LUZERN: «Ich habe die Mission erfüllt»

Nach sechs Jahren als Direktor ist Rolf Maegli diese Woche von der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern (SSBL) freigestellt worden. Im Gespräch äussert er sich zu den Gründen – und den Zukunftsperspektiven der Behindertenbetreuung.

Lena Berger
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Mit 62 plötzlich arbeitslos: der ehemalige SSBL-Direktor Rolf Maegli. (Bild: Nadia Schärli (Udligenswil, 26. Mai 2017))

Mit 62 plötzlich arbeitslos: der ehemalige SSBL-Direktor Rolf Maegli. (Bild: Nadia Schärli (Udligenswil, 26. Mai 2017))

Interview: Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Rolf Maegli hat eine schwierige Woche hinter sich. Am Mittwoch teilte die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern (SSBL) mit, dass der Direktor die Organisation per sofort verlassen wird. Sein Büro in der alten Klosteranlage in Rathausen musste er bereits räumen. Die Trennung erfolge im «gegenseitigen Einvernehmen», so hiess es. Weiteres war darüber nicht zu erfahren.

 

Rolf Maegli, nach sechs Jahren als Direktor der SSBL stehen Sie nun ohne Job da. Wie ist es so weit gekommen?

Als man mich suchte, war einer gefragt, der drei Aufgaben unternehmerisch anpackt: die prekäre Wohnplatzsituation, die Sanierung des Klosters und die angespannte Finanzlage. Das habe ich wohl nicht schlecht gemacht, die Mission ist erfüllt. Ich bin der Typ, der Unternehmen dynamisch weiterentwickelt. Jetzt aber kommt die SSBL in eine Phase der Konsolidierung. Da sind andere Fähigkeiten gefragt.

Ihr Rücktritt wurde mit der unterschiedlichen Auffassung betreffend die strategische Weiterentwicklung begründet. Welche Herausforderungen sehen Sie auf die SSBL zukommen?

Die SSBL betreut Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen, sie vertritt eine Minderheit der Minderheit. Die UNO-Menschenrechtskonvention ist eine Herausforderung. Die Betreuung in Heimen wird teils sehr in Frage gestellt. Der logische Schritt ist, darüber nachzudenken, welche neuen Wohnformen es geben könnte. Heute werden viele Menschen mit Behinderungen entweder von ihren Angehörigen zu Hause oder vollumfänglich in einer Institution betreut. Für Menschen mit leichten Behinderungen gibt es bereits Assistenzwohnmodelle. Ich finde, man müsste diese Möglichkeiten auch für Menschen mit schweren Behinderung ausloten. Der Staat muss Wahlmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen schaffen. Und die Institutionen müssen die Betroffenen befähigen, selber Entscheidungen treffen zu können.

Das dürfte Sozialdirektor ­Guido Graf gern hören, der ja fordert, dass mehr ambulante Plätze geschaffen werden. Ist das für Menschen mit schweren Behinderungen sinnvoll?

Das ist eine der Fragen, an denen sich die Geister scheiden. Manche sagen, man müsse das angehen, andere sagen, es gehe nicht. Ich persönlich glaube, man müsste ein Pilotprojekt wagen, um erste Erfahrungen zu machen. Im ­Kanton werden, etwa in Luzern Süd, gigantische Wohnprojekte geplant. Ich finde, da müssten die Bauordnungen zwingend vorschreiben, dass ein Teil für neue Wohnmodelle reserviert wird.

Welche Rolle wird die Digitalisierung im Bereich der Behindertenbetreuung spielen?

Das ist eines meiner Lieblingsthemen. Ich bin überzeugt, dass die technischen Neuerungen Menschen mit Behinderungen neue Bewegungsfreiheiten bringen können. Insbesondere im Bereich der Kommunikation und Mobilität, aber auch der räum­lichen Orientierung und der ­medizinischen Überwachung. Das sind Möglichkeiten, die Innovationskraft erfordern.

Die SSBL hat eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton. Seit Jahren wird auch in diesem Bereich massiv gespart. Steht die Stiftung noch auf guten Füssen?

Der Jahresabschluss 2016 ist noch nicht kommuniziert, deshalb kann ich mich dazu nicht äussern. Mehr Sorgen als die abgelehnte Steuererhöhung vom letzten Sonntag macht mir aber die demografische Entwicklung. Es fehlen heute verlässliche Prognosen, wie sich diese auf das Behindertenwesen auswirken wird. Ich befürchte allerdings ­einen grossen Kostenanstieg.

Sie haben mehrfach gewarnt, dass sich weitere Sparmassnahmen auf die Betreuungsqualität auswirken werden. Erleichtert es Sie, dass Sie nun nicht mehr um jeden Franken kämpfen müssen?

Ich hätte diese Herausforderung angenommen. Ich war immer überzeugt, dass nur gespart werden kann, wenn das Personal eng in die Überlegungen einbezogen wird. Klar ist: Die SSBL arbeitet mit Menschen, die einen grossen Betreuungsbedarf haben. Es gibt daher Abläufe, die nicht optimierbar sind.

Was bleibt Ihnen von Ihrer Zeit bei der SSBL in besonders positiver Erinnerung?

Nebst den Begegnungen mit Bewohnern und den Konzeptarbeiten mit Mitarbeitenden ist es die Klostersanierung. Als ich angefangen habe, war das eine Hypothek – und nun haben wir dort ein Zentrum für Arbeit und Beschäftigung und zusammen mit der Arealgestaltung einen Ort der Begegnung geschaffen. Die Geschichte des Ortes wird greifbar.

Mit 62 sind Sie nun arbeitslos. Gehen Sie nun in Pension?

Es ist alles noch sehr frisch, ich habe mir dazu noch keine Gedanken gemacht. Klar ist: Ich stehe weiter für Projekte zur Verfügung, bei denen kreative Ideen und unternehmerisches Denken gefragt sind.

Hinweis

Rolf Maegli war seit dem 2011 Direktor der SSBL in Rathausen.