Hitzige Diskussion um Flugverbot für Luzerner Kantischüler: Wie viele Flüge braucht es für eine gute Bildung?

Wie viele Flüge braucht’s für eine gute Bildung? Das diskutieren Luzerner Kantonschullehrer derzeit hitzig. Dass es bald zu einem generellen Flugverbot kommt, scheint allerdings unrealistisch. Auch weil Schüler schon jetzt nur in Ausnahmefällen abheben.

Raphael Zemp
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Abheben in Kloten: Für Luzerner Kantonsschüler ist dies im Rahmen von Studienreisen nur in Ausnahmefällen erlaubt. (Bild: Keystone, Gaetan Bally)

Abheben in Kloten: Für Luzerner Kantonsschüler ist dies im Rahmen von Studienreisen nur in Ausnahmefällen erlaubt. (Bild: Keystone, Gaetan Bally)

«Sind die Hunderttausenden Flugkilometer, die Luzerner Gymnasiastinnen im Rahmen von Schulprojekten zurücklegen, noch zu verantworten?» Diese Frage wirft Markus Elsener, Präsident des Verbands Luzerner Mittelschullehrerinnen und Mittelschullehrer (VLM), in der neusten Verbandspublikation auf – und spricht damit ein Thema an, das angesichts der gegenwärtigen Klimaproteste an Relevanz gewonnen hat. Dabei gehe es nicht nur um die Glaubwürdigkeit der Protestierenden, sondern auch um jene der Lehrpersonen, so Elsener: «Lassen wir den Worten zu Klimawandel und Klimaschutz auch Taten folgen?»

Für die meisten Schulprojekte gilt: ja. Zwar kennen die Luzerner Kantonsschulen kein striktes Flugverbot (mit Ausnahme der Kantonsschule Schüpfheim), wohl aber die Empfehlung, auf Flugreisen zu verzichten. Das führt dazu, dass laut Aldo Magno, Leiter der Dienststelle Gymnasialbildung des Kantons Luzern, «nur in Ausnahmefällen für schulische Projekte geflogen wird».

Konkret heisst das: Nur eine bis zwei Klassen erhalten pro Jahr und Schule eine Ausnahme. Mal fliegt so die Freifachklasse Italienisch nach Rom (Kanti Musegg), mal der Speaking Club nach London (Kantonsschule Sursee). Selten entführt das Flugzeug einen Klassenverbund aber auch nach Indien (Kantonsschule Alpenquai). Beim sogenannten «schweizerisch-indischen Klassenzimmer» handelt es sich um ein spezielles Austauschprogramm, finanziert mit Fördergeldern, das laut Alpenquai-Rektor Hans Hirschi bisher zweimal durchgeführt worden ist. Das «wechselseitige Kennenlernen der Schülerinnen und Schüler Face to Face» habe zu einer besonderen Qualität des Austausches geführt und zu Beziehungen, die das eigentliche Projekt überdauert haben. Er sagt:

«Die Frage, ob und wie weit dieser Mehrwert die ökologischen Kosten rechtfertigt, darf und soll diskutiert werden.»

Die Gründe für den restriktiven Umgang mit Flugreisen liegen auf der Hand: Kein anderes Transportmittel verursacht pro Person so viel Treibhausgase wie das Flugzeug. Ebenso bekannt sind aber auch dessen Vorzüge: Es ist unglaublich schnell und oft genug unverschämt billig.

Das sind denn auch häufig genannte Gründe, warum Lehrpersonen laut Elsener trotz ökologischen Bedenken sowie «verbreitetem Verständnis für die Anliegen der Klimajugend» am Fliegen festhalten wollen. Und bisher siegreich aus den vielen Verbotsdiskussionen herausgegangen sind, die Schulen teils schon seit Jahren führen. «Wenn die Alternativen per Zug oder Bus zu teuer sind oder zu lange dauern, werden oft Ausnahmen gewährt», so Elsener weiter. Zudem liessen sich Lehrpersonen grundsätzlich nicht gerne «in ihrer Lehrfreiheit einschränken»: «Sie wollen ihre Projekte so durchführen, wie sie es für richtig empfinden.» Und zu guter Letzt müssten die Luzerner Kantischüler bei einem absoluten Flugverbot wohl künftig auf das eine oder andere Projekt verzichten. Etwa auf Austauschprojekte nach Übersee. «Eine Reise wäre dann nicht mehr möglich», so Elsener.

Laut Dienststellenleiter Magno sollen gewisse Ausnahmen auch künftig möglich sein – «sofern echtes Lernen stattfindet». Das ändere allerdings nichts am Umstand, dass sich jede Schule konsequent fragen müsse, welche Aktivitäten ökologisch noch vertretbar seien. «Wie sinnvoll ist es etwa, logistisch sehr aufwendige Skitage durchzuführen?»

Klimafonds soll Lehrer überzeugen

Kritisch Hinterfragen ist zwar wichtig. Gehandelt ist damit aber noch nicht. Um den Lehrpersonen die oftmals schwierigen Entscheidungen zu erleichtern, bringt Spanisch- und Englischlehrer Elsener deshalb eine neue Idee ins Spiel: einen Klimafonds. Dieser könnte sich etwa aus einem freiwilligen Ökozuschlag auf Parkgebühren an Kantonsschulen speisen und immer dann angezapft werden, wenn es ökologisch verträglicheres Reisen zu subventionieren gilt. Denn: «Ein Flugverbot ist weder mehrheitsfähig, noch besonders pädagogisch», sagt Elsener. «Statt Verbote für die Lehrerschaft braucht es vielmehr deren Überzeugung für einen glaubwürdigen Klimaschutz.»