LUZERN: «Hans Erni war ein politischer Künstler»

Alt Bundesrat Moritz Leuenberger sprach darüber, wie Hans Erni vom Staatskünstler zum Staatsfeind wurde. Und wie er mit seiner Kunst die Schweiz mitgestaltet hat.

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alt Bundesrat Moritz Leuenberger spricht anlässlich der Gedenkfeier im Verkehrshaus. (Bild: Keystone)

alt Bundesrat Moritz Leuenberger spricht anlässlich der Gedenkfeier im Verkehrshaus. (Bild: Keystone)

Im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern hat gestern die Öffentlichkeit von Hans Erni Abschied genommen. An der Gedenkfeier würdigte auch alt Bundesrat Moritz Leuenberger das Leben und Schaffen des Luzerner Künstlers mit einer Rede:

«Hans Erni war ein politischer Künstler. Das ist eine heikle Beschreibung, weil mit politischer Kunst zuweilen Agitationskunst verstanden wird, wo zu Kunst erklärt wird, was sich kaum unterscheidet von einer rein politischen Aktion. Einer etwas provokativ platzierten Plastik, etwa einem Hafenkran, wird das Etikett Kunst und ein politischer Titel, etwa Kranich des Friedens, verliehen, und schon ist ein politisches Kunstwerk geschaffen.

Umgekehrt läuft die gesellschaftspolitische Empfindung eines Künstlers oft Gefahr, von den Betrachtern oder Zuhörern ganz anders interpretiert zu werden, als es seine Intention war. So ist das Buch ‹Ferdinand, der Stier› sowohl als kommunistisch als auch als pazifistisch, als subversiv und als faschistisch interpretiert worden. Es stammt von Munro Leaf, einem Zeitgenossen von Hans Erni, und erschien 1936 während des spanischen Bürgerkrieges.

Hans Ernis Bilder waren in diesem Sinn weder mehrdeutig noch politische Agitation. Er vermittelte seine Kunst (nicht nur, aber auch) auf Plakaten, Briefmarken, auf Wandbildern in Ausstellungen oder Schulen. Seine Medien waren nicht nur Museen und Galerien, und so wurden seine Botschaften auch von Menschen gesehen, die nicht darin geschult waren, Kunst zu interpretieren, so wie wir das zuweilen an Vernissagen vermittelt bekommen und dann gar nichts mehr verstehen. Seine Botschaften wurden verstanden, ohne dass verschraubte Interpretationshilfen nötig waren. Darüber puristisch die Nase zu rümpfen, ist mit einer Haltung zu vergleichen, die Philosophie oder Soziologie im Elfenbeinturm einschliessen will, statt den demokratischen Diskurs zu suchen und zu wagen.

Im Leben von Hans Erni spiegelt sich die politische Geschichte der Schweiz in den letzten hundert Jahren, und in der Geschichte der Schweiz spiegelt sich das Leben von Hans Erni. Seine Kunst ist zunächst politisch enthusiastisch vereinnahmt und dann ebenso vehement verstossen worden. Die Schweiz nahm in den Dreissigerjahren, als die geistige Landesverteidigung vor allem gegen den Nationalsozialismus gerichtet war, den aufstrebenden Avantgardisten Hans Erni zunächst in ihren Schoss. Er, der schon als junger Künstler mit Picasso, mit Kandinsky und Mondrian bekannt war, erhielt den Auftrag, für die Landesausstellung von 1939 mit einem monumentalen 100 Meter langen Wandbild die Schweiz darzustellen. Er sei damals, so konnte man an den Geburtstagsfeiern der letzten Jahre oft hören, gewissermassen zum Staatskünstler geworden.

Später aber richtete sich die geistige Landesverteidigung gegen Sozialismus und Kommunismus. Wer die falsche Gesinnung hatte, geriet ins Visier der offiziellen Schweizer Politik. So ging Hans Erni einen kurzen Weg vom Staatskünstler zum Staatsfeind. ‹Wenn sich die Politik einmischt, ist die Katastrophe schon da›, warnte Hans Liebermann, und er hatte Recht: Die Politik hat sich in das künstlerische Schaffen von Hans Erni eingemischt, und die Katastrophe ist tatsächlich gekommen.

 

  • Bei der Mobilmachungwurde er vom Tarnungsmaler zum Munitionsnachschub umgeteilt (also ins sogenannte Todesbataillon). Das war eine erste politische Abstrafung. (...)
  • Im kalten Krieg setzte sich die Ausgrenzung fort: 1944 beschimpfte ihn ein Bundesrat öffentlich als «Kryptokommunisten». Bürgerliche Zeitungen bezeichneten ihn in grossen Lettern als Staatsfeind.
  • Es wurde ihm der Auftrag für die neue Schweizer Banknotenserie entzogen, obwohl er bereits mehrere Jahre daran gearbeitet hatte. Bereits gedruckte Noten wurden eingestampft.
  • Noch 1950 erklärte der Bundesrat, Hans Erni werde keine staatlichen Aufträge mehr erhalten. Eine Einladung an die Biennale von Sao Paolo wurde verhindert.

