Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUZERN: Gesamtschule Eigenthal wird 100 Jahre alt – und sucht dringend eine neue Lehrperson

Sie ist die noch letzte ihrer Art im Kanton Luzern. Im Klassenzimmer sitzen in der Regel Schüler von der 1. bis zur 6. Klasse. Mit der Pension der Lehrerin steht die Schule nun vor einem Problem.
Yasmin Kunz
Oben: Nach einem Vierteljahrhundert ist Schluss – Lehrerin Irène Röthlisberger verlässt die Gesamtschule Eigenthal im Sommer und geht in Pension. Unten: Fast doppelt so lang war Marie Troxler als Lehrerin tätig – 47 Jahre hat sie dort unterrichtet. (Bild: Nadia Schärli (7. März 2018))

Oben: Nach einem Vierteljahrhundert ist Schluss – Lehrerin Irène Röthlisberger verlässt die Gesamtschule Eigenthal im Sommer und geht in Pension. Unten: Fast doppelt so lang war Marie Troxler als Lehrerin tätig – 47 Jahre hat sie dort unterrichtet. (Bild: Nadia Schärli (7. März 2018))

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Seine Besonderheit zeigt sich schon bei der Suche im Internet. Das Haus hat nicht mal eine Adresse. Genauer: Das Schulhaus in Eigenthal findet man nur unter Anleitung. Die Fahrt dahin ist kurvig, der Gegenverkehr marginal, die Wälder und Felder rechts und links noch mit Schnee bedeckt. Ein kalter Wind bläst uns um die Ohren, als wir beim Schulhaus ankommen, das auf den ersten Blick nicht als solches erkennbar ist. Drinnen allerdings ist es warm – auch im übertragenen Sinn. Irène Röthlisberger und ihre 1. und 2.-Klässler sitzen an diesem Vormittag entweder an Matheaufgaben oder an der Zauberwerkstatt. Es ist ruhig im Schulzimmer. Mittendrin Kira. Nein, das ist keine Schülerin, sondern der gutmütige, schon etwas ältere Hund der Lehrerin. Auch er ist seit seiner Geburt Teil der Schule.

Die 2.-Klässler sitzen an Laptops, wo sie Additions- und Multiplikationsübungen machen. Die jüngeren sind mit Postenarbeiten beschäftigt. Tobias (8) zeigt stolz, wie weit er bereits gekommen ist mit der Werkstatt. Alle Zauberhütli hat er mit blauer Farbe ausgemalt. «Diese Posten sind schon fertig», sagt der 1.-Klässler. Dann präsentiert er jeden Stift in seinem Etui. Besonders Freude hat er an den vier Stabilo-Schreibern. Doch diese würde er im Moment nicht brauchen, da er vorerst alles mit Bleistift vorschreibe. Auch Linda (6), die an der Werkstatt sitzt, ist voll motiviert und findet die Aufgaben «bubi». Schnell zählt sie die Symbole auf dem Arbeitsblatt zusammen, trägt die korrekte Zahl ein und hüpft zur Lehrerin ans Pult, um die Aufgabe korrigieren zu lassen.

Altersdurchmischte Klasse seit einem Jahrhundert

Derzeit sitzen nur neun Schülerinnen und Schüler im Schulzimmer. Denn die 3. bis 5.-Klässler besuchen eine Projektwoche in Schwarzenberg, die Gemeinde, zu der auch das Eigenthal zum grössten Teil gehört. «Ich vermisse die älteren Kinder schon», sagt Irène Röthlisberger und lacht. «Es ist ein anderes Unterrichten, wenn alle Schüler vereint sind.» Die Schule Eigenthal ist noch die letzte Gesamtschule im Kanton Luzern. Das heisst: Kinder von der 1. bis zur 6. Klasse sitzen im selben Schulzimmer und werden von der gleichen Lehrperson unterrichtet. Dies nennt man altersdurchmischtes Lernen.

Diese Form von Unterricht löst auch immer wieder negative Kritik aus. Doch im idyllischen Eigenthal funktioniert die Methode seit nun genau 100 Jahren. «Durch das Lernen von- und miteinander wird ein stabiles familiäres und soziales Gefüge aufgebaut», sagt Röthlisberger. Wechsel betrafen während dieser Zeitspanne nur die Lehrer – und das Schulhaus. Das heutige Haus wurde erst 1956 in Betrieb genommen. Im unteren Stock befindet sich das Schulzimmer und das «Stübli», in der oberen Etage wohnt der Schulhausabwart mit seiner Familie. Vorher wurde unter anderem im unteren Ferienheim, welches nun abgerissen ist, unterrichtet.

Irène Röthlisberger hat im Jahr 1993 – nachdem sie schon an verschiedenen Schulen unterrichtet hat – mit wenigen Stellenprozenten dort angefangen. Mit jedem Jahr wuchs ihr Pensum. Heute, kurz vor der Pension, arbeitet die bald 64-Jährige Montag bis Donnerstag in der Schule Eigenthal. Seit mehreren Jahren «unterrichtet sie engagiert und ist mit viel Herzblut dabei», sagt die Schulleiterin Corinne Erni. Die Sprösslinge etlicher Familien haben bei Röthlisberger die Primarschule absolviert.

