LUZERN: «Ich bin hart in der Sache, aber fair»

Der Fall eines prügelnden Polizisten hat die Polizei­krise zusätzlich befeuert. Jetzt wird dieser entlassen. «Wir müssen aus solchen Fällen lernen», sagt Polizeikommandant Adi Achermann (50).

Interview Alexander von Däniken
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Adi Achermann. Kommandant der Luzerner Polizei: «Bei uns wird der Mann keine Anstellung mehr erhalten» (Bild Pius Amrein)

Adi Achermann. Kommandant der Luzerner Polizei: «Bei uns wird der Mann keine Anstellung mehr erhalten» (Bild Pius Amrein)

Das Video eines Luzerner Polizisten, der einen wehrlosen Einbrecher mit Füssen traktierte, gab der Polizeikrise vor einem Jahr ein Gesicht (siehe Box). Nun hat die Luzerner Polizei den fehlbaren Polizisten entlassen, wie sie gestern mitteilte.

Adi Achermann, ist die Polizeikrise jetzt vorbei?

Adi Achermann: Ja, die Polizeikrise ist meines Erachtens vorbei. Wir können uns seit Ende 2013 auf unsere Kernaufgaben konzentrieren.

Der Polizist war rechtskräftig verurteilt. Gab es noch andere Gründe für die Entlassung?

Achermann: Die Entlassung war auch eine Empfehlung von Jürg Sollbergers Administrativuntersuchung. Diese mussten wir zuerst abwarten – auch wenn der Mann schon im April verurteilt wurde. Auch die allgemeine Untersuchung der Polizeikrise durch Jürg Sollberger spielte beim Entscheid mit – etwa die Nulltoleranz bei gewalttätigen Übergriffen, die wir konsequent umsetzen, wie dieses Beispiel zeigt.

Mussten Sie diese Nulltoleranz, abgesehen von diesem Fall, schon einmal anwenden?

Achermann: Nein.

Hat es auch Argumente gegen die Kündigung des Mannes gegeben?

Achermann: Durchaus. Er hatte vorher gute Führungsberichte, doch der Einzelfall wiegt schwerer.

Per wann wird dem Mann gekündigt?

Achermann: Die Kündigung erfolgt ordentlich per 31. Oktober 2014.

Was hat den Polizisten veranlasst, auf einen Wehrlosen einzutreten?

Achermann: Ich kann mich zum Motiv nicht äussern.

Wie ist es dem Mann zwischenzeitlich ergangen?

Achermann: Die Situation war und ist für ihn sehr belastend.

Und wie hat sich dieser Fall auf das Team und das Korps ausgewirkt?

Achermann: Der Fall wurde intern diskutiert und hat auch Betroffenheit ausgelöst. Das ist auch wichtig und richtig so. Wir müssen aus solchen Fällen lernen.

Wird der Mann je wieder polizeilich tätig sein dürfen? Immerhin ist er rechtskräftig verurteilt.

Achermann: Bei uns nicht. Über eine mögliche Anstellung bei einem anderen Korps kann ich keine Aussage machen.

Hat er schon eine neue Stelle?

Achermann: Er ist auf der Suche und wir helfen ihm dabei mit einem Outplacing-Programm.

Gibt es, abgesehen von den abgeschlossenen Verfahren, noch Zivilforderungen?

Achermann: Das weiss ich nicht.

Sie sind erst ein halbes Jahr im Amt und erwecken bereits den Eindruck, hart durchzugreifen.

Achermann: Ich würde sagen, ich bin hart in der Sache, aber fair. Das gehört zu diesem Job, und ich bin es von meiner früheren Tätigkeit bei der Staatsanwaltschaft gewohnt.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Ihrer Chefin Yvonne Schärli?

Achermann: Die Zusammenarbeit ist gut.

Sie sagten, die Polizeikrise ist vorbei. Trotzdem wird es noch Massnahmen aus dem Sollberger-Bericht geben, die noch nicht umgesetzt sind.

Achermann: Noch in Arbeit ist die Reorganisation des Spid (Ständigen Präventions- und Interventionsdienstes). Die Umsetzung ist ab dem 1. Januar 2015 geplant.

Der Spid ist das Sorgenkind des Korps. Auch der nun gekündigte Mann gehörte der Einheit an. Warum dauert die Reorganisation so lange?

Achermann: Mit der Reorganisation sind auch personelle Auswirkungen verbunden. Das braucht entsprechend Zeit. Abgesehen davon haben wir die Massnahmen, die aus Jürg Sollbergers Untersuchung resultierten, umgesetzt.

Noch im Gang ist Sollbergers separate Administrativuntersuchung zum Vorfall eines Luzerner Polizisten, der nach einem Sprengstoffunfall in Oberdorf NW wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde. Die Vergangenheitsbewältigung ist also noch nicht ganz abgeschlossen.

Achermann: Sie ist Teil des Jobs. Das habe ich gewusst, als ich die Stelle angetreten habe. Wichtig ist, dass wir uns auf die Kernaufgaben konzentrieren können, was nun auch der Fall ist.

Yvonne Schärli hat mehr Personal für die Luzerner Polizei beantragt. Befürchten Sie, das Image infolge der Polizeikrise könnte sich abschreckend auf mögliche Bewerber auswirken?

Achermann: Nein. Die Bevölkerungsbefragung 2013 hat gezeigt, dass die Polizei weiterhin grosses Vertrauen geniesst.

Tritte gegen Einbrecher

DER FALL: avd. Am 3. Juni 2013 bricht ein Rumäne in ein Uhrengeschäft am Löwenplatz in Luzern ein. Dabei wird er von der Polizei überrascht. Ein heute 30-jähriger Elitepolizist der Luzerner Interventionseinheit Spid (Ständiger Präsenz- und Interventionsdienst) tritt fünf Mal auf den am Boden liegenden, wehrlosen Einbrecher ein. Dieser erleidet Prellungen, Blutergüsse und Schürfungen am Kopf. Der Übergriff wird von einer Videokamera aufgezeichnet.

Prügel-Video für Schulung

Der damalige Polizeikommandant Beat Hensler zeigt die Überwachungsaufnahmen seiner Sondereinheit zu «Schulungszwecken». Das Video gelangt via die SRF-Sendung «Rundschau» an die Öffentlichkeit. Der Polizist wird später bei vollem Lohn suspendiert und es wird eine Strafuntersuchung eröffnet. Im April 2014 wird er wegen Amtsmissbrauchs und einfacher Körperverletzung mit einer bedingten Geldstrafe von 12 600 und einer Busse von 1000 Franken bestraft.

Die zögerliche Vorgehensweise Henslers in diesem Fall ist einer der Kritikpunkte des externen Untersuchungsberichts von Jürg Sollberger.