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LUZERN: In eine Wohnung? «Niemals!»

René und Renate leben seit 29 Jahren in einem Wohnwagen. Ihr Zuhause ist der Campingplatz. Im Luzerner Lido haben sie nun ihren Alterswohnsitz gefunden. Einblicke in ein Leben auf zweimal 15 Quadratmetern.
«Würde uns jemand eine Wohnung schenken, wir würden ablehnen.» Renate, René und ihr kleines Reich auf dem Lido-Campingplatz. Hier ist seit rund acht Jahren ihr Lebensmittelpunkt – und hier bleiben sie nun für immer. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Würde uns jemand eine Wohnung schenken, wir würden ablehnen.» Renate, René und ihr kleines Reich auf dem Lido-Campingplatz. Hier ist seit rund acht Jahren ihr Lebensmittelpunkt – und hier bleiben sie nun für immer. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

11 Grad, wolkenverhangener Himmel, Nieselregen. Es ist ziemlich ungemütlich, als ich am Mittwochnachmittag durch den Campingplatz Lido streife. Von den rund 200 Wohnmobil- und Wohnwagenstellplätzen stehen an diesem Tag rund drei Viertel leer. Es ist still. Menschen sieht man kaum. Richard Hess, den Platzchef, erkennt man sofort. Er trägt ein Chäppi, Arbeitskleidung und ist – wie immer – bestens gelaunt.

«Richi», wie ihn hier alle nennen, nimmt mich mit, er steuert zielsicher auf ein Areal zu, das sich – vom Eingang her betrachtet – im linken, hinteren Teil des Campingplatzes befindet. Die Saison ist vorbei, und mit ihr der grosse Ansturm eines ausserordentlich guten Sommers. Wer jetzt noch hier ist, ist entweder auf der Durchreise, spontan noch zu einem nachsommerlichen Kurztrip aufgebrochen oder: auf dem Camping zu Hause. Rund 20 Leute sind das zurzeit.

Richi klopft an einen Wohnwagen. Ein weisses Gefährt des deutschen Herstellers Dethleffs, rund acht Meter lang, zweieinhalb Meter breit. Man hört, wie sich im Vorzelt eine Tür öffnet, dann geht der Reissverschluss auf. Renate steht da, eine Frau, die ich auf Mitte 50 geschätzt hätte. Wie ich später erfahre, ist sie 61.

«Chömid Sie iine!», sagt sie mit heiterer Stimme und unverkennbarem Ostschweizer Dialekt. Sie hat mich erwartet – Platzchef Richi hat sie vorgängig gefragt, ob jemand von der Zeitung vorbeikommen dürfe. Seitens des Campings herrschen hier klare Regeln: keine Herkunftsangabe von Lido-Gästen in der Zeitung, keine volle Namensnennung, keine Bilder, auf denen man Gesichter erkennt. Man hat in der Vergangenheit vereinzelt schlechte Erfahrungen gemacht, wie man hört.

Das Vorzelt des Wohnwagens ist mit zwei grossen Teppichen ausgelegt. Links steht ein kleiner Kugelgrill, vor der Wohnwagentür eine elektrische Kühlbox, rechts ein Tisch, zwei gepolsterte Stühle, ein blaues Öllämpchen, ein schwarzer Heizofen, drum herum ein paar Plastikregale mit Büchern, einigen Kleidungsstücken, Vorräten, Hundefutter. Daneben ein Radio. Am Boden ein Fressnapf. Es herrscht Ordnung im Vorzelt. Das ist von Vorteil. Denn immerhin machen diese rund 15 Quadratmeter die Hälfte der Wohnfläche aus, in der die beiden zu Hause sind.

Seit 29 Jahren

Die Türe geht auf. René steht darin. Ein Mann mit grauem Haar, stolzer Statur und einem ausgesprochen gutmütigen Gesicht. So stellt man sich einen vor, der Kindern am Lagerfeuer Geschichten vorliest. Er setzt sich auf den bequemen Stuhl, ist gespannt, was der Zeitungsmensch denn wohl alles so wissen will. Sehr entspannt schaut er drein. Eigentlich kann er die Neugierde gar nicht so recht nachvollziehen: Denn für ihn und seine Renate ist dieses Leben auf dem Camping längst Normalität.

