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Luzern: IT-Auftrag an teuersten Anbieter

Das Kantonsspital entscheidet sich in einer IT-Ausschreibung für das mit Abstand teuerste Projekt. Die Verlierer reagieren mit Unverständnis – und blockieren das Projekt mit Beschwerden.
Maurizio Minetti
Das Luzerner Kantonsspital (im Bild eine Operation in der Chirurgieabteilung) soll ein neues Informatiksystem erhalten. Damit werden auch Prozessabläufe bei Operationen definiert. (Bild: Nadia Schärli)

Das Luzerner Kantonsspital (im Bild eine Operation in der Chirurgieabteilung) soll ein neues Informatiksystem erhalten. Damit werden auch Prozessabläufe bei Operationen definiert. (Bild: Nadia Schärli)

Ein Informatikprojekt des Luzerner Kantonsspitals sorgt für rote Köpfe. «So etwas habe ich in meinem 20-jährigen Berufsleben in der Spitalinformatik noch nie erlebt», sagt einer. «Das ist jenseits von Gut und Böse», sagt ein anderer. Beide wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.

Was ist geschehen? Im Juni des vergangenen Jahres hat das Spital ein neues Klinikinformationssystem (KIS) ausgeschrieben. Den Zuschlag für das Projekt erhielt im Dezember der Softwarehersteller Epic aus dem US-Bundesstaat Wisconsin. Das Besondere daran: Epic war nicht der günstigste Anbieter – er war vielmehr mit Abstand der teuerste. Dass das Kantonsspital Epic den Zuschlag erteilt hat, erstaunt auch deshalb, weil der Preis in der Regel das wichtigste Kriterium bei öffentlichen Ausschreibungen ist. Der Preis wurde bei diesem Projekt aber nur mit 20 Prozent gewichtet. Funktionale Anforderungen machten 30 Prozent und damit den grössten Teil der Zuschlagskriterien aus.

Dass der Preis im öffentlichen Beschaffungswesen eigentlich massgebend ist, hat das Kantonsspital in den vergangenen Tagen immer wieder betont. Dies im Zusammenhang mit der Vergabe von Aufträgen an günstigere Gastronomie-Anbieter ausserhalb unserer Region (wir berichteten, siehe Kasten). Warum sich das Spital für die massiv teurere Variante entschieden hat, ist derzeit noch unklar. Es kann sich aufgrund des laufenden Verfahrens noch nicht zum Projekt äussern. In einer Stellungnahme schreibt das Kantonsspital: «Die Zuschlagsverfügung ist noch offen, da gerichtlich anhängig. Aus diesem verständlichen Grund darf sich das Kantonsspital nicht äussern.»

Beschwerden von Berner Firmen

Das KIS-Projekt mit Epic inklusive Betriebskosten für acht Jahre wird gemäss dem Zuschlag 65,8 Millionen Franken ohne Mehrwertsteuer kosten. Mehrere Personen, die sich mit der Ausschreibung beschäftigt haben, sagen übereinstimmend, dass alle anderen Offerten viel günstiger waren: Die Bandbreite reicht von knapp 10 Millionen bis 26 Millionen Franken. Experten sagen, dass ein herkömmliches KIS-Projekt in dieser Grössenordnung in der Regel 8 bis 10 Millionen Franken kostet.

Kurz nach dem Zuschlag an Epic haben zwei unterlegene Firmen aus dem Kanton Bern eine Beschwerde eingereicht, wie das Luzerner Kantonsgericht bestätigt. Während auf eine Beschwerde wegen eines Formfehlers nicht eingetreten wurde, ist die andere noch hängig. «Es kann voraussichtlich mehrere Monate dauern, bis ein Urteil vorliegt», sagt Franziska Betschart, die stellvertretende Informationsbeauftragte des Kantonsgerichts. Sie spricht von einem sehr umfangreichen und komplexen Fall. Die Beschwerde hat aufschiebende Wirkung. Das heisst, das Projekt ist derzeit gestoppt.

Geht das Projekt bachab?

