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LUZERN: Kantonsspital verteidigt Pflegesystem: «Wir reflektieren die Kritik»

Unzufriedene Mitarbeiter, zu wenig Zeit für Patienten: Das neue Betriebskonzept am Kantonsspital kommt teilweise schlecht an. Die Verantwortlichen räumen Fehler ein, halten aber am System fest.
Martina Odermatt und Lukas Nussbaumer
Sehen sich mit Kritik konfrontiert: Reto Babst (vorne), Professor und Departementsleiter Chirurgie, und Manfred Hertach, Leiter Pflege Chirurgie sowie LLP-Projektleiter. Sie wurden beim Gespräch begleitet von zwei weiteren Spital-Mitarbeitern. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 24. Oktober 2017))

Sehen sich mit Kritik konfrontiert: Reto Babst (vorne), Professor und Departementsleiter Chirurgie, und Manfred Hertach, Leiter Pflege Chirurgie sowie LLP-Projektleiter. Sie wurden beim Gespräch begleitet von zwei weiteren Spital-Mitarbeitern. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 24. Oktober 2017))

Interview: Martina Odermatt und Lukas Nussbaumer

kanton@luzernerzeitung.ch

Die Qualität der Behandlung und Patientensicherheit sinke, der Datenschutz sei nicht gewährleistet, und es gebe negative Rückmeldungen von Patienten: Mitarbeiter des Luzerner Kantonsspitals (Luks) sind unzufrieden mit dem im Sommer eingeführten Betriebskonzept LLP (Lautenschlager, Loffing Partner, Artikel vom 23. Oktober »).

Mit LLP, das zum Beispiel auch das Universitätsspital Basel kennt, will das Luks effizienter werden. Spital-Sprecherin Bettina Wildi sagte gegenüber unserer Zeitung, es sei in der heutigen Zeit zentral, dass Spitäler ihre Organisation und die Abläufe anpassen würden. Die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter reagiere positiv auf das neue Betriebskonzept.

Reto Babst, Professor und Departementsleiter Chirurgie am Luks, und Manfred Hertach, Leiter Pflege Chirurgie und LLP-Projektleiter, nehmen im Interview Stellung zur Kritik.

Reto Babst, sind unzufriedene Mitarbeiter der Preis für eine höhere Effizienz am Luzerner Kantonsspital?

Wir befinden uns in einer Phase der Veränderung – und jeder Wechsel führt zu Ängsten und Widerständen. Es handelt sich um eine normale Reaktion, wenn man sein Selbstverständnis bedroht sieht. Ich verstehe die Ängste der Mitarbeiter absolut. Aber wir befinden uns in einer Zeit, wo alle effizienter arbeiten müssen. Weil wir eine öffentliche Institution sind, ist das Interesse an Systemwechseln bei uns grösser als in irgendeinem Betrieb. Mehr Effizienz bedeutet nicht mehr Unzufriedenheit – im Gegenteil.

Manfred Hertach: Wir versuchen, unsere Mitarbeiter in allen Belangen einzubeziehen. So können Angestellte etwa im Intranet anonym Kritik äussern.

Wird diese Möglichkeit auch wahrgenommen?

Hertach: Leider sehr selten. Doch wir pflegen eine Kultur der offenen Türen. Viele haben die Möglichkeit wahrgenommen, ihre Fragen und ihre Kritik bei mir persönlich zu deponieren.

Es gibt Mitarbeiter, die sagen, Sie hätten zu wenig Zeit, um ihre Arbeit erledigen zu können. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Hertach: Wir definieren Effizienz unter anderem damit, wenn Mitarbeiter pünktlich und ohne gestresst zu sein, nach Hause gehen können. Das haben wir mit der Umsetzung des Projekts LLP bestens erreicht. Wir konnten die Überstunden massiv abbauen.

Es gibt Stimmen, die sagen, Patienten würden «nicht mehr wie Menschen behandelt».

Hertach: Dieser unberechtigte Vorwurf hat uns sehr schwer getroffen. Wir setzen täglich alles daran, den Patienten in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen. Wir sind sehr sorgsam. Dies bestätigen dem Luks übrigens auch unabhängige Patienten­umfragen.

Der straffe Zeitplan führt doch dazu, dass für die individuellen Bedürfnisse der Patienten zu wenig Zeit bleibt.

Hertach: Das Gegenteil ist der Fall. Das neue System macht uns flexibler. Der Arbeitstag ist nur für die ersten zwei oder drei Stunden vorausgeplant. Es bleibt immer Zeit für unvorhergesehene Ereignisse.

