LUZERN: Jetzt ist der erste Uni-Sponsor bekannt

Was halten Firmen von der geplanten Wirtschaftsfakultät? Sie geben sich neutral bis positiv – ein Ruswiler Unternehmer will sie auch finanziell unterstützen.

Alexander von Däniken
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An der Hochschule Luzern lernen derzeit knapp 2000 Studenten im Departement Wirtschaft (links); an der Uni Luzern sollen es ab 2016 in der geplanten Wirtschaftsfakultät 600 und im Vollausbau dann bis zu 1000 sein. (Archivbilder Pius Amrein/Dominik Wunderli)

An der Hochschule Luzern lernen derzeit knapp 2000 Studenten im Departement Wirtschaft (links); an der Uni Luzern sollen es ab 2016 in der geplanten Wirtschaftsfakultät 600 und im Vollausbau dann bis zu 1000 sein. (Archivbilder Pius Amrein/Dominik Wunderli)

Die kommende Abstimmung über die Wirtschaftsfakultät der Uni Luzern scheint vielen von unserer Zeitung angefragten Unternehmern aus der Region heikel zu sein; sie wollen sich nicht öffentlich dazu äussern. Einer, der sich nicht scheut, ist Reto Sieber (61). «Wir brauchen analytisch starke Nachwuchstalente, die von der Uni kommen, genauso wie praktisch starke Nachwuchstalente, die von der Fachhochschule kommen», sagt Sieber, der mit seinem Bruder Marco die Siga AG in Ruswil führt, einen Betrieb im Hausbaubereich.

Die Suche nach Uni-Abgängern im Bereich Wirtschaft ist laut Sieber mühsam. «Viele sind durch das Studium in St. Gallen oder Zürich schon dort verwurzelt.» Mit einer Luzerner Wirtschaftsfakultät könne der Nachwuchs hier behalten werden. «Stattdessen geben wir derzeit 750 Wirtschaftsstudenten an andere Unis ab, deren Ausbildungskosten in der Höhe von rund 90 Millionen Franken wir bezahlen.» Gemeint sind die Ausgleichszahlungen an die jeweiligen Uni-Standortkantone sowie die Kosten für die gymnasiale Matura. Konkurrenz mit der Hochschule HSLU gebe es keine, schliesslich sei diese in erster Linie für Berufsmaturanden da. «Auch wegen der KMU-tauglichen Unternehmerschule werden wir uns an der Uni-Anschubfinanzierung beteiligen», so Sieber. In welchem Umfang, gibt er nicht bekannt. Er begleitet zudem ein neues Projekt an der Hochschule, auch hier wird über eine Anschubfinanzierung gesprochen. Reto Sieber betont: «Wir benötigen beide Institutionen.»

Handelskammer: Einstimmig

Die Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ) vertritt rund 700 Unternehmen – und setzt sich ebenfalls für die Wirtschaftsfakultät ein. Laut Direktor Felix Howald war dies ein einstimmiger Vorstandsbeschluss. Man habe über die Bedenken der Gegner der Wirtschaftsfakultät diskutiert, etwa über die Konkurrenz zur HSLU. «Da die Uni sich aber an Gymi-Abgänger richtet, stellt sich diese Frage nicht. Die Zentralschweizer Unternehmen haben Interesse am Nachwuchs beider Hochschulen.»

Zurückhaltung bei Emmi

Nicht alle Unternehmen setzen sich für die neue Fakultät ein. Emmi zum Beispiel hat «eine neutrale Position», wie Konzernsprecherin Esther Gerster auf Anfrage mitteilt. Der Luzerner Milchverarbeiter könne sich vorstellen, dereinst über Fachvorträge oder einzelne Projekte mit der Fakultät zusammenzuarbeiten, wie dies schon bei der Hochschule der Fall ist. Was die Wahl von Uni- oder Hochschulabgängern angeht, setze Emmi auf beide Institutionen. Die Rekrutierung sei aber kein Problem. Gerster: «Im Moment ist der Bedarf an jungen Wirtschaftsexperten gedeckt. Einen Fachkräftemangel bemerken wir viel eher in anderen Segmenten; zum Beispiel in der Milchtechnologie und generell in technischen Berufen.»

