LUZERN: Gemeinden sind gegen Deutschzwang

Die Regierung will Gemeinden verpflichten, fremdsprachige Kinder noch vor dem Kindergarten in Deutschkurse zu schicken. Zu teuer, kontern die Gemeinden.

Alexander von Däniken
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Spezielle Sprachförderung für fremdsprachige Kinder in einer Spielgruppe in Nebikon. (Archivbild Manuela Jans-Koch)

Spezielle Sprachförderung für fremdsprachige Kinder in einer Spielgruppe in Nebikon. (Archivbild Manuela Jans-Koch)

Alexander von Däniken

Integration gelingt vor allem über die Landessprache, das ist unbestritten. Wie früh und wie stark der Hebel angesetzt werden soll, darüber gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Exemplarisch ist ein Teil des revidierten kantonalen Volksschulgesetzes, welches Anfang nächste Woche im Luzerner Kantonsrat beraten wird. Konkret will der Regierungsrat, dass Kinder im Vorschulalter zum Besuch eines Förderangebots verpflichtet werden können, wenn sie nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen.

Gemeinden zahlen zwei Drittel

Auch wenn die Gemeinden von den jeweiligen Eltern für den Deutschkurs «einen angemessenen Betrag» verlangen können, wie die Regierung in ihrer Botschaft schreibt, müssen die Gemeinden mit Kosten von rund 200 000 Franken pro Jahr rechnen. Dazu steuert der Kanton 100 000 Franken bei. Rund 600 Kinder pro Jahr sollen das neue Angebot in Anspruch nehmen – und das am besten noch vor dem Kindergarten, schreibt die Regierung.

Dieser Meinung waren in der Vernehmlassung die Schulpflegen, der Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverband (LLV), der Schulleiterverband, die kantonalen Ämter und die Landeskirchen. Bei den Parteien sprachen sich SP, Grüne Junge Grüne und Grünliberale dafür aus, CVP, FDP, Jungfreisinnige und zum Teil auch die SVP dagegen. Die kantonsrätliche Kommission Erziehung, Bildung und Kultur (EBKK) schlug einen Kompromiss vor: Ja zum neuen Angebot, aber nicht als Pflicht und erst im ersten freiwilligen Kindergartenjahr. Für 73,1 Prozent aller Gemeinden ist der Deutschzwang generell keine Lösung. Auch der Verband der Luzerner Gemeinden (VLG) will die Verpflichtung nicht.

Nutzen ist unbestritten

Ursi Burkart-Merz, Bildungsverantwortliche im VLG und Gemeindepräsidentin von Adligenswil, führt als ersten Grund die Kosten an: «Die finanzielle Situation der Gemeinden lässt zusätzliche Angebote nicht zu – auch wenn sie wie hier unbestritten Sinn machen.» Konkret könnten vorschulische Angebote die Gemeinden sogar entlasten, wenn später Angebote wie die Integrierten Förderung (IF) oder Deutsch als Zweitsprache (DAZ) weniger genutzt werden. «Nur können wir kein zusätzliches Angebot mehr tragen.» Zumal längst nicht alle Eltern die Kosten für die Kurse bezahlen können.

Die Gemeinden stören sich laut Burkart auch am Zwang: «Damit wird die Gemeindeautonomie beschnitten.» Besser gefalle ihr darum der Kompromissvorschlag der EBKK. So können die Gemeinden freiwillig entscheiden, wie verpflichtend sie ein Angebot gestalten wollen und ob sie dafür auf bestehende Strukturen wie Spielgruppen oder freiwillige Kindergärten zurückgreifen wollen. Burkart stellt zuletzt ein Fragezeichen hinter die Zuordnung des neuen Angebots zur Bildung: Diese beginne ja grundsätzlich mit der obligatorischen Schulzeit und nicht schon vorher. Aufgrund der Parteimeinungen ist es gut möglich, dass die Mehrheit des Kantonsrats nächste Woche das Vorhaben der Regierung kippt und dem Vorschlag der Bildungskommission folgt.

«Je früher desto besser»

Für den Lehrerinnen- und Lehrerverband ist klar, dass eine sprachliche Integration möglichst frühzeitig erfolgen muss, wie Geschäftsführer Kaspar Bättig erklärt. «Je früher dieser Schritt erfolgt, desto besser.» Dass die Gemeinden die Deutschpflicht vor allem aus finanziellen Gründen ablehnen, kann Bättig nachvollziehen. Letztlich sei das ein politischer Entscheid. Dennoch sei der nachhaltige Nutzen des Angebots unbestritten.

Möglicherweise wollten die Gemeinden mit dem Nein auch ein Zeichen setzen, wie Bättig mutmasst. Grund: Die Gemeinden wollen den Anteil an den Volksschulkosten von derzeit 75 Prozent reduzieren. Künftig sollen Kanton und Gemeinden jeweils 50 Prozent der Volksschulbildung tragen.

600 Kinder

So viele müssten schon vor dem Kindergarten Deutsch lernen, schätzt die Regierung.


200 000 Franken

Das dürfte das neue Pflichtangebot die Gemeinden kosten. Für die Kanton ist es rund die Hälfte

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73,1 Prozent

Das ist der Anteil der Gemeinden, die gegen den Deutschzwang sind.