LUZERN: Gas ist für Kanton heisse Luft

Der Bund empfiehlt den Kantonen, in allen Schulen Messungen zum radioaktiven Radon durchzuführen. Das sei unverhältnismässig, entgegnet der Kanton Luzern.

Alexander von Däniken
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Wie schlimm ist die radioaktive Radon-Belastung für Luzerner Schüler und Kindergärtner? Unter anderem mit solchen Messgeräten werden Radonwerte gemessen. (Symbolbild Keystone/Urs Flüeler)

Wie schlimm ist die radioaktive Radon-Belastung für Luzerner Schüler und Kindergärtner? Unter anderem mit solchen Messgeräten werden Radonwerte gemessen. (Symbolbild Keystone/Urs Flüeler)

Alexander von Däniken

Das natürliche, radioaktive Gas Radon spaltet Bund und Kantone. Es wird aus dem in den Mineralien des Bodens enthaltenen Uran ständig neu gebildet und gelangt mit der Bodenluft ins Gebäudeinnere (siehe Box). Die Masseinheit der Konzentration von Radon in der Luft ist Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m³). Derzeit gilt in der Schweiz für Gebäudeinnenräume ein Grenzwert von 1000 Bq/m³. Wird der Wert überschritten, kann der Eigentümer zu einer Sanierung verpflichtet werden. Der Bund will mit dem 2011 verabschiedeten Aktionsplan «Radon 2012 bis 2020» erreichen, dass die Kantone alle Kindergärten und Schulen auf Radon untersuchen und bei zu hohen Konzentrationen Sanierungen einleiten. Denn das Gas verursacht laut Hochrechnungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) in der Schweiz 200 bis 300 Todesfälle pro Jahr – Ursache: Lungenkrebs. Grund für die Offensive des Bundes: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den Grenzwert bei 300 Bq/m³ festgelegt. Das soll auch in der Schweiz gelten. Die entsprechende Revision der Strahlenschutzverordnung lässt aber noch auf sich warten.

Luzern: Rauchprävention ist besser

Wann startet der Kanton Luzern mit der flächendeckenden Messung in Schulhäusern und Kindergärten? «Gar nicht», sagt Natalie Kamber, Medienbeauftragte der Dienststelle für Umwelt und Energie des Kantons. «Wir haben schon viele Messungen in privaten Gebäuden und auch in Schulhäusern durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass sich die Radonkonzentration im Kanton in Grenzen hält. Nirgends wurden Besorgnis erregende Konzentrationen festgestellt.» Die Fachleute der Dienststelle zweifeln am Kosten-Nutzen-Verhältnis der Massnahme. Und das aus mehreren Gründen. Von den hochgerechnet 300 Todesfällen könnten theoretisch höchstens 3 Prozent durch Sanierungen vermieden werden, weil laut Kamber nur so viele Gebäude selbst den tiefen Richtwert überschreiten. Zudem handelt es sich bei mehr als 90 Prozent der vom BAG angeführten Todesfälle um Raucher. «Wegen des verschwindend kleinen Risikos für Schulkinder durch Radon Millionen Franken für Messungen und Schulhaussanierungen auszugeben, macht keinen Sinn. Dasselbe Geld in Rauchprävention investiert könnte um ein Vielfaches mehr Lungenkrebs vermeiden», sagt Kamber

Stutzig macht Kamber auch die vom BAG angeführte Dosis. Denn der Grenzwert von 1000 Bq/m³ wird für eine Dauer von 7000 Jahresstunden berechnet. Das sind mehr als 19 Stunden an 365 Tagen des Jahres. «So lange halten sich Schüler nicht in Schulhäusern auf.» In der Vergangenheit sind die Messungen oft während der Ferien durchgeführt worden. Dann wird weniger gelüftet. «Durch regelmässiges Lüften wird die Radonkonzentration aber erheblich gesenkt», sagt Kamber. Der Kanton unterstütze Messungen in privaten Häusern und biete auch Beratungen an. «Dass der Bund aber Schulhäuser gleich gewichtet wie Wohngebäude, ist fragwürdig. Zumal nicht einmal bewiesen ist, dass Kinder ein höheres Risiko wegen Radon haben.»