Ein Personalvermittler, der sich wegen seiner Mandate nicht namentlich äussert, bestätigt, dass es in der Zentralschweiz nicht an Ökonomen mangelt, sondern vor allem an Ingenieuren verschiedenster Branchen.

Das wird an der HSLU gelehrt

Pius Muff, Vizedirektor Departement Wirtschaft HSLU (Bild: pd)

Pius Muff, Vizedirektor Departement Wirtschaft HSLU (Bild: pd)

Pius Muff ist Vizedirektor des Departements Wirtschaft der Hochschule Luzern (HSLU) und Leiter Ausbildung. Die Bachelor-Stufe als Grundstudium ist breit gefächert. Anders als bei Universitäten entscheiden sich rund drei Viertel der Hochschulabsolventen schon nach Erreichen des Bachelor-Abschlusses für den Schritt in den Arbeitsmarkt. «Dabei finden 93 Prozent unserer Absolventen sogleich eine passende Stelle, 68 Prozent übernehmen später eine Führungsfunktion», erklärt Muff.

Schwerpunkte

Die Bachelor-Studenten haben die Wahl zwischen drei eigenständigen Studiengängen: Business Administration (Betriebswirtschaft), International Management & Economics (vollständig in Englisch) sowie Wirtschaftsinformatik. Innerhalb des Studiengangs Betriebswirtschaft wählen die Studierenden nach dem Grundstudium aus acht Vertiefungsrichtungen aus: Controlling, Finance & Banking, Immobilien, Kommunikation & Marketing, Management & Recht, Public & Non-Profit-Management, Tourismus & Mobilität sowie Prozessmanagement. Im Master-Studium werden die jeweiligen Schwerpunkte vertieft.
Je nach Studienrichtung finden die Absolventen eine Stelle in den Finanz- oder Marketingabteilungen von kleinen, mittleren und grossen Unternehmen, bei Wirtschaftsprüfern, in der Immobilien-, Bau- und Finanzbranche, bei Pensionskassen, in Nonprofit-Organisationen, in Verwaltungen oder in der Tourismus-Branche. Dazu können Absolventen der Wirtschaftsinformatik in Bereichen wie Informatikdienstleistungen, Softwareerstellung und Unternehmensberatung arbeiten.

KMU wünschen Internationalität

In der Studienrichtung Betriebswirtschaft im öffentlichen/Non-Profit-Bereich lernen die Hochschul-Studenten unter anderem das Gesundheitssystem kennen. Entsprechend können Absolventen auch in diesem Sektor in verantwortlichen Positionen arbeiten. Gemäss Muff haben immer mehr KMU in den letzten Jahren den Wunsch nach Führungskräften geäussert, die sich auch in der internationalen Wirtschaft auskennen: «Darum haben wir 2008 einen vollständig englischsprachigen Bachelor-Studiengang mit dem  entsprechenden Schwerpunkt gestartet.» Im Studiengang Wirtschaftsinformatik können Studenten für einen sechswöchigen Studien- und Projektaufenthalt in die USA reisen.

Regionale Vernetzung

Doch die HSLU setzt auch auf regionale Vernetzung. Bachelor-Studenten erarbeiten für Unternehmen aus der Region Projekte oder Business-Pläne. «Ausserdem halten führungserfahrene Personen aus regionalen und überregionalen Unternehmen und Organisationen bei uns regelmässig Referate», erklärt Muff. Und: «Es gibt auch ein Patenprojekt, bei dem Unternehmer aus der Region unsere Studenten begleiten und anleiten.» Ähnliche Programme biete die Hochschule auch für Studenten an, die eine eigene Firma gründen wollen. Auch die Führung von Familienunternehmen ist ein Schwerpunktthema.

