LUZERN: Judith Stamm feiert den 80. Geburtstag

Die frühere Luzerner CVP-Nationalrätin Judith Stamm feiert am 2Dienstag ihren 80. Geburtstag. Bis gegen Ende der 1990er-Jahre kämpfte sie lautstark für die Emanzipation der Frauen. Heute hofft sie auf ein möglichst ruhiges Geburtstagsfest.

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Judith Stamm bei einer Rede im März 1987 im Parlament. (Bild: Keystone)

Judith Stamm bei einer Rede im März 1987 im Parlament. (Bild: Keystone)

Sie feiere ihren Achzigsten in kleinem Rahmen bei Freunden in Luzern, sagte Judith Stamm gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Und sie wünsche sich, dass das Jubiläum dezent über die Bühne gehe.

«Ich möchte nicht zu viel Stress. Ich bin ja jetzt mehr oder weniger wieder eine Privatperson». Den Prozess des Älterwerdens, so die ledig gebliebene, rüstige Rentnerin, versuche sie mit Würde zu überstehen.

Stamm besucht regelmässig Seniorenclubs und Altersheime für Vorträge etwa zu ihrer 2008 erschienenen Biografie «Beherzt und unerschrocken» von Nathalie Zeindler. Daneben schreibt die Vielleserin regelmässig Kolumnen für die Internetmagazine Seniorweb und Luzern 60plus.

Politarbeit vermisst sie nicht

Die politische Arbeit vermisse sie nicht, sagt die frühere Nationalrätin und Bundesratskandidatin. «Irgendwann ist das durch. Man weiss, was man erreichen kann, und was nicht.»

Judith Stamm gilt als Ikone der Gleichstellungsbewegung in der Schweiz. Die Linksbürgerliche zeigte immer wieder Mut zu eigenwilligen Positionen. Sie setzte sich für die Fristenlösung als strafrechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruches ein und vertrat eine Herabsetzung des Schutzalters.

Ländliche und konservative CVP-Kreise stiess Stamm damit vor den Kopf. Doch in der Stadt und Agglomeration erzielte sie bei den Wahlen Spitzenergebnisse.

Nach der Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts gehörte Stamm 1971 zu den ersten Luzerner Kantonsparlamentarierinnen. 1983 wurde sie als zweite Luzerner Frau nach Josi Meier in den Nationalrat gewählt, dem sie bis 1999 angehörte, und den sie 1996/97 auch präsidierte.

In ihrer politischen Arbeit setzte Stamm Schwerpunkte im Sozial- und Umweltbereich sowie in der Rechtsetzung. Mit einer Motion von 1986 erreichte sie die Schaffung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Mann und Frau.

Erster weiblicher Polizeioffizier

Unter den ersten war Stamm nicht nur bei den Wahlen. Die in Zürich aufgewachsene gebürtige Schaffhauserin doktorierte in Rechtswissenschaft und trat 1960 als Polizeiassistentin in das luzernische Polizeikorps ein. Sie brachte es bis zur «Frau Oberleutnant» und war damit der erste weibliche Polizeioffizier der Schweiz.

Als Kriminalbeamtin engagierte sie sich früh für eine Reform der Befragungspraxis bei Opfern von Sexual- und Gewaltdelikten. Nach 20 Jahren Kantonspolizei wurde sie Jugendanwältin.

Judith Stamms Hauptanliegen waren stets die Frauen. Sie legte sich auch spektakulär ins Zeug. «Nehmen Sie Platz, Madame» - dieser Aufruf, mit dem die von ihr von 1989 bis 1996 präsidierte Eidgenössischen Frauenkommission im Wahljahr 1991 die Männer zum Sesselrücken aufforderte, war ganz nach dem Geschmack von Stamm: präzis, höflich und provokativ.

1986 kandidierte Stamm gegen Partei und Fraktion, gegen Flavio Cotti und Arnold Koller, auf eigene Faust als Bundesrätin. Sie verpasste die Wahl klar, markierte aber eindrücklich den Willen der Frauen zur Vertretung in der Landesregierung.

Ziel von Sprengstoffanschlag

Judith Stamm präsidierte von 1998 bis 2007 die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) und die Rütlikommission, die die Bundesfeier auf der Rütliwiese organisiert. Stamm war seit der Gründung der SGG im Jahre 1810 die erste Frau in diesem Amt und die erste Person, die nicht aus dem Kanton Zürich stammte.

Wegen Störaktionen musste die SGG in jenen Jahren den Zutritt zum Rütli einschränken. Bei ihrem Rücktritt als SGG-Präsidentin im Herbst 2007 war Stamm neben zwei weiteren Zentralschweizer Politikern und SGG-Mitgliedern Ziel von Sprengstoffanschlägen auf Briefkästen. Verletzt wurde niemand.

Stamm erhielt für ihr Engagement auch mehrere Auszeichnungen. 2002 erhielt sie die Ehrennadel der Stadt Luzern. 2011 wurde sie Ehrendoktorin an der Juristischen Fakultät der Universität Basel.

Thomas Oswald, sda