LUZERN: Heisse Debatten unter Schülern und Profis

72 Schüler haben sich an der Kanti Reussbühl im politischen Debattieren gemessen. Die Leistungen waren erstaunlich. Vier Nationalräte lieferten zudem Anschauungsunterricht.

Stephan Santschi
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Schülerin Gina Dellagiacoma gewann die Schülerkategorie. (Bilder Nadia Schärli)

Schülerin Gina Dellagiacoma gewann die Schülerkategorie. (Bilder Nadia Schärli)

«Ich bin von den Redefertigkeiten beeindruckt. Hier schenkt man sich gegenseitig nichts. Es wird ernsthaft und kreativ argumentiert. Gratulation, ich bin begeistert.» Luzerns Bildungsdirekttor Reto Wyss zog gestern den Hut vor den Leistungen am dritten Zentralschweizer Kanticup von «Jugend debattiert». Insgesamt 72 Kantischüler aus neun Schulen der Kantone Luzern, Zug und Uri massen sich im politischen Dialog. Das ist Rekord und zeigt auf, dass die Jugend durchaus an politischen und gesellschaftlichen Themen interessiert ist. «Wir bieten den Schülern politische Themen zum Anfassen. Sie lernen auf diese Weise, in der Öffentlichkeit zu bestehen und ihre Meinung fundiert auszudrücken. Dabei entwickeln sie ­einen gewissen Ehrgeiz», bilanzierte OK-Chef Christian Fallegger zufrieden.

Dellagiacoma und Paljuk siegen

In zwei Alterskategorien kam es zu mehreren Runden, in denen sich jeweils zwei zusammengeloste Zweierteams zu einem vorher bekannten Thema und zu festgelegten Sprechzeiten duellierten – die einen in der Pro-, die anderen in der Kontra-Position. Die Jury bewertete neben der Sachkenntnis und dem Ausdrucksvermögen auch die Gesprächsfähigkeit und die Überzeugungskraft.

Bei den älteren Teilnehmern belegte die 18-jährige Gina Dellagiacoma von der Kanti Beromünster den ersten Rang. Ihr sicheres Auftreten als Gegnerin einer «Frauenquote von 50 Prozent in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten» brachte ihr viele Pluspunkte ein. Hängen blieben einprägsame Voten wie: «Eine Frauenquote ist Symptombekämpfung, ein Almosen der Emanzipation. In dieser Frage brauchen wir kein Gesetz, sondern ein Umdenken.»

Bei den jüngeren Teilnehmern gewann Justin Paljuk von der Kanti Reussbühl. Der 14-Jährige legte sich in der Diskussion zur Frage «Soll begleitetes Autofahren ab 16 Jahren erlaubt werden?» als Gegner besonders ins Zeug. Sprachgewandt, spontan und süffisant trug er seine Meinung vor. «Sollten wir nicht lieber in den öffentlichen Verkehr investieren?» «Wer will schon im Ausgang immer die Mutter dabei haben?» Der junge Mann scheint sich für höhere Aufgaben in der Politik zu rüsten.

Politisches Wissen ist mangelhaft

Genau darum ging es gestern in der Kanti Reussbühl. Der Zentralschweizer Kanticup zählt zu den grössten der 15 Vorausscheidungen für den Schweizer Final. Die vier Besten beider Kategorien werden am 20./21. März in Bern um den Gesamttitel kämpfen. Das nationale Förderprojekt «Jugend debattiert», das in den vergangenen sechs Jahren rund 40 000 Schüler erreichte, kann als Antwort auf das ungenügende politische Wissen der Jugend verstanden werden. «Selten macht ein Land so wenig für die politische Bildung wie die Schweiz. Demokratie ist kein Selbstläufer», sagte Christian Hachen, der Deutschschweizer Verantwortliche für «Jugend debattiert». Der Wettbewerb soll das politische Denken fördern. Oder wie es Reto Wyss formulierte: «Wir müssen dialogfähiger werden. Die Debatte ist die Alternative zur Gewalt. Geht wählen und meldet euch bei einer Partei. Macht etwas aus eurem Talent!»

Wie weit man es bringen kann, veranschaulichten zum Schluss noch vier Politprofis. Die Nationalräte Felix Müri (SVP, Luzern), Peter Schilliger (FDP, Luzern), Gerhard Pfister (CVP, Zug) und die Nationalrätin Priska Birrer-Heimo (SP, Luzern) debattierten in zugelosten Rollen zum Thema «Soll im Kampf gegen jugendliche Kampftrinker ein nächt­liches Alkoholverkaufsverbot eingeführt werden?» Sie taten es ebenfalls beeindruckend, wenn auch nicht ganz so bissig, wie man es sich aus der politischen Diskussionssendung «Arena» im Schweizer Fernsehen gewohnt ist ...