Das ist an der Fakultät geplant

Christoph Schaltegger, Ökonomisches Seminar Universität Luzern (Bild: pd)

Christoph Schaltegger, Ökonomisches Seminar Universität Luzern (Bild: pd)

Vorausgesetzt, die Stimmbürger sagen Ja zum Uni-Gesetz und damit Ja zur Wirtschaftsfakultät mit vorerst 600 Studenten, wird Christoph Schaltegger deren Dekan, also Vorsteher. Schaltegger (42) ist derzeit Professor am ökonomischen Seminar der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
Zum Bachelor (Basisstudium) der geplanten Wirtschaftsfakultät erklärt Schaltegger: «Das Ziel ist eine möglichst breite Grundausbildung. Studenten sollen die Möglichkeit haben, den Master an einer anderen Universität machen zu können.» Das sei wichtig, weil auch umgekehrt auswärtige Bachelor-Studenten ihren Master in Luzern machen können sollen. Schon auf Bachelor-Stufe will die Uni Luzern bereits vorhandene Kompetenzen in die Wirtschaftsfakultät einbauen: Laut Schaltegger ist eine Zusammenarbeit mit der rechtswissenschaftlichen und der kultur-sozialwissenschaftlichen Fakultät geplant.

Analysen für Schweiz aus Luzern

Beim Master-Studium (vertieftes Studium, das auf dem Bachelor aufbaut) sollen die Wirtschaftsstudenten zwischen drei Schwerpunkten wählen oder ein eigenes Profil bilden können: Politische Ökonomie, Unternehmerische Führung und Gesundheitsmanagement/-ökonomie.
Die politische Ökonomie beschäftigt sich mit Fragen rund um Wirtschaft, Staat und Wohlfahrt. Zum Beispiel, wie sich das politische System eines Landes auf dessen Wirtschaftspolitik auswirkt oder wie sich der Steuerwettbewerb auswirkt. Diesen Fragen gehen zwar auch andere Unis nach. «Was hierzulande aber fehlt, sind Daten und Analysen, die auf die Schweiz und ihre Regionen zugeschnitten sind», erklärt Schaltegger. «Genau diesen Schwerpunkt wollen wir anbieten.» Absolventen dieses Schwerpunktfachs seien bei Unternehmen gefragt, die eng mit der Politik verknüpft sind, also Pharma, Banken, Versicherungen. Aber auch Firmen, die Behörden beraten, oder auch öffentliche Verwaltungen, seien an solchen Absolventen interessiert.
Der Schwerpunkt Unternehmerische Führung beschäftigt sich mit der Ausbildung von Studenten zu Führungskräften. Kern ist die Unternehmerschule, wo Studenten Geschäftsideen entwickeln und sich dabei regelmässig mit Unternehmern aus der Region austauschen. Schaltegger dazu: «Unternehmer haben in Gesprächen deutlich gemacht, dass sie nicht pure Theoretiker brauchen.»

Zusammenarbeit mit Kliniken

Der Schwerpunkt Gesundheitsmanagement und Gesundheitsökonomie verknüpft Wirtschaft mit dem Gesundheitssektor. Ziel der Studienrichtung ist es, Ökonomen auszubilden, die sich auch in der Finanzierung des Gesundheitssystems und im Management von Kliniken, Krankenkassen oder entsprechenden Verwaltungseinheiten auskennen.
Hier will die Uni insbesondere die bestehende Zusammenarbeit mit dem Luzerner Kantonsspital und mit dem Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil sowie mit Versicherungen ausbauen.

An der Hochschule Luzern lernen derzeit knapp 2'000 Studenten im Departement Wirtschaft. (Bild: Pius Amrein / Dominik Wunderli)

An der Hochschule Luzern lernen derzeit knapp 2'000 Studenten im Departement Wirtschaft. (Bild: Pius Amrein / Dominik Wunderli)