Es bleibt eine ausgesprochen grosse Diskrepanz zwischen Aussagen von Mitarbeitern des Luks und Ihrer Wahrnehmung. Hat das neue System keine Schwächen?

Babst: Natürlich gibt es Schwächen. Wir sind eine lernende Organisation. Dennoch bin ich überrascht von den einzelnen Aussagen und kann sie nicht nachvollziehen. Ich hatte Reaktionen von langjährigen Mitarbeiterinnen, die sagten: Was soll jetzt das schon wieder? Doch, glauben Sie mir: Ich bin jetzt seit 30 Jahren im Beruf tätig. Wäre ich nicht überzeugt, dass das neue System für die Patienten etwas Gutes ist, würde ich es nicht mittragen. Ich bin und ­bleibe Arzt.

Sie müssen aber einräumen, dass die interne Kommunikation nicht optimal war.

Babst: Es muss so sein. Sonst hätten sich nicht Mitarbeiter von uns bei Ihrer Zeitung gemeldet.

Unsere Zeitung war nicht die erste Anlaufstelle dieser Mitarbeiter. Sie haben sich intern gemeldet, wurden aber offenbar nicht gehört.

Hertach: Eine Zwischenanalyse mit einer Mitarbeiterbefragung nach drei Monaten zeigt eine hohe Akzeptanz des neuen Systems. Ausserdem sind alle betroffenen Mitarbeiter ins Projekt einbezogen – LLP wird gemeinsam weiterentwickelt.

Wie hat sich das neue System auf die Fluktuation ausgewirkt?

Hertach: Es gab eine Kündigung, dies bei ungefähr 130 am Pilotprojekt beteiligten Mitarbeitern.

Mitarbeiter sorgen sich um den Datenschutz, weil die Patientendossiers im Gang aufbewahrt werden. Hatten Sie je Kontakt mit dem Luzerner Datenschützer?

Hertach: Es gab interne Abklärungen, und wir stützten uns auf Erfahrungen in anderen Spitälern. So auf das Universitätsspital Basel, das ein Gutachten zu diesem Thema erstellt hat. In diesem hiess es, dass es punkto Datenschutz keine Risiken gibt.

Also hatten Sie keinen Kontakt mit dem Luzerner Datenschützer. Und Sie bleiben dabei: Der Datenschutz ist gewährleistet, auch wenn Patientendossiers frei zugänglich sind?

Babst: Das sind sie eben nicht. Es befindet sich immer ein Mitarbeiter bei diesen Dossiers. Wer die Daten holen will, bräuchte kriminelle Energie. Die Situation ist nicht anders als vor der Einführung des neuen Systems.

Auch die Anzeigetafeln in den Gängen, wo Zimmernummern und Pflegetätigkeiten aufgeführt sind, erachten Sie als unproblematisch?

Hertach: Absolut. Es ist unmöglich, aufgrund dieser Tafel zu Informationen über Patienten zu gelangen. Wer aber genug kriminelle Energie aufbringt, kommt zu den gewünschten Daten, unabhängig vom Betriebskonzept.

Sie werden am System LLP, das Sie im Sommer eingeführt haben, demnach nichts ändern?

Hertach: Wir reflektieren die Kritik selbstverständlich. Wir überprüfen unsere Kommunikation, auch unsere internen Angebote, wie Kritik angebracht werden kann. Wo wir etwas ändern werden, kann ich heute noch nicht konkret sagen.

Wie wird denn das System LLP als Ganzes überprüft?

Hertach: Ende Jahr gibt es eine grosse Evaluation, wo sich die Mitarbeiter selbstverständlich auch äussern können. Es wurde bereits eine Zwischenevaluation durchgeführt. Auch der Ausbildung der Pflegenden widmen wir besondere Aufmerksamkeit. Mit dem Systemwechsel werden die Auszubildenden sogar noch intensiver gefördert.

Das neue System selbst ist unbestritten?

Babst: Ja. Wir bleiben dabei, weil wir überzeugt sind davon.

Hertach: Ich kann Ihnen dazu ein Beispiel nennen: Verzeichneten wir früher innert einer Stunde 15 Rufe, sind es heute 15 in neun Stunden. Auf den Abteilungen ist es damit deutlich ruhiger. Die Mitarbeiter können ruhiger, stressfreier und auch gezielter arbeiten. Davon profitieren unsere Mitarbeiter genauso wie die Patienten. Die ganz grosse Mehrheit würde das System LLP nicht mehr missen wollen.

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