Zürich: «Unverhältnismässig»

Luzern ist nicht der einzige Kanton, der sich gegen den Bund stellt. «Angesichts der generell geringen Belastung im Kanton Zürich wäre es aus unserer Sicht unverhältnismässig, die sehr aufwendigen Messungen in allen Schulen und Kindergärten durchzuführen», erklärte kürzlich Wolfgang Bollack von der Zürcher Baudirektion gegenüber dem «Landboten». Zug und Schwyz haben ihre Schulhäuser und ihre Kindergärten messen lassen. Fazit: In Zug mussten nur 2 von 306 Gebäuden saniert werden, in Schwyz 6 von 297 Gebäuden.

Rechtfertigt sich der Aufwand? Ja, sagt Andreas Türler. Er ist Professor für Radiochemie und Vizepräsident der Eidgenössischen Kommission für Strahlenschutz und Überwachung der Radioaktivität (KSR). «Dass überall gemessen wird, ist sicher sinnvoll. Denn dass Radon Lungenkrebs fördert, ist unbestritten.» Türler plädiert hingegen für einen Spielraum, wann Sanierungen gemacht werden müssen. «Dass wegen eines Becquerels zu viel gleich saniert werden muss, ist nicht sinnvoll.»

Studien beweisen: Kinder gefährdet

Türler bestätigt die Aussage des BAG, dass zu hohe Radonkonzentrationen auch für Kinder gefährlich sein können; dazu gebe es neuere Studien. Kinder würden empfindlicher auf ionisierende Strahlung reagieren als Erwachsene. Klare Nachweise gibt es hingegen nicht: «Das ist nicht möglich, weil jeder Mensch anders reagiert. Es gibt auch Raucher, die alt werden. Dennoch ist unbestritten, dass Rauchen für die Mehrheit schädlich ist.» Die Pläne, den Grenzwert auf 300 Bq/m³ zu senken, seien aufgrund der Harmonisierung mit der WHO-Richtlinie sinnvoll. Betreffend Verhältnismässigkeit sagt der Experte: «In der Schweiz sterben etwa so viele Menschen an Radon wie im Strassenverkehr. Bauliche Massnahmen bei zu hohen Radonwerten machen also Sinn.»

Trotzdem versteht Türler die Bedenken der Kantone. Denn laufe es auf Sanierungen hinaus, könne es teuer werden. Darum mache es vorderhand Sinn, den Fokus auf Gebiete mit hohen Radonwerten zu legen. Diese liegen überwiegend im Tessin, in Graubünden und im Jura. Wichtig sei auch die Sensibilisierung der Bevölkerung: «Nebst der Aufklärung über die Risiken von Radon gehören auch Messungen bei Um- und Neubauten dazu, die mittlerweile praktisch Standard sind.»

Radon fördert Lungenkrebs

avd. Radon ist ein natürliches, radioaktives Edelgas. Es entsteht beim Zerfall von Uran, das fast überall im Boden vorkommt. Radon hat am gesamten Strahlungsaufkommen auf der Erdoberfläche den bei weitem grössten Anteil. Gefährlich kann Radon vor allem in schlecht gelüfteten Innenräumen werden. Je höher der Radongehalt in der Umgebungsluft ist, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu erkranken. Raucher haben dabei ein zehnmal höheres Risiko: Rund 2700 Menschen pro Jahr sterben in der Schweiz an Lungenkrebs. In 200 bis 300 Fällen ist Radon verantwortlich. Davon wiederum sind 10 bis 20 Nichtraucher.

Höheres Risiko im Parterre

In Mehrfamilienhäusern weisen Parterrewohnungen das grösste Risiko für erhöhte Radonkonzentrationen auf. Das gilt auch für Terrassenhäuser und Einliegerwohnungen in Kellergeschossen. Es kann jedoch vorkommen, dass via Versorgungskanäle Radon aus dem Keller auch in höhere Stockwerke gelangt.

HINWEIS
Weitere Informationen unter https://uwe.lu.ch/themen/radon