«Seit 29 Jahren leben wir so – und wir möchten nach wie vor nichts anderes. Würde uns jemand eine Wohnung schenken, wir würden ablehnen», sagt er. Seine Frau nickt. «Früher, bevor wie uns kannten, hat mein Mann in einer Wohnung gelebt, ich in einem Haus – ganz normal halt. Heute wäre das ein Graus für uns. Ein regelrechtes Horrorszenario!» René ist 76. Der Zürcher hat als junger Bursche eine Metallbaulehre in Luzern absolviert – und so die Stadt kennen und schätzen gelernt. Renate kommt aus der Ostschweiz. Luzern hat sie vorher nicht gekannt. Jetzt, sagt sie, dass das «der schönste Ort» sei, um auf einem Camping zu leben.

Seit nunmehr acht Jahren ist das Lido ihre Homebase, oder um es behördlich korrekt auszudrücken, ihr Lebensmittelpunkt. Das heisst, der Camping am Vierwaldstättersee ist der Ort, an dem sie sich während der vergangenen Jahre jeweils am längsten aufgehalten haben. Hier sind sie angemeldet, hier haben sie ein eigenes Postfach, hier erreichen sie Rechnungen, Briefe, auch die Steuererklärung. «Wir haben dieselben Pflichten, wie alle anderen auch», sagt René. «Wir sind keine Zigeuner.»

«Wir verraten nicht alles»

Wie sie sich kennen gelernt haben und wie es überhaupt zu diesem Leben auf Rädern gekommen sei, will ich wissen. Doch dieses Kapitel ist mit Geheimnissen gespickt. «Da verraten wir nicht alles», sagt Renate. Ein bisschen was erfahre ich trotzdem. Der Start in ihr gemeinsames Leben war ein turbulenter. Einer, der auf zwei gescheiterte Ehen folgte; auf schwierige Zeiten. Beide haben sie je zwei erwachsene Kinder, sind inzwischen auch Grossvater, respektive Grossmutter. «Zu unseren Kindern und Enkelkindern haben wir ein gutes Verhältnis», sagen sie. Man glaubt es ihnen. Und man merkt, dass sie mit der Vergangenheit abgeschlossen haben und zufrieden sind. Man muss ihnen nur zuhören, sie ansehen, wenn sie beispielsweise vom «einen Tag» erzählen. Diesem Tag im Juli 1986, als René mit dem Wohnwagen bei Renate aufkreuzte und sie zusammen davonfuhren. Raus aus ihrem alten Leben. Rein in eine neue, gemeinsame Zukunft.

Inzwischen ist der Nieselregen zu einem kleinen Platzregen geworden. Normalerweise würden die beiden jetzt den kleinen Heizofen anstellen. Derzeit ist das aber etwas zu gefährlich. Seit einer Woche nämlich wuselt Max um die beiden herum, ein junger Miniature-Bull-Terrier. «Er ist bereits der Chef hier!», sagt René mit einem Lächeln und streichelt den Vierbeiner. Max ist temperamentvoll; die Gefahr, dass er den Heizofen umstossen oder sich in einem unbeobachteten Moment daran verletzten würde, wäre zu gross. Drum bleibt der Ofen aus. Und das Vorzelt kühl.

Ihr ganzes gemeinsames Leben lang hatten René und Renate Hunde. Den letzten davon über 16 Jahre lang. Im Wohnwagen erinnert eine kleine Urne an ihn. «Das war mehr als ein Tier – das war ein Familienmitglied für uns.» Ein Familienmitglied, das zudem noch die angenehme Eigenschaft eines Überfall- und Diebstahlschutzes auf sich vereinte. «Dank unserer Hunde wurde bei uns nie eingebrochen», sagt René.

Überhaupt blieben die beiden über all die Jahre von grösseren Unfällen und Unglücken verschont. Zwei-, dreimal haben Nachbarwohnwagen gebrannt, wodurch auch ihr Gefährt in Mitleidenschaft gezogen wurde. «Da sind Teile der Rückwand weggeschmolzen», sagt René. Manchmal konnten sie die Schäden selber reparieren; manchmal kam die Versicherung zum Tragen. Auch einige Pannen auf der Strasse gabs natürlich. Kaum verwunderlich, wenn man, wie sie, jährlich 60'000 bis 80'000 Kilometer unterwegs war.

