LUZERN: Jugendbanden «stärker als je zuvor»

19 Jugendliche haben in der Region über 60 Delikte begangen. Für Experten ist klar: Gruppendruck erhöht die Kriminalitätsgefahr.

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Psychologe Allan Guggenbühl:. «Es ist verbreitet, dass Jugendliche im Einkaufszentrum mal stehlen oder das Auto des Vaters entwenden, um damit eine Spritztour zu machen.» (Bild: Archiv Neue LZ)

Psychologe Allan Guggenbühl:. «Es ist verbreitet, dass Jugendliche im Einkaufszentrum mal stehlen oder das Auto des Vaters entwenden, um damit eine Spritztour zu machen.» (Bild: Archiv Neue LZ)

Sarah Weissmann

Gestohlene Autos, Drogen, Einbrüche, Sachbeschädigungen und Diebstähle. Einer Bande von 19 Jugendlichen aus den Kantonen Luzern und Nidwalden werden über 60 Straftaten zur Last gelegt – die zwei Haupttäter sind 15 Jahre alt. Die Dimension dieses Falls ist laut Luzerner Strafuntersuchungsbehörden zwar erstmalig in der Region. Doch ein Blick in den aktuellsten verfügbaren Jahresbericht der Staatsanwaltschaft Luzern zeigt: Derartige Delikte nehmen tendenziell zu. 2013 bearbeitete die Jugendstaatsanwaltschaft 1810 Fälle, was einem Plus von 115 gegenüber dem Vorjahr entspricht.

  • Angeführt wird die Liste mit 618 Fällen im Bereich Vermögensdelikte.
  • Mit 476 Fällen ist der Anteil an Verstössen gegen das Strassenverkehrsgesetz seit Jahren beachtlich hoch.
  • Gestiegen sind die Fallzahlen im Bereich Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz, von 216 auf 321, und bei den Urkundendelikten (zum Beispiel Ausweisfälschung), von 57 auf 100 Fälle.
  • Die Zahl jugendlicher Gewaltdelikte hat seit Jahren erstmals wieder zugenommen: von 69 auf 119 Fälle.

Die Luzerner Strafuntersuchungsbehörden haben mit Jugendbanden gewisse Erfahrungen, wie Sprecher Simon Kopp im Zusammenhang mit dem jüngsten Fall sagte. Auf Anfrage wollte man sich indes derzeit nicht weiter dazu äussern. Grund: Solche Aussagen, auch allgemeiner Art, würden auf das laufende Verfahren bezogen.

«Kriminelle Energie entwickelt»

Dass Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren ihre Grenzen austesten wollen, bestätigt der Psychologe und Experte für Jugendgewalt, Allan Guggenbühl. «Es ist verbreitet, dass Jugendliche im Einkaufszentrum mal stehlen oder das Auto des Vaters entwenden, um damit eine Spritztour zu machen», sagt Guggenbühl. Dieses Vorgehen würde aber nicht als Delikt registriert. «In einer Gruppe können sie sich dann gegenseitig bestätigen und fühlen sich cool.» Dadurch würde es zu einer Realitätsverschiebung kommen.

Das Besondere am aktuellen Luzerner Fall sei jedoch die Dimension. Denn verbotene Dinge würden Jugendliche zwar reizen, um Grenzen auszulotsen. Doch: «Dass die Jugendlichen gezielt Autos stehlen, ist selten», sagt Guggenbühl. Deshalb mutmasst der Experte: «Die beiden Haupttäter haben wahrscheinlich eine kriminelle Energie entwickelt. Denn wer ein solches Delikt begeht, rutscht da nicht einfach rein, sondern geht bewusst vor.» Laut Guggenbühl «spielt auch der Gruppendruck eine Rolle. Die anderen Jugendlichen trauen sich nicht, etwas dagegen zu sagen, und machen einfach das, was die anderen auch machen – um dazuzugehören.» Der Experte ist der Ansicht, dass die Jugendlichen angemessen bestraft werden müssen. Gemäss seiner Erfahrung zeigt sich: «Teilweise ist es so, wenn die Jugendlichen mal im Gefängnis sind, dass sie dann realisieren, was sie gemacht haben, und feststellen, dass das nicht geht.»

Moralischer Code für die Gruppe

Der Gruppendruck ist ein Phänomen, das auch Sandrine Haymoz, Professorin der Fachhochschule Sozialarbeit Fribourg, erforscht. «Jugendliche begehen eine Straftat eher in einer Gruppe, weil sie sich anonymer fühlen. Das führt dazu, dass die Jugendlichen Dinge tun, die sie alleine nie tun würden.» Durch die Gruppendynamik fühle sich der Einzelne weniger schuldig. «Die Jugendbanden haben ihren eigenen moralischen Code. Mitglieder wollen loyal gegenüber den anderen Bandenangehörigen sein. Das führt dann dazu, dass Delikte für die Jugendlichen legitim werden.»

Laut Haymoz sind solche Jugendbanden zwar keine ganz neue Erscheinung in der Schweiz, doch seien sie «stärker verbreitet als je zuvor. Eine Studie aus dem Jahr 1992, durchgeführt von Kriminologen, zeigt, dass wir zum damaligen Zeitpunkt noch keine Probleme mit kriminellen Jugendbanden hatten.» Doch im Jahr 2006 sei dieselbe Studie nochmals durchgeführt worden. «In dieser Studie zeigt sich ganz klar, dass wir in der Schweiz und auch im restlichen Europa ein Problem mit kriminellen Jugendbanden haben», erklärt Haymoz. Ihre Forschung zeigt, dass man in einer Gruppe zu deutlich schlimmeren Taten fähig ist. Eine Schulbefragung unter 3648 Jugendlichen hat ergeben:

  • 41 Prozent der Jugendlichen, die einer Bande angehören, gaben an, eine Schlägerei mit einer Gruppe begangen zu haben; 40 Prozent von ihnen betrieben Vandalismus; 8 Prozent haben einen Autodiebstahl begangen, und 7 Prozent gaben das Delikt Körperverletzung an.
  • Zum Vergleich: Von den befragten Jugendlichen, die keiner Bande angehörigen, haben 7 Prozent eine Schlägerei begangen; 6 Prozent gaben Vandalenakte an; 0,7 Prozent waren in einen Autodiebstahl verwickelt und 0,9 Prozent in Körperverletzungsfälle.

Pubertät sorgt für Instabilität

Gestützt auf ihre Forschungsergebnisse, erklärt Haymoz, dass Jugendliche vor allem durch die Gruppendynamik eine kriminelle Energie entwickeln. «Meist handelt es sich um Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen.» Also Kinder, die ohne Kontrolle durch die Eltern aufwachsen; die in Quartieren mit Drogenproblemen leben; die sehr impulsiv sind und über wenig Selbstkontrolle verfügen. «Diese Jugendlichen werden nicht gefördert. Sie treiben keinen Sport, spielen kein Instrument – haben keine Hobbys», erläutert Sandrine Haymoz. Das alles seien Indikatoren dafür, dass solche Kinder und Jugendlichen ein höheres Risiko haben, in eine Bande zu rutschen. «Die Gruppe gibt den Jugendlichen eine andere Form von Stabilität.»

Sandrine Haymoz erklärt ausserdem, dass bei Pubertierenden biologische und soziale Veränderungen stattfinden und diese für eine vorübergehende Instabilität sorgen würden. «Viele begehen nur einmal im Leben, oder in Banden dann auch mehrere Male, ein Delikt. Doch wenn sie erwachsen sind, gibt es bei den meisten keine Probleme mehr.»