 

Zwei Jahrzehnte wurde Hans Erni von der Schweiz regelrecht geächtet. Ihm wurde vorgeworfen, zu den Idealen des Sozialismus zu stehen. Sein eigenes Umdenken wurde vorerst überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Wie viele andere vollzog er es aber, nachdem er vom realen imperialistischen Sozialismus enttäuscht und verraten worden war, weil dieser so gar nichts mehr mit seinen Visionen zu tun hatte. So distanzierte sich Hans Erni 1956 und 1968 ausdrücklich von den Invasionen in Ungarn und der Tschechoslowakei. Doch die Differenzierung zwischen klarer Verurteilung der Realität und dem ungebrochenen Glauben an einen Humanismus, der politisch doch umzusetzen sein müsste, wollte man damals offiziell nicht zur Kenntnis nehmen. Das war die Ideologie der politischen Inquisitoren von damals, unter der nicht nur Hans Erni litt. Man wollte und konnte nicht unterscheiden zwischen dem Glauben vieler Schweizer Patrioten an eine solidarische Welt und setzte diesen kurzerhand gleich mit dem real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion. Wer Kontakte zu kommunistischen Kreisen pflegte und wer an internationalen Friedenskongressen teilnahm, wurde bereits als Bedrohung wahrgenommen. Das war eine ungerechte Verkürzung, und sie produzierte viel Unrecht und viele Opfer. Hans Erni war eines von ihnen.

Die Aufdeckung der Fichenaffäre zeigte das wahre Ausmass der Ungerechtigkeiten, denen Hans Erni und andere ausgesetzt waren.

Die politische Rehabilitation begann Mitte der Sechzigerjahre, als an einer Erni-Ausstellung in Schaffhausen zwei Bundesräte sowie die versammelte Armeespitze teilnahmen. 1989 entschuldigte sich Ruth Dreifuss im Namen des Bundesrates für dessen frühere Rolle. Aber, und das ist das Schöne, so schmerzhaft diese Zeit für ihn war, sosehr er sein ganzes Leben lang darunter litt, so sehr streckte er die Hand zur Versöhnung aus. Die Wunden verheilten. Gewiss, es blieben die Narben, jedoch keine Verbitterung. Er selber hat gesagt: Sich treu bleiben kann nur, wer sich verändert. ‹Alles Lebendige erfüllt sich nur in der steten Überwindung des Bestehenden.›

Er kippte jedoch nicht, wie man das von Menschen, die den Mut haben umzudenken, oft erwartet, ins Renegatentum, und er frönte fortan nicht einer nationalkonservativen Haltung. Weiterhin setzte er sich sein ganzes Leben für den Frieden ein, den Frieden zwischen den Völkern, den Frieden zwischen den Menschen, den Frieden zwischen Mensch und Natur für Solidarität zwischen den Generationen. Er war ein Humanist, der seinen Grundüberzeugungen stets treu blieb, der nie einem Dogma verfiel, nie einer Ideologie. Sein Humanismus beruht auf der Einsicht, dass der einzelne Mensch angewiesen ist auf seine Umwelt. Aus dieser Abhängigkeit leitet sich eine menschliche Verantwortung ab, nämlich der Umwelt etwas zu geben, sie mitzugestalten. Er hat diese Verantwortung wahrgenommen: Er hat sich für die Natur eingesetzt, für die Menschen, und auch für unseren Staat. Er flüchtete sich nicht in ästhetizistische Beliebigkeit, sondern er mischte sich weiterhin als Bürger ein mit Kunst als politischem Mittel.

Mit seinen Bildern, Briefmarken und Plakaten hat sich Hans Erni für die AHV, gegen die atomare Aufrüstung, für das Frauenstimmrecht, gegen die Klimaerwärmung, für Behinderte eingesetzt für Ziele, die wir heute stolz als Errungenschaften betrachten, den öffentlichen Verkehr mit SBB, Postauto und unsere Wanderwege. Hans Erni warb für den Schutz des Waldes, für den Schutz unserer Gewässer und für unseren Beitritt in die UNO. Hans Erni war ein früher Botschafter der Nachhaltigkeit und der globalen Solidarität. Auf Hans Ernis Plakaten stand die Würde im Vordergrund, die Würde des Menschen, die Würde der Natur.

Hans Erni orientierte sich immer wieder neu. Während der Retrospektive von 2009 hier in Luzern schaute er bereits unbeirrt nach vorne: Er gestaltete ein langes Wandbild für die UNO, schlug so den Bogen von der Landi zur Staatengemeinschaft und hat uns damit einmal mehr den Weg gewiesen: Nur als Teil der Völkergemeinschaft kann die Schweiz mit dafür sorgen, dass Kriege und Klimakatastrophen verhindert werden. Die Schweiz ist nicht unbeschränkt souverän, sondern vernetzt mit der ganzen Welt, profitiert davon und soll deswegen auch solidarisch sein. Hans Erni hat mit seiner Kunst die Schweiz stets mitgestaltet. Er war ein Citoyen, der die Verbundenheit der Menschen und die Liebe vorlebte.

