LUZERN: Kanton ärgert sich über Praktika: «Betriebe nutzen Jugendliche aus»

Nach der obligatorischen Schulzeit beginnen nur 77 Prozent der Luzerner Jugendlichen gleich mit der Lehre oder einer allgemeinbildenden Schule. Eine Erklärung dafür ist die zunehmende Zahl der Praktika – zum Ärger des Kantons.

Roseline Troxler
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Die Zahlen von Lustat. (Bild: mop)

Die Zahlen von Lustat. (Bild: mop)

Roseline Troxler

roseline.troxler@luzernerzeitung.ch

Wenn die obligatorische Schulzeit vorbei ist, wissen viele Luzerner genau, wie es mit der Ausbildung weitergeht. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Lustat Statistik Luzern hat die Daten für den Kanton Luzern ausgewertet und untersucht, welchen Weg Jugendliche eingeschlagen haben, welche die Sekundarstufe I im Sommer 2012 beendet haben.

Lustat sieht in der Dauer des Übergangs von der obligatorischen Schulzeit in die Sekundarstufe 2 einen wichtigen Indikator für die Funktionalität des Bildungssystems, wie es in der Publikation vom September heisst. Von den 4739 Jugendlichen, die 2012 die obligatorische Schule beendet haben, sind 77 Prozent sogleich in eine Ausbildung auf der Sekundarstufe II eingestiegen. Sprich: Sie haben mit der Lehre begonnen, an eine Fachmittelschule oder ans Gymnasium gewechselt respektive dieses weitergeführt. Damit klappt der nahtlose Übergang im Kanton Luzern etwas häufiger als im Schweizer Durchschnitt (75 Prozent). Weitere 16 Prozent der ­Jugendlichen des Abschlussjahrgangs 2012 haben den Eintritt in eine Ausbildung auf der Sekundarstufe II um ein Jahr verschoben. 3 Prozent haben sogar zwei Jahre mit dem nächsten Schritt zugewartet. 4 Prozent hatten zwei Jahre nach der obligatorischen Schulzeit noch keine Ausbildung auf der Sekundarstufe II angetreten (siehe Grafik). Damit ist die Situation in Luzern etwas besser als im Schweizer Schnitt (5 Prozent).

11 Prozent der Jugendlichen nutzen Brückenangebot

Für Jugendliche, die nicht direkt einen Anschluss finden, besteht ein Übergangsangebot. 11 Prozent der Abgänger haben 2012 ein solches Brückenangebot besucht, Frauen sowie Ausländer und Ausländerinnen etwas häufiger. «Der Anteil der Schüler, die ein Brückenangebot genutzt haben, konnte in den letzten Jahren reduziert werden», sagt Christof Spöring, Leiter der Dienststelle ­Berufs- und Weiterbildung. Dafür sei eine enge Zusammenarbeit zwischen den Dienststellen nötig gewesen. Zudem hätte man mit Lehrern von Schulhäusern mit vielen Abgängern ohne Anschlusslösung gezielt geschaut, wie die Zahl reduziert werden kann. Spöring rechnet damit, dass sie noch minim sinkt. «Der Lehrplan 21 räumt der Berufswahl ­einen grösseren Stellenwert ein.» Beim Brückenangebot zeigt sich: Die Mehrheit schaffte danach den Sprung in die Berufswelt.

Von allen Schulabgängern im Jahr 2012 haben sich drei von vier für eine berufliche Grundbildung entschieden. Zur Auswahl stehen eine drei- oder vierjährige Lehre, die zu einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis führt, oder eine zweijährige Lehre mit dem Ziel eines Berufsattests. Christof ­Spöring sagt dazu: «Die Auswertung gibt uns erstmals einen detaillierten Überblick über alle Schul­abgänger. Ich habe erwartet, dass etwas mehr als drei Viertel auf eine Berufslehre setzen.» In den nächsten Jahren sei es das Ziel, diese Zahl mindestens zu halten, betont er. «Die Wirtschaft braucht genügend berufspraktisch ausgebildete junge Leute.»

Die Auswertung zeigt auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So haben die Schulabgängerinnen von 2012 weniger oft gleich mit einer Lehre gestartet, die Fachmittelschule begonnen oder an die Kanti gewechselt als ihre männlichen Kollegen. Isabelle Brunner von Lustat erklärt: «Die Schulabgängerinnen haben sich häufiger für soziale Berufe entschieden. Dafür braucht es oft ein Praktikum.» Dieses gilt noch nicht als Einstieg in die berufliche Grundbildung. Brunner vermutet ausserdem, dass mehr junge Frauen ein Austauschjahr absolvieren. Zahlen, die dies belegen, liegen aber keine vor.

Christof Spöring sieht ebenfalls in den Praktika eine Erklärung für die Verzögerung. Einen Überblick darüber, wie viele Abgänger ein solches absolvieren, hat die Dienststelle nicht. Er sagt aber: «Vor allem Jugendliche, die eine Lehrstelle als Fachleute Betreuung suchen, müssen vorher oft ein bis drei Jahre Praktika machen. Dies ist für uns ein unhaltbarer Zustand. Betriebe nutzen Jugendliche als billige Arbeitskräfte aus.» Auch der Regierungsrat sieht in Praktika vor Lehrbeginn keine Vorteile, wie er in einer Antwort auf eine Anfrage von SP-Kantonsrat Urban Sager schreibt (Ausgabe vom 2. Oktober).

Wie der weitere Weg der Schulabgänger verläuft, hängt auch vom Anforderungsniveau in der Sekundarstufe I ab. Schulabgänger, die das Niveau C besucht haben, entscheiden sich häufiger für eine drei- oder eine zweijährige Lehre. Schüler mit Niveau A und B beginnen eher eine vierjährige Lehre oder wechseln ans Gymi. Insgesamt entscheiden sich Männer häufiger für eine berufliche Grundbildung (79 Prozent) als Frauen (68 Prozent). Letztere setzen häufiger auf eine allgemeinbildende Ausbildung wie die Kanti oder eine Fachmittelschule. Den hohen Anteil erklärt sich Spöring auch damit, dass die Fachmittelschule ein Zugang für ein Studium an der Pädagogischen Hochschule ist, die vor ­allem bei Frauen beliebt ist.

Die Analyse der Bildungsverläufe hat Lustat erstmals vorgenommen. «Das Ziel des Bundesamts für Statistik ist es, dass die Daten künftig jährlich aktualisiert werden», erklärt Isabelle Brunner.

Die ganze Publikation gibt es hier.

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