So sassen denn auch immer Geschwister im gleichen Schulzimmer. Am Tag unseres Besuchs fallen gerade Elterngespräche an. Die Eltern, welche zum Beispiel zwei oder drei Kinder in Eigenthal zur Schule schicken, müssen oftmals nur einmal antraben. «Aber es ist immer nur jenes Kind beim Gespräch dabei, welches auch beurteilt wird.» Die Geschwister würden unterdessen draussen spielen. «Das sind nun die letzten Gespräche», fügt Röthlisberger an. Wenn sie das Wort «letzten» ausspricht, kommt bei ihr Wehmut auf. «Auf der einen Seite freue ich mich auf die Pension, andererseits fällt es mir auch schwer, diese Schule zu verlassen. Wir sind fast wie eine grosse Familie.» So bereitet etwa auch die Lehrerin das tägliche «Znüni» für alle Kinder zu.

Früher hat die Lehrperson, welche in Eigenthal unterrichtet hat, sogar noch das Mittagessen für die Schülerinnen und Schüler gekocht und hat in der oberen Etage gewohnt. Daran erinnert sich Hansruedi Lipp genau. Er, wie auch seine drei Kinder, haben die Schule Eigenthal besucht. Seine Enkelin Linda, die ihre Aufgabe grad «bubi» findet, drückt heute die Schulbank. Später war Lipp dann Mitglied der Schulpflege. Heute übt seine Tochter, die Mutter von Linda, diese Funktion aus. Hansruedi Lipp war allerdings nicht nur Schulpfleger. Er war auch Pöstler, Jäger und der «Hasen-Metzger». Sein Herz schlägt jedoch ganz für diese Schule – noch immer, obwohl er vor mehr als 15 Jahren von der Schulpflege zurückgetreten ist. Er lehrt die Kinder noch heute, die Spuren von Tieren zu lesen. Oder hilft tatkräftig mit, wenn besondere Anlässe bevorstehen – wie etwa für das Jubiläumsfest am 15. Juni 2018.

Ebenso hat sich Lipp Anfang der neunziger Jahre mit einem damals jungen Lehrer dafür eingesetzt, dass für die Schüler ein Skilift gebaut wird, welcher noch heute rege benützt wird. Beim jungen Pädagogen handelt es sich um Simon Kopp, heute Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft. Der ehemalige Schulpfleger erinnert sich noch gut an ihn: «Ein engagierter, motivierter Lehrer. Schade, dass er damals gegangen ist.» Auch Kopp denkt gerne an diese Zeit zurück, wie er sagt. «Noch heute geht mein Herz auf, wenn ich an die Schule und die Menschen denke.» Es sei ein wunderbarer Ort zum Unterrichten gewesen. Er erzählt noch eine Anekdote: «Einmal sind alle Kinder dem Unterricht ferngeblieben und ich stand alleine im Schulzimmer. Später sollte sich dann herausstellen, dass es der Tag der Hasen-Metzgete war. Zu diesem Anlass fällt der Unterricht aus.» Heute, so versichern alle lachend, gibt es das nicht mehr.

Eine Lehrerin hat 47 Jahre in der Tracht unterrichtet

Generell erinnert man sich gut an die ehemaligen Pädagogen – so viele waren es nämlich nicht. Insgesamt zählt die Schule seit 1917 acht Lehrpersonen. Marie Troxler zum Beispiel, stets in der Tracht zum Unterricht erschienen, hat von 1920 bis 1967 unterrichtet, also ganze 47 Jahre. Noch unklar ist, wer auf Röthlisberger folgen wird. Bis jetzt konnte keine Lehrperson rekrutiert werden. «Viele haben Respekt davor, sechs Stufen gleichzeitig zu unterrichten», weiss Schulleiterin Corinne Erni.

Irène Röthlisberger stellt die Herausforderungen, die ein solches System mit sich bringt, nicht in Abrede. «Eine Hand ist fast immer oben», sagt sie und schmunzelt. «Ist das eine Kind wieder beschäftigt, geht einem anderen die Arbeit aus.» Welche Voraussetzungen muss man also mitbringen, um die Aufgabe zu stemmen? «Eine ausgeprägte Fähigkeit zu organisieren», ist sich Röthlisberger sicher. Sie hebt auch Vorteile heraus: «Das Schöne an dieser Stelle ist, dass man mit einer heterogenen Gruppe arbeiten und diese Vielfalt im Unterricht positiv nutzen kann.» Stellt sich die Frage, ob es nicht ab und zu ein bisschen einsam ist ohne Lehrerzimmer-Tratsch? Röthlisberger verneint und sagt, sie sei nicht immer alleine. «Sowohl die Englisch- und Französischlehrpersonen als auch die IF-Lehrerin kommen mehrmals die Woche zum Unterrichten hierhin.»

Für die aktuell 19 Schülerinnen und Schüler sucht die Schulleitung mit Hochdruck nach einer geeigneten Lehrperson, welche die Schule weiterführt. Was, wenn diese nicht gefunden wird? An dieses Szenario wollen die Schulleiterin, die Lehrerin und der ehemalige Schulpfleger gar nicht erst denken. Die Schliessung der Gesamtschule, wie sie schon oft zur Debatte stand, kommt nicht in Frage, zumal die Schülerzahlen auch in den kommenden Jahren hoch sein werden. Alle sind sich einig: «Wir sind zuversichtlich, schliesslich steht das Schulhaus auf der Sonnenseite des Eigenthals.»

Fast doppelt so lang war Marie Troxler als Lehrerin tätig – 47 Jahre hat sie dort unterrichtet. Schule Eigenthal (Bild: Schule Eigenthal (1967))

Fast doppelt so lang war Marie Troxler als Lehrerin tätig – 47 Jahre hat sie dort unterrichtet. Schule Eigenthal (Bild: Schule Eigenthal (1967))

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.