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LUZERN: Grosser Schritt: Die eigene Wohnung

Der Kanton mietet immer mehr Wohnungen für Asylsuchende. Viele freuen sich, aus den teils unterirdischen Asylzentren ausziehen zu können. Damit betreten sie aber komplettes Neuland.
Niels Jost
Zügeltag: Die Asylsuchenden Hamdu Kamal (oben links) und Abas Jervar laden in Escholzmatt ihr Gepäck aus. José Flüeler, Vertreter der kantonalen Behörde (Bild unten rechts), übergibt den Männern die Schlüssel. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Zügeltag: Die Asylsuchenden Hamdu Kamal (oben links) und Abas Jervar laden in Escholzmatt ihr Gepäck aus. José Flüeler, Vertreter der kantonalen Behörde (Bild unten rechts), übergibt den Männern die Schlüssel. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Einen Rucksack und zwei voll bepackte Säcke trägt Hamdu Kamal (22) die enge Treppe hoch. Sein ganzes Hab und Gut hat er darin verstaut. Kleider, eine Pfanne und natürlich das Smartphone. Mehr nicht. Im ersten Stock legt der junge Äthiopier in einer kleinen 3-Zimmer-Wohnung sein Gepäck nieder. Ihm tut es sein Landsmann Abas Jervar (24) gleich; auch dieser hat seinen ganzen Besitz in wenigen Taschen verstaut.

Etwas verunsichert mustern die beiden Asylsuchenden ihr neues Zuhause in einem alten Haus am Dorfrande von Escholzmatt. Im Innern ist es etwas stickig, es riecht nach altem Holz. Die Wohnung ist einfach eingerichtet, das Schlafzimmer teilen sich die Männer. Für jeden ein Bett und einen Schrank. «Es ist nicht luxuriös, aber es ist hier angenehmer zu wohnen als in einer unterirdischen Zivilschutzanlage», sagt José Flüeler, Leiter des Fachbereichs Wohnbegleitung bei der Abteilung Sozialhilfe/Asyl- und Flüchtlingswesen des Kantons Luzern.

Chance für Integration

Immer mehr solche Wohnungen oder gar Häuser mietet der Kanton, um Asylsuchende unterzubringen (siehe Kasten). Hamdu und Abas haben rund eine Woche zuvor von ihrem vorgesehenen Umzug nach Escholzmatt erfahren. Laut Flüeler wird das bewusst nicht früher mitgeteilt. «Hätte etwas doch nicht geklappt, wären sie wohl enttäuscht gewesen.» Tatsächlich: Als die beiden bei ihren unterirdischen TUKs – den temporären Unterkünften – in Meggen und Nebikon am Morgen abgeholt werden und ihre sieben Sachen ins Auto verladen, verabschieden sie sich mit einem Lachen von den Verantwortlichen und anderen Bewohnern. Obwohl sie sehr schüchtern und verunsichert wirken (schliesslich kennen sich die beiden noch gar nicht), scheinen sie sich zu freuen.

Doch nicht alle Asylsuchenden möchten zügeln. Flüeler: «Es gibt auch Fälle, bei denen sich Personen weigern, die neue Unterkunft zu beziehen. Dann müssen wir ihnen klarmachen, dass es für sie eine Chance ist, sich integrieren zu können.» So erlangten sie ihre Selbstständigkeit zurück und seien nicht mehr einem fremdbestimmten Tagesablauf in der TUK unterworfen. Eine Wahl haben die Asylsuchenden nicht: Weigern sie sich, in das für sie vorgesehene Mietobjekt zu ziehen, landen sie auf der Strasse, «was zum Glück bisher noch nie vorgekommen ist», so Flüeler. Ein Zurück in eine TUK gibt es nicht, die Plätze sind jeweils schnell neu besetzt.

«Konstellation muss stimmen»

Wer in eine Wohnung ziehen darf, wird vom Kanton entschieden. Jene Asylsuchenden, die schon länger in einer TUK leben und sich dort als wohntauglich erwiesen haben, werden priorisiert. Entscheidend ist zudem, ob jemand in einer ober- oder unterirdischen TUK untergebracht ist. Letztere werden bevorzugt. Und: «Die Konstellation muss stimmen», sagt Flüeler. «Wir achten darauf, dass wir Personen mit dem gleichen Geschlecht und Glauben zusammen einquartieren.» Passen müssen sie auch zur Nachbarschaft. Für Familien mit Kindern sucht man möglichst eine eigene Familienwohnung. Hamdu Kamal und Abas Jervar haben beide eine N-Aufenthaltsbewilligung. Will heissen: Sie stehen im Asylverfahren und haben ein Anwesenheitsrecht in der Schweiz. Wann ihr Gesuch bearbeitet wird und ob sie in Escholzmatt bleiben dürfen, ist unklar. «Es kann sein, dass wir jemanden in eine Wohnung einquartieren, der schon wenige Tage später ausreisen muss», sagt Flüeler.

Enorme kulturelle Unterschiede

Unterdessen haben sich die Äthiopier in ihrer neuen Wohnung kurz umgesehen. Werner Blättler, einer von 10 Wohnbegleitern in Flüelers Team, erklärt ihnen im Wohnzimmer ihre wichtigsten Rechte und Pflichten. Er muss bei ganz grundlegenden Informationen beginnen, etwa dass das Zimmer morgens gelüftet werden soll oder wie die Waschmaschine funktioniert. Ein Dolmetscher aus Syrien, der selber vor über drei Jahren in die Schweiz geflüchtet war, übersetzt alles ins Arabische. Auf einer Karte zeichnet Blättler etwa die Post, Läden, Entsorgungsstellen und die Hausarztpraxis ein. Bilder helfen beim Erklären. Hamdu und Abas sehen von der Informationsflut überfordert aus, scheinen aber zu folgen und nicken fleissig. Zuvor sind sie von Blättler und Flüeler für die Anmeldung auf die Gemeinde begleitet worden. Pässe vorübergehend abgeben, Unterschriften setzen. Alles Routine.

«Das Verstehen von Alltäglichem ist wegen der Sprachbarriere und der teils massiven kulturellen Unterschiede die grösste Schwierigkeit bei der Wohnbegleitung und der Integration», sagt José Flüeler. In der Wohngemeinschaft der Äthiopier wohnt bereits ein Asylsuchender aus Eritrea, der sich schon auskenne und den Neuen hilfreich zur Seite stehen werde, so Flüeler. In den anderen beiden Wohnungen des Hauses wohnen acht weitere Männer aus Eritrea und Syrien.

Auf sich allein gestellt

Nach der knapp einstündigen Instruktion der neuen Bewohner ist die Arbeit der Wohnbegleiter vorerst zu Ende. Nun sind die beiden Äthiopier auf sich allein gestellt. Die Wohnbegleiter werden regelmässig vorbeischauen. Weitere Fragen können die Migranten per Telefon stellen, auch an ihren Sozialarbeiter.

Beim Abschied sind Hamdu und Abas sichtlich gerührt. Sie schütteln – zwar immer noch etwas schüchtern – den Wohnbegleitern und dem Dolmetscher dankend die Hand. Sie lachen. In gebrochenem Englisch sagt der 22-jährige Hamdu in die Runde: «Es ist schön hier. Es gefällt mir.»

Niels Jost

José Flüeler, Vertreter der kantonalen Behörde, übergibt den Männern die Schlüssel. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

José Flüeler, Vertreter der kantonalen Behörde, übergibt den Männern die Schlüssel. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

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