LUZERN: Im Klassenzimmer auf Hitlers Spuren

Eine Lernwerkstatt an der Pädagogischen Hochschule zeigt, wie Schüler zu Nazi-Zeiten manipuliert wurden. Und sie belegt, dass die Gefahr verbrecherischer Regime noch immer droht.

Niels Jost
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Historiker Peter Gautschi betreut die Lernwerkstatt zum Nationalsozialismus an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Im Bild: Ein Gerät zur Schädelvermessung, das Nicht-Arier entlarven sollte. (Bild Eveline Beerkircher)

Historiker Peter Gautschi betreut die Lernwerkstatt zum Nationalsozialismus an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Im Bild: Ein Gerät zur Schädelvermessung, das Nicht-Arier entlarven sollte. (Bild Eveline Beerkircher)

Niels Jost

Sie versuchten, bereits Kinder mit ihrer Ideologie zu indoktrinieren, die Nationalsozialisten in Deutschland. Nach ihrer Machtergreifung im Jahr 1933 begannen sie, ihr perfides Gedankengut unters Volk zu bringen. Judenhass, die Verherrlichung des Führers oder extremer Nationalismus – das waren einige der Gesinnungen, die anno dazumal bereits in der Schule den Alltag prägten.

Wie das genau aussah, zeigt jetzt eine Lernwerkstatt im Gebäude der Universität und der Pädagogischen Hochschule Luzern (PH). Sie ist am Mittwoch, 17. Februar, und am Samstag, 20. Februar, zwischen 13 und 17 Uhr öffentlich zugänglich – sonst ist die PH-Lernwerkstatt nur für Klassen geöffnet. Interessierte können sich selbstständig an zwölf interaktiven Posten über ein Thema informieren, etwa über die Kriegserziehung, Zwangssterilisierung von Schülern oder den Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Schulalltag (siehe Hinweis). Um sich ein konkretes Bild vom damaligen Alltag machen zu können, liegen über 200 originale Fotos, Tagebücher, Schulzeugnisse und Alltagsgegenstände auf. «Beim Thema Rassismus ist etwa ein Gerät zur Vermessung des Schädels ausgestellt», sagt Peter Gautschi, Leiter Zentrum Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen an der PH Luzern. Ergänzend liegen Texte bei, die die Bedeutung des Objekts verdeutlichen.

Unterricht nur für eines: Den Krieg

Zudem wurden extra zahlreiche originale Schulschränke aus Deutschland nach Luzern geholt, die zu Zeiten der Nazis in Nürnberger Volksschulen und Gymnasien verwendet wurden. Auch darin befinden sich die originalen Gegenstände. «In den Tagebüchern der Kinder wird deutlich, wie sie in den Jahren 1933 bis 1945 persönlich mit der Diktatur und dem Krieg umgegangen sind», sagt Gautschi. Die Begeisterung, das Mitläufertum und auch die Ablehnung sind herauszulesen.

Exponate der Lernwerkstatt über den Schulalltag in Detuschland zur Zeit der Nationalsozialisten. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
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Exponate der Lernwerkstatt über den Schulalltag in Detuschland zur Zeit der Nationalsozialisten. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Exponate der Lernwerkstatt über den Schulalltag in Detuschland zur Zeit der Nationalsozialisten. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Exponate der Lernwerkstatt über den Schulalltag in Detuschland zur Zeit der Nationalsozialisten. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Professor Peter Gautschi, der Leiter des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, in der Lernwerkstatt. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Professor Peter Gautschi, der Leiter des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, in der Lernwerkstatt. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Exponate der Lernwerkstatt über den Schulalltag in Detuschland zur Zeit der Nationalsozialisten. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Exponate der Lernwerkstatt über den Schulalltag in Detuschland zur Zeit der Nationalsozialisten. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Professor Peter Gautschi, der Leiter des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, in der Lernwerkstatt. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Professor Peter Gautschi, der Leiter des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, in der Lernwerkstatt. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Exponate der Lernwerkstatt über den Schulalltag in Detuschland zur Zeit der Nationalsozialisten. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Professor Peter Gautschi, der Leiter des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, in der Lernwerkstatt. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Exponate der Lernwerkstatt über den Schulalltag in Detuschland zur Zeit der Nationalsozialisten. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Konzipiert wurde die Lernwerkstatt insbesondere für Oberstufenschüler. Für sie stehen die beiden Räume im Uni/PH-Gebäude länger offen als für die Öffentlichkeit. Sie können sich ab Dienstag, 16. Februar, bis Ende März in den Schulalltag ihrer damaligen Altersgenossen und deren Lehrpersonen hineinversetzen. Priorität im Schulunterricht hatte damals «das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten», lässt sich Adolf Hitler aus seiner Propagandaschrift «Mein Kampf» zitieren. Diese Grundüberzeugung prägte den nationalsozialistischen Unterricht, weiss Gautschi. «Im Sport wurde auf den Militärdienst vorbereitet, in Biologie die Rassenlehre vermittelt, in Geschichte die Vaterlandsliebe und Staatstreue eingeimpft.»

Schüler noch heute manipuliert

Die PH Luzern will aber nicht nur einen Einblick in die Vergangenheit ermöglichen, sondern auch den Bezug zu aktuellen Ereignissen knüpfen. Peter Gautschi sagt: «Auch heute gibt es wieder verbrecherische Regime, die mit Rassismus und anderen ideologischen Verblendungen das Denken und Handeln von Menschen vergiften.» So werde der Geschichtsunterricht beispielsweise in Russland, Ungarn oder Polen erneut missbraucht, um einen «überhöhten Nationalismus aufzubauen», so der Professor für Geschichtsdidaktik. Doch auch in westlichen Ländern, etwa in England, wurde in jüngster Vergangenheit der Geschichtsunterricht umgestellt. Hier seien erneut nationalistische Tendenzen auszumachen. «Die Lernwerkstatt macht deutlich, wie wichtig es ist, sich gegen jegliche Indoktrination in Schulen zu wehren sowie Kinder und Jugendliche zu freiem und eigenständigem Denken und Handeln zu befähigen.»

Werkstatt für Klassen ausgebucht

Entsprechend gross ist das Interesse an der speziell geschaffenen Lernumgebung: Für die Klassenbesuche ist sie bereits ausgebucht. Rund 40 Klassen werden sich während gut einer Stunde mit den Zeitdokumenten und Tonaufnahmen beschäftigen. «Danach gibt es eine gemeinsame Auswertung des Gelernten», so Gautschi. Insgesamt werden rund 1500 Besucher in der Lernwerkstatt erwartet.

Der grosse Besucherandrang ist unter anderem damit zu erklären, dass ab Montag, 15. Februar, gleichzeitig die zweitägige internationale Konferenz zur Forschung über Holocaust-Vermittlung an der PH Luzern stattfindet. Über 150 Wissenschaftler aus aller Welt treffen sich, um ihre neuesten Forschungsergebnisse zum Holocaust zu präsentieren und zu diskutieren.

Eine Lernwerkstatt stellt die PH Luzern zweimal im Jahr für Schulklassen auf die Beine, erstmals ist sie jetzt auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Frühere Themen waren etwa «Gesund leben» oder «Digitale Welten». Die aktuelle Lernumgebung entstand in Zusammenarbeit mit dem Schulmuseum Nürnberg und der Universität Erlangen-Nürnberg. In der Schweiz ist sie einmalig zu sehen.

Nationalsozialismus: Weitere Originaldokumente sowie zusätzliche Informationen zur Lernwerkstatt der Pädagogischen Hochschule finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bonus