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LUZERN: Invalider Rentner litt fürchterlich

Dorothea Aeschi kritisiert, der von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde mandatierte Beistand habe bei der Betreuung ihres Cousins schlecht gearbeitet. Kesb-Präsidentin Angela Marfurt stellt die Vorwürfe in Abrede.
Thomas Heer
Ein invalider Rentner litt schrecklich. Eine angehörige kritisiert nun die Behörden. (Symbolbild) (Archivbild)

Ein invalider Rentner litt schrecklich. Eine angehörige kritisiert nun die Behörden. (Symbolbild) (Archivbild)

Immer wenn Dorothea Aeschi einen Blick auf die Fotos richtet, auf denen ihr Cousin Sebastian Inäbnit* abgebildet ist, überkommt sie tiefe Trauer. Sie kämpft gegen die emotionale Überforderung. Ab und zu hilft nur noch Weinen. Inäbnit litt zeit seines Lebens an cerebraler Lähmung. Trotz der schweren Behinderung muss es im Dasein von Sebastian Inäbnit aber auch lichte Momente gegeben haben. Diesen Rückschluss darf machen, wer den Mann auf Bildern sieht, die zeigen, wie sich sein Gesichtsausdruck zu einem Lächeln formt.

Inäbnit war immer auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Während Jahrzehnten sorgte sich Mutter Resi* liebevoll um ihren Sohn. Dann kam der Bruch. Dorothea Aeschi erinnert sich: «Im Mai 2012 wurde bei meiner Tante die geistige Verfassung abgeklärt.» Die Diagnose lautete: Demenz. Folglich konnte Resi die Verantwortung über ihren Sebastian nicht mehr weiter wahrnehmen. Ein Beistand musste her. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Luzern Kesb setzte dafür einen Mann ein, der das berufliche Rüstzeug für diese Arbeit vorweisen konnte.

«Im Körper staut sich Wasser auf»

Nach Auffassung von Dorothea Aeschi war dieser Experte aber längst nicht immer auf der Höhe seines Fachs. Am 4. März 2014 setzte sich die besorgte Cousine daher an den Computer und wandte sich per Mail an den «sehr geehrten» Beistand. Im Schreiben hält die Cousine unter anderem fest: «Sebastian hat Ödeme an den Beinen, und er erhält keine Kompressionsstrümpfe.» Und weiter: «Seit dem 2. 2. 2014 stelle ich ein schweres Atmen mit einem leicht einhergehenden Pfeifen bei Sebastian fest.» Sie ergänzt: «So wie ich das wahrnehme, staut sich in seinem Körper Wasser, und sein Bauch hat enorm zugenommen.»

Keine 24 Stunden nach Aeschis Mail-Versand wurde Sebastian Inäbnit ins Luzerner Kantonsspital eingeliefert. Erst am 17. März konnte er die Klinik wieder verlassen. Der «Zentralschweiz am Sonntag» liegt der provisorische Kurzaustrittsbericht vor, der am Entlassungstag von einer Ärztin verfasst wurde. Da wird zum Beispiel festgehalten, dass Sebastian Inäbnit an einer Aspirationspneumonie litt, also einer Lungenentzündung, ausgelöst beispielsweise durch Erbrochenes, das ins Atmungsorgan gelangt. Weiter litt Sebastian an einer schweren Verstopfung, an Hexenschuss, einer komplexen Blasenstörung, an Folsäuremangel sowie einer Niereninsuffizienz.

Fragen rund um Spitaleinweisung

Als Aussenstehender ist es kaum nachvollziehbar, wie Sebastian Inäbnit in einen derart kritischen Gesundheitszustand schlittern konnte. Wo war der Beistand? Nun kann die Behauptung ins Feld geführt werden, Sebastian Inäbnit wäre auch ohne die Intervention seiner Cousine am 5. März hospitalisiert worden. Aber ein Patient, der gemäss dem Bericht des Kantonsspitals an derart gravierenden gesundheitlichen Problemen litt, hätte ganz klar früher in eine Klinik eingewiesen werden müssen.

Seit August ist Angela Marfurt Präsidentin der Kesb Luzern. Der Fall Inäbnit spielte sich also längst vor ihrem Amtsantritt ab. Trotzdem nahm sich Marfurt die Mühe, sich ins entsprechende Dossier einzuarbeiten. Ihr Fazit lautet: «Meiner Ansicht nach ist nichts schiefgelaufen. Nicht nur Spitex-Fachleute waren für die Gesundheit des Klienten zuständig, sondern auch stets eine Ärztin.» Und Marfurt ergänzt: «Aus meiner Sicht lebte der Mann in einem sehr komplexen familiären Umfeld, und es war sein Wunsch, zu Hause zu leben.»

Dorothea Aeschi entgegnet: «Aber wie kann es sein, dass Sebastian trotz medizinischer Betreuung in einen solch desolaten Zustand geraten konnte?»

Besuchszeiten eingeschränkt

Die Arbeit des Beistandes sorgte im Umfeld von Inäbnit auch anderweitig für Stirnrunzeln. In einem Schreiben vom 4. Oktober 2013 an die «sehr geehrten Verwandte, Freunde, Bekannte von Sebastian Inäbnit» hält der Beistand fest, dass sich die Besuchszeiten auf die Sonntage beschränken, und zwar auf die Stunden zwischen 14 und 17 Uhr. Erst auf Intervention eines Bekannten wurde das Besuchsregime gelockert. Ab 1. Februar 2014 durfte der Patient nachmittags täglich Gäste empfangen.

Ungebackene Pizza gegessen

Wie gut oder schlecht Sebastian Inäbnit tatsächlich betreut wurde, ist im Nachhinein schwierig zu rekonstruieren. Wenig Erbauliches ist jedoch in einem Dokument nachzulesen, das eine Spitex-Mitarbeiterin am 16. Dezember 2013 schriftlich verfasste. Darin hält die Frau fest, dass sie Mutter und Sohn Inäbnit einmal um die Mittagszeit herum besuchte. «Sie assen eine Tiefkühlpizza.» Das Problem dabei: Das Hefeteig-Gericht war nicht gebacken.

Nichts Gutes weiss auch eine ehemalige Pflegerin von Sebastian Inäbnit zu berichten. «Ich wurde plötzlich vom Patienten abgezogen.» Sebastian traf das offenbar sehr hart. Die Frau sagt: «Er hat danach fast Tag und Nacht geweint. Er wurde gehalten wie ein Gefangener.» Und eine Bekannte von Inäbnit schrieb am 7. November 2013 an den Beistand, dass sie von einem Mann aus Sebastians Betreuerumfeld während eines Besuches auf «arrogante Art und Weise» aus dem Haus komplementiert wurde.

Zum Schluss noch diese traurige Nachricht: Sebastian Inäbnit verstarb Ende Oktober mit 71 Jahren als Heimpatient an multiplem Organversagen.

*Namen von der Redaktion geändert.

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