Aus dem Umfeld der unterlegenen Firmen wird kritisiert, dass die Ausschreibungsunterlagen irreführend gewesen seien. «Alle sind von einem herkömmlichen KIS-System ausgegangen. Tatsächlich wird nun aber ein viel komplexeres System eingeführt», sagt einer. Für Stirnrunzeln sorgt auch, dass Epic im gesamten deutschsprachigen Raum keinen einzigen Kunden vorzuweisen hat. «Wenn man bedenkt, dass selbst deutsche Softwareanbieter mit der Schweizer Gesetzgebung im Gesundheitswesen zu kämpfen haben, stellt sich die Frage, ob Epic das Projekt tatsächlich stemmen kann.» Ein Involvierter sagt unverblümt: «Man wartet in der Branche eigentlich nur darauf, dass das Projekt bachab geht.»

Ein riskantes Vorzeigeprojekt

Es gibt aber durchaus Personen, die das Vorgehen des Kantonsspitals nachvollziehen können. Guido Burkhardt kennt sich als Geschäftsführer des Vereins Swissig mit Innovationen im Gesundheitswesen aus. Er sieht für das Vorgehen des Kantonsspitals gute Gründe: «Heute ist es in der Schweizer Spitallandschaft so, dass meistens verschiedene Lösungen zu einem grossen Ganzen zusammengeführt werden. Das ist in der Regel aufwendig, teuer, und die wenigsten Spitäler sind damit zufrieden», so Burkhardt. Das Luzerner Kantonsspital könnte seiner Meinung nach nun mit dem Projekt versuchen, alle Prozesse mit einer einzigen Lösung abzudecken. «Die Luzerner wollen sich offensichtlich als Vorreiter in der Schweizer Spitalinformatik positionieren», glaubt der Experte. Das Spital selbst wollte auf diese Spekulation nicht eingehen.

Burkhardt sagt, er habe ein «tiefes Verständnis» dafür, dass das Kantonsspital «andere Wege beschreiten will als andere Spitäler oder sogar alle anderen Spitäler bisher.» Ob das für das Luzerner Kantonsspital sinnvoll sei oder nicht, sei eine Frage der Kosten und der Risikoabwägung, «die ja im Rahmen der Ausschreibung bestimmt sauber gemacht wurde», so Burkhardt.

Ob der Softwarehersteller Epic letztlich der richtige Partner sei, kann Burkhardt nicht beurteilen. «Von dieser Firma und ihren Dienstleistungen ist im deutschsprachigen Markt bisher nicht viel bekannt», sagt er. Ausserdem kommuniziere das Unternehmen nach aussen nicht sonderlich transparent.

Das Ziel lautet Kosten senken

Der Begriff Klinikinformationssystem (KIS) wird unterschiedlich interpretiert. Gemeinhin versteht man darunter die Handhabung medizinischer und administrativer Daten in einem Spital oder einer Klinik. Mit solchen Systemen werden also etwa Krankengeschichten bewirtschaftet oder Prozessabläufe definiert.

Ein Beispiel: Bei einer Gallenblasenoperation sind 80 Prozent der Abläufe im Vorfeld der Operation immer gleich. So müssen beispielsweise das Bett oder das Röntgen organisiert werden. Ein gutes KIS kann nun dabei helfen, dass diese Abläufe automatisiert werden und so weniger Reibungsverluste entstehen. Letztlich soll ein KIS auch helfen, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken.

Vergleichbare Güter: Preis entscheidend

Henniez statt Mineralwasser aus Knutwil oder Getränke vom Heineken-Ableger Stardrinks statt vom Rothenburger Familienbetrieb Schürch: Die Spitalleitung polarisierte mit ihrer Vergabepraxis in den letzten Wochen. Direktor Benno Fuchs begründet die Wechsel der Anbieter mit dem Gesetz über die öffentlichen Beschaffungen. So spiele der Preis dann eine massgebende Rolle, wenn die Produkte vergleichbar seien. Fuchs: «Coca-Cola ist nun einmal Coca-Cola, und dann bleibt vor allem der Preis als Unterschied.»

Experten wie Martin Beyeler stützen diese Haltung. Der Präsident der Schweizerischen Vereinigung für das öffentliche Beschaffungswesen sagt, dass es keine zulässigen Kriterien gebe, die regionale Anbieter aufgrund ihrer Herkunft bevorzugen würden.

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