen dafür gewonnen werden, denn es braucht Buntbrachenflächen im Kulturland, Extensivwiesen und Niederhecken, worin sich die Hasen zurückziehen und Junge setzen können.» Buntbrachen sind Ökoausgleichsflächen, auf denen beispielsweise Wildkräuter angesät und die nicht bewirtschaftet werden. Ausserdem wären laut Pfister grössere Pufferzonen an Gewässern von Vorteil. Zudem brauche es Geduld. Es gebe immer wieder ungünstige Phasen, in denen man einfach nichts machen könne. So habe man auf die klimatischen Einwirkungen keinen Einfluss, welche die Hasenentwicklung massgeblich prägen.

Matthias Stadler