LUZERN: Islam-Video: Gemässigte distanzieren sich

Der Islamische Zentralrat Schweiz drehte in Kriens einen Propaganda-Film. Die Islamische Gemeinde wusste nichts davon – und distanziert sich von der radikalen Gruppe.

Alexander von Däniken und Christian Hodel
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Der Islamische Zentralrat zeigt Fotos zum Videodreh auf seiner Facebook-Seite. (Bild: Screenshot Internet)

Der Islamische Zentralrat zeigt Fotos zum Videodreh auf seiner Facebook-Seite. (Bild: Screenshot Internet)

Der Dreh eines «Werbevideos» in Kriens durch radikale Muslime rund um den Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) hat hohe Wellen geworfen. Auch innerhalb der Islamischen Gemeinde Luzern (IGL) gibt der von unserer Zeitung aufgedeckte Fall zu reden. Präsident Yusuf Sabadia: «Wir wussten nichts vom Dreh. Niemand, der im Vorstand eines lokalen muslimischen Vereins ist, hat Verbindungen zum IZRS.» Die IGL und die ihr angeschlossenen Gruppen «distanzieren sich deutlich vom radikalen Gedankengut des IZRS». Die IGL stehe für einen fortschrittsorientierten Islam und für Toleranz. «Dass einzelne Personen aus der Region dem IZRS nahestehen, ist sehr bedauerlich.» Man versuche, mit diesen jungen Leuten den Dialog zu suchen. «Gegen eine Organisation mit viel Ressourcen und starker Internetpräsenz anzugehen, ist für uns aber schwierig», sagt Sabadia. Die Moschee Barmherzigkeit an der Luzerner Baselstrasse, wo sich die IZRS-Sympathisanten für den Videodreh trafen, stehe laut Sabadia jedem offen. «Umso bedauerlicher ist es, wenn das ausgenützt wird.»

Ex-Imam setzt sich für Dialog ein

In der Ausgabe vom Samstag hat unsere Zeitung Petrit Alimi als Imam der betreffenden Moschee bezeichnet. «Das ist falsch. Ich bin seit 2011 weder Imam noch ehrenamtlicher Imam dieser Moschee», erklärt Alimi nun. Auch er habe von der Filmaktion keine Kenntnis gehabt, «und ich bin weder Mitglied des IZRS noch habe ich Sympathien für diese Organisation». Alimi betont, dass er in den letzten Jahren viel zu einem offenen Dialog zwischen den muslimischen Organisationen und den anderen Kirchen sowie den Behörden beigetragen habe: «Eine staatliche, öffentlich-rechtliche Anerkennung der Islamischen Gemeinde Luzern und ein zentrales, islamisches Glaubens- und Kulturzentrum für die Muslime der zweiten und dritten Generation mit einem vollamtlichen Imam würden viel zum Dialog, zur Transparenz und zur Integration beitragen.»

Stellt sich die Frage: Warum konnten sich Sympathisanten des IZRS in der Moschee treffen? Schon einen Monat zuvor, am 11. Oktober, hielt der umstrittene IZRS-Präsident Nicolas Blancho persönlich in dieser Moschee ein Referat, wie weitere Recherchen zeigen. Sabadia und Alimi verweisen auf den Vorstand der Moschee. Deren Präsident war gestern aber nicht erreichbar.

Offene Fragen hat derzeit auch Pirmin Müller, SVP-Kantonsrat. Er werde bei der Regierung eine Anfrage zu den «Propaganda-Aktivitäten der islamistischen IZRS» einreichen, sagt er. Unter anderem will er von der Luzerner Regierung wissen, wie sie künftig mit Ansprechpartnern umgehen will, die «sich nicht oder ungenügend von Extremisten und Extremismus abgrenzen».

Immer wieder Fälle in Kriens

Der Videodreh, bei dem rund 60 Muslime aus der Region Luzern mitgemacht haben, fand im Gebiet Holderchäppeli statt – zwischen Schwarzenberg und Kriens. Die Gemeinde geriet in den vergangenen Jahren immer wieder in die Schlagzeilen wegen radikaler Muslime.

 

  • Vor wenigen Monatenwurdebekannt, dass ein mutmasslicher Dschihadist jahrelang Sozialhilfe in Kriens bezogen hat. Der Bosnier soll sich in Syrien einer radikalenGruppierung angeschlossen haben. Der Schwiegervater wiederum soll enge Beziehungen zu einem radikal-islamistischen Hassprediger unterhalten. Er wurde 2008 in Kriens eingebürgert, hat die Gemeinde inzwischen verlassen (Ausgabe vom 23. September).
  • Im Dezember 2009 lud die muslimische Dar-Assalam-Gemeinschaft, die in Kriens einen Gebetsraum führt, den Islam-Prediger Pierre Vogel für ein Referat ein. Der in Deutschland unter Beobachtung stehende Konvertit predigt die salafistische Lehre und trat in Kriens in einem Schulhaus auf – ohne dass die Gemeinde von dem Auftritt gewusst hat.
  • Nur wenige Tage später stand der damalige Imamder Krienser Moschee in der Öffentlichkeit. Er soll die Schweizer in einer Predigt als «Affen» und «Ungläubige» bezeichnet haben. In einem Interview mit unserer Zeitung distanzierte er sich von den Vorwürfen. Auf die Frage, waser vonHassprediger Pierre Vogel halte, antwortete er: «Herr Vogel ist keinHassprediger, sondern ein ganz normaler Muslim.»

 

Gemeinderat: «Wir sind keine Oase»

Hat Kriens ein Problem mit radikalen Muslimen? Die Muslime in der Gemeinde seien in den vergangenen Jahren – mit Aussnahme des Referats von Pierre Vogel – nicht öffentlich in Erscheinung getreten, sagt Cyrill Wiget, Gemeinderat. Strafrechtlich relevante Vorfälle seien ihm keine bekannt. «Solche würden wir auch nicht dulden.» Klar sei aber: «Wir sind keine Oase», so Wiget. Es gebe radikale religiöse Personen. «Ob solche auch in Kriens wohnhaft sind, wissen wir leider nicht.» Sidali Metriter, Präsident des Vereins Dar Assalam Luzern, war auf Anfrage unserer Zeitung nicht erreichbar.