Da, wo Arbeit war

René und Renate waren mit ihrem Wohnwagen immer da, wo sie gerade Arbeit hatten. Er zuerst in der Braubranche, danach als Monteur und Demonteur von Inneneinrichtungen für Apothekengeschäfte. Da half jeweils auch Renate mit. Landauf, landab waren sie engagiert. «Als freie Mitarbeiter quasi; auf Auftragsbasis.» Und wenn Sie nicht am Arbeiten waren, waren sie auf Achse: in Spanien, Italien, Portugal, am liebsten aber – und deshalb immer und immer wieder – in Südfrankreich und der Provence. «Einem der schönsten Flecken, die es gibt.»

Ihr Wohnwagen ist gemütlich eingerichtet. Gaskochfeld, Ledersitzecke, beleuchtete Holzarmaturen, Flachbildschirm-TV, WC, Dusche, Kühlschrank, ein breites Bett, sogar ein Backofen – auf den rund 15 Quadratmetern Wohnfläche ist alles vorhanden. Für den Stellplatz im Lido zahlen die beiden monatlich 500 Franken. Mit allen Nebenkosten (Gas, Strom, Wasser etc.) kommen sie auf etwa 1100 Franken. Sich für dieses Geld eine Wohnung mieten? Undenkbar! «Wir geniessen die Freiheit. Und im Winter, wenn es draussen kalt ist und drinnen wohlig warm, ist es am schönsten!», sagt Renate.

Dieses Jahr hätten sie gelegentlich an der grossen Hitze zu beissen gehabt. Da war es schon mal 40 Grad drinnen im Wohnwagen. Streit, so erzählt mir Renate, hätten sie nur sehr selten. «Und wenn wir doch einmal Lämpe haben, dann muss halt einer von beiden nach draussen.» Ihr Mann drehe in solchen Situationen gerne mal eine Runde im Auto. «Danach raufen wir uns wieder zusammen.» René hat für die Harmonie, die zwischen ihnen herrscht, übrigens eine ganz simple Erklärung: «Wir haben uns einfach von Herzen gern. Renate ist die Liebe meines Lebens!»

Nach vielen ziemlich rastlosen Jahren haben sich die beiden entschieden, nun in den Ruhestand zu gehen. Das Nummernschild am Wohnwagen ist abmontiert. Hier, hinten rechts im Lido, auf Kies, etwas Rasen und neben einem Baum wird ihr Haus auf Rädern stehen, bis sie sterben. Als ich am Freitag zusammen mit dem Fotografen zurückkehre, scheint die Sonne. Wiederum werden wir voller Freundlichkeit empfangen. Inzwischen duzt man sich, scherzt, lacht. Der erste Eindruck vom Mittwoch hat nicht getäuscht. Hier Leben zwei Menschen, die wirklich glücklich sind.

Pascal Imbach

«Würde uns jemand eine Wohnung schenken, wir würden ablehnen.» Renate, René und ihr kleines Reich auf dem Lido-Campingplatz. Hier ist seit rund acht Jahren ihr Lebensmittelpunkt – und hier bleiben sie nun für immer. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Würde uns jemand eine Wohnung schenken, wir würden ablehnen.» Renate, René und ihr kleines Reich auf dem Lido-Campingplatz. Hier ist seit rund acht Jahren ihr Lebensmittelpunkt – und hier bleiben sie nun für immer. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Würde uns jemand eine Wohnung schenken, wir würden ablehnen.» Renate, René und ihr kleines Reich auf dem Lido-Campingplatz. Hier ist seit rund acht Jahren ihr Lebensmittelpunkt – und hier bleiben sie nun für immer. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Würde uns jemand eine Wohnung schenken, wir würden ablehnen.» Renate, René und ihr kleines Reich auf dem Lido-Campingplatz. Hier ist seit rund acht Jahren ihr Lebensmittelpunkt – und hier bleiben sie nun für immer. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

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