LUZERN: Felssturzgefahr: Jetzt wird der Risikohang saniert

Seit kurzem erst werden an der Sagenmattstrasse die Felsbewegungen mit Sensoren überwacht – auch weil hier bald noch mehr Menschen wohnen sollen.

Yasmin Kunz
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Unruhiger Fels: Fachleute überprüfen einen der automatischen Sensoren. (Bild Philipp Schmidli)

Unruhiger Fels: Fachleute überprüfen einen der automatischen Sensoren. (Bild Philipp Schmidli)

In der Nacht auf Dienstag drohte in der Sagenmattstrasse eine Felswand einzustürzen. Die automatische Überwachung löste wegen Bewegungen im Fels einen Alarm aus, worauf die Polizei mit der Feuerwehr der Stadt Luzern 125 Personen aus dem unmittelbar neben der Wand stehenden Hochhaus evakuierte. Die Bewohner wurden ins Feuerwehrgebäude an der Kleinmattstrasse transportiert und von rund 40 Mitarbeitern des Zivilschutzes betreut.

Jetzt fährt in der Luzerner Sagenmattstrasse der Bagger auf. Grund: Ein Teil der Felswand ist instabil und muss abgetragen werden. In der Nacht auf den 19. Januar ist es dort zu massiven Felsbewegungen gekommen, weshalb die Bewohner eines Hochhauses (rechts) ihre Wohnungen vorübergehend verlassen mussten. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
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Ein Geologe betrachtet den Sensor, welcher den Alarm ausgelöst hat. (Bild: Philipp Schmidli)
Diese Sirene schlug Alarm. (Bild: Philipp Schmidli)
Die automatische Überwachung löste in der Nacht auf den 19. Januar um 2.47 Uhr an der Sagenmattstrasse einen akustischen Alarm aus. Darauf rief eine Anwohnerin die Polizei an, welche den Einsatz auslöste. (Bild: René Meier)
Die Sagenmattstrasse ist gesperrt. (Bild: René Meier)
Eine rund 20 Meter hohe Felspartie ist innert weniger Stunden rund 1,5 Millimeter in Bewegung geraten. (Bild: René Meier)
Ein solcher Rutsch ergibt sich sonst über mehrere Jahre hinweg. Auf dem Bild ist der Block zu sehen, aus dem 125 Bewohner evakuiert werden mussten. (Bild: René Meier)
Seit 1992 wird der Fels überwacht. (Bild: René Meier)
Seit gut einem halben Jahr ist eine automatische Überwachungsanlage mit vier Sensoren in Betrieb. Erst vor Weihnachten wurde die Anlage feinjustiert. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Aufgrund des Alarms habe man vom Schlimmsten ausgehen müssen, sagte der zuständige Geologe Beat Keller an einer Medienkonferenz am Dienstagvormittag. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Einsatzkräfte bei der Lagebeurteilung am Dienstagmorgen beim Kreuzstutz. (Bild: René Meier)

Jetzt fährt in der Luzerner Sagenmattstrasse der Bagger auf. Grund: Ein Teil der Felswand ist instabil und muss abgetragen werden. In der Nacht auf den 19. Januar ist es dort zu massiven Felsbewegungen gekommen, weshalb die Bewohner eines Hochhauses (rechts) ihre Wohnungen vorübergehend verlassen mussten. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)


Ebenfalls im Einsatz stand der Luzerner Geologe Beat Keller. Er wertet die Daten der automatischen Überwachung aus und kann die Gefahren einschätzen. Diese ergeben sich daraus, dass sich das Wohnhaus und ein benachbarter Gewerbebau auf dem Gelände eines ehemaligen Steinbruchs befinden. Die dahinterliegende Felswand ist also nicht natürlich, sondern ein von Menschen geschaffenes Werk.

Beat Keller erklärt, dass sich in der Nacht auf gestern eine vorgelagerte Felsplatte innert Stunden und mit zunehmender Tendenz um 1,5 Millimeter bewegt hat. Das mag als wenig erscheinen, ist aber gemäss Keller immens: «Normalerweise braucht ein Fels mehrere Jahre, um sich derart zu verschieben.»

ABL forciert Felssicherung

Seit vergangenem Juli lässt man den Fels von vier Sensoren überwachen. Zuvor überprüfte man die 160 Meter lange und bis zu 50 Meter hohe Wand mittels manueller Technik. Dabei wurden Kontrollen nur im Halbjahresrhythmus durchgeführt. Dass seit letztem Jahr die Sensoren angewendet werden, liegt auch daran, dass die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL) vergangenen April das erwähnte Gewerbegebäude von der Bächler-Sidler AG gekauft hat und dort bauen will. Keller erklärt: «Wir haben der ABL eine automatische Felsüberwachung empfohlen, und sie hat diese Sicherheitsmassnahme befürwortet.»

Das bestätigt auch Benno Zgraggen, Mediensprecher der ABL. Beschlossene Sache ist zudem, dass die ABL den ganzen Hang auf der eigenen Parzelle sichern lässt. «Die Arbeiten beginnen im Frühling, wir erwarten nächstens die Baubewilligung», sagt er. Zur Sicherung gehört auch die Entfernung der vorgelagerten Felsplatte. Der Vorfall von vorletzter Nacht ist für Zgraggen eine Bestätigung, dass das Vorgehen richtig sei. Bis die ABL allerdings einen Ersatzbau erstellt, wird es noch dauern: Die Firma Bächler-Sidler hat einen Mietvertrag bis 2025.