Wie Hans Erni sein Alter unermüdlich, hellwach und mit einer geistigen Präsenz durchlebte, nötigte uns allen Bewunderung ab. Ich, der ich anfänglich beim Ausdruck ‹alt Bundesrat› regelmässig zusammenzuckte, muss mir sagen: Wenn das Alter so gelebt werden kann, bleibt es sozial und hat so immer noch eine politische Relevanz. Und es bleibt damit lebenswert. Auch da wird Hans Erni ein Vorbild sein.»

Auf der Grossleinwand im Filmtheater ist ein Film über Hans Erni zu sehen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
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Leonard Gianadda, Direktor der Stiftung Gianadda und Doris Erni, die Witwe von Hans Erni schauen einen 3D-Film über Hans Erni. (Bild: Keystone)
Ehefrau Doris Erni inmitten von Bekannten und mit ihrem Enkel Noah (mit Fotoapparat). (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger, Reto Wyss, Regierungspräsident des Kantons Luzern, Emil Steinberger, und Stefan Roth, Luzerner Stadtpräsident (von links) haben an der Gedenkfeier teilgenommen. (Bild: Keystone)
Eine Karte zur «Gedenkfeier für Hans Erni». (Bild: Keystone)
Doris Erni, die Witwe von Hans Erni (Mitte). (Bild: Keystone)
Die Projektion eines 3D Films mit einem Portrait von Hans Erni im Verkehrshaus der Schweiz. (Bild: Keystone)
Stefan Roth, Stadtpräsident von Luzern, bezeichnete Erni an der Feier als Giganten, dies wegen seiner Vielseitigkeit als Künstler und Mensch, aber auch wegen seiner Vitalität. Erni sei 106 Jahre alt geworden, aber nie ein Greis gewesen. (Bild: Keystone)
Peter Fischer, Direktor des Zentrums Paul Klee in Bern, sagte, für viele Leute, die sich sonst nicht sonderlich mit Kunst beschäftigten, sei Erni der Inbegriff des Künstlers gewesen. Was den Beifall der Massen gefunden habe, sei für die Kunstschweiz aber ein No-Go gewesen. (Bild: Keystone)
Erni habe sich vom Staatskünstler der Landi 1939 zum späteren Staatsfeind entwickelt, sagte alt Bundesrat Moritz Leuenberger in seiner Rede. Die damaligen Inquisitoren hätten nicht zwischen dem Glauben an eine bessere Welt und dem real existierenden Sozialismus unterscheiden können. (Bild: Keystone)
Der Luzerner Regierungspräsident Reto Wyss hob Ernis enge Verbundenheit mit Luzern hervor, obwohl ihm seine Heimat es ihm nicht immer leicht gemacht habe. Wyss spielte damit auf die Ächtung Ernis durch die offizielle Schweiz an, dies wegen seiner zeitweiligen marxistischen Überzeugung. (Bild: Keystone)
Stefan Roth, Stadtpräsident von Luzern, bezeichnete Erni an der Feier als Giganten, dies wegen seiner Vielseitigkeit als Künstler und Mensch, aber auch wegen seiner Vitalität. Erni sei 106 Jahre alt geworden, aber nie ein Greis gewesen. (Bild: Keystone)
Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger, zweiter von rechts, schaut einen 3D-Film anlässlich der öffentlichen Gedenkfeier zum Tod von Hans Erni. (Bild: Keystone)
Konrad Graber (CVP-LU), links, und Emil Steinberger schauen einen 3D-Film über Hans Erni und sein Leben und Schaffen. (Bild: Keystone)
Blick in die Zuschauer während der öffentlichen Gedenkfeier. (Bild: Keystone)
Kabarettist Emil Steinberger (links) und Stefan Roth, Luzerner Stadtpräsident anlässlich der öffentlichen Gedenkfeier zum Tod von Hans Erni. (Bild: Keystone)
Leonard Gianadda, Direktor der Stiftung Gianadda, schaut auf das Bild «Taube mit ausgebreiteten Flügeln». (Bild: Keystone)
Franz Steinegger spricht mit einem Journalisten anlässlich der öffentlichen Gedenkfeier zum Tod von Hans Erni, im Verkehrshaus der Schweiz. (Bild: Keystone)
Eine Person liest die Todesanzeige zur Beerdigung von Hans Erni. (Bild: Keystone)
Peter Fischer, Direktor des Zentrums Paul Klee spricht an der Gedenkfeier von Hans Erni. (Bild: Keystone)
alt Bundesrat Moritz Leuenberger beim Apéro. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Walter Ulmi, Konservator Verkehrshaus Luzern, spricht mit einer Journalistin anlässlich der öffentlichen Gedenkfeier zum Tod von Hans Erni. (Bild: Keystone)
Ein 3D Film mit Doris und Hans Erni im Filmtheater. (Bild: Keystone)
Ein 3D Film zeigt Hans Erni beim Zeichnen. (Bild: Keystone)

Auf der Grossleinwand im Filmtheater ist ein Film über Hans Erni zu sehen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)