Sensoren: Grenzwerte angepasst

Interessant: Nur ein halbes Jahr nachdem die Sensoren eingebaut wurden, hat man Anfang Jahr den für einen Alarm relevanten Wert neu bestimmt. Grund: Die neuen Grenzwerte stützen sich auf das bisherige Verhalten der Felswand seit 1992 und neu auch auf genaue Temperaturmessungen. Keller: «Der Stein ‹atmet› mit der Temperatur, er ist keine starre Masse. Wenn es kalt wird, zieht sich das Gestein zusammen, und diese Komponente gilt es ebenfalls zu berücksichtigen.»

Ende Woche ist die Felsplatte weg

Gestern noch ist ein Grossbagger an der Sagenmattstrasse aufgefahren. Denn jetzt wird die instabile, sich bewegende Felsplatte, die bis zu 20 Meter hoch und ungefähr 50 Meter breit ist, vorsichtig Block für Block abgetragen. «Diese Gefahrenstellen müssen wir nun schleunigst eliminieren», sagt Keller. Er geht davon aus, dass die Felsplatte bis Ende Woche weg ist. Diese Massnahme ist nötig, um im Frühling dann die Sanierungsarbeiten am Hauptfelsen vorzunehmen. Konkret plant man, die Wand mit Dutzenden dicken Betonrippen zu stabilisieren.

Die Sensoren in der Felswand sind nach wie vor aktiv und werden im Moment dauerhaft überwacht. Trotzdem bleibt für die Bewohner, die gestern Morgen nach Klärung der effektiven Gefährdungssituation wieder in ihre Wohnungen zurückkehren konnten, bis zur Sanierung eine Unsicherheit.

Yasmin Kunz

«Die Polizei hat geläutet und gepoltert»

Evakuierung gus. Hektisch ging es her im Hochhaus mit der backsteinfarbenen Fassade an der Sagenmattstrasse 11. Zwischen 3 und 4 Uhr mussten in der Nacht auf gestern Polizisten auf 14 Etagen mit 56 Wohnungen 125 Bewohner aus dem Schlaf klingeln und klopfen.

Betroffen war auch Kaspar Huber (85): «Ich erwachte um 3.45 Uhr, als die Polizei läutete und an meine Türe polterte», sagt er. «Es hiess: Felssturzgefahr! Ziehen Sie sich warm an und kommen Sie sofort mit!», schildert Huber die Ereignisse. Erst seien die Bewohner in die Turnhalle des St.-Karli-Schulhauses gebracht worden, ab 4.30 Uhr zum Feuerwehrdepot beim alten Hallenbad. Um 8 Uhr konnten die Bewohner wieder nach Hause. Huber steht der ganzen Übung kritisch gegenüber: «Ich glaube nicht, dass hier wirklich eine Gefährdung besteht», sagt er. Er lebt bereits seit der Fertigstellung des Hochhauses 1960 darin. «Bevor man die Sensoren eingebaut hatte, gab es nie einen Zwischenfall.» Huber vermutet deshalb, dass die Sensoren zu sensibel eingestellt sind.

Dank an die Helfer
Auch Elfie Grendene (80), die bereits seit 18 Jahren in ihrer Wohnung im 14. Stock lebt, hat gemischte Gefühle, während sie in ihre Wohnung zurückkehrt. Gleichzeitig ist sie den Einsatzkräften sehr dankbar: «Die haben das bravourös gemeistert und sich sehr aufmerksam um uns gekümmert und für unser leibliches Wohl gesorgt.» So gab es am Morgen auch ein Frühstück im Feuerwehrdepot. Grendene kann der Nacht-und-Nebel-Aktion auch Positives abgewinnen: «In dieser Nacht kam es zu vielen Gesprächen unter den Bewohnern. Ich wünsche mir, dass dieses Ereignis die Leute im Haus etwas näher zusammenbringt.»

Viele Familien
Froh, dass er in die Wohnung zurückkehren konnte, war gestern auch Driton Istogu. Der 44-jährige Buschauffeur und Vater von zwei Kindern nimmt die Aktion gelassen. Der instabile Fels beunruhigt ihn weniger stark als der Gedanke, dass alle Bewohner Hals über Kopf ausziehen müssten: «Hier wohnen sehr viele Familien und ältere Leute. Wo würden wir alle bei einem Felssturz unterkommen?»

«Wo würden wir alle bei einem Felssturz unterkommen?» Driton Istogu, Bewohner. (Bild: Guy Studer / Neue LZ)

«Wo würden wir alle bei einem Felssturz unterkommen?» Driton Istogu, Bewohner. (Bild: Guy Studer / Neue LZ)


Aus dem Schlaf geholt wurde auch Margrit Spirig-Zehnder. Ihre Familie besitzt das Hochhaus an der Sagenmattstrasse 11, sie verwaltet es. «Um 4 Uhr rief die Polizei an. Ich konnte es kaum glauben und dachte erst an einen Fehlalarm.» Die Besitzerin ist über die Gefahr, die von der Felswand ausgeht, im Bild. Sie ist deshalb froh darum, dass es jetzt mit der Sanierung vorwärtsgeht.

Auch Florian Bächler, Geschäftsführer der Druckerei Bächler-Sidler an der Sagenmattstrasse 7, wurde frühmorgens mit der Situation konfrontiert: «Wir konnten nicht alle Mitarbeiter rechtzeitig informieren, weshalb einige am Morgen vor verschlossenen Türen standen.» Ausserdem kann der hintere Teil des Gebäudes nicht genutzt werden, bis die labile Felsplatte abgetragen ist, «davon ist auch eine Druckmaschine betroffen». Für diesen Fall habe die Firma aber eine Betriebsausfallversicherung. Für Bächler ist die Situation denn auch nicht so dramatisch, wie er sagt. «Wir leben ja schon lange mit dieser Felswand hinter uns.»