LUZERN: Kartonbündeln – ist das wirklich nötig?

Der Abfallverband Real nimmt ungebündelten Karton nicht mehr mit. Im Interview rechtfertigt Real-­Direktor Martin Zumstein dieses Vorgehen.

Interview Robert Knobel
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Martin Zumstein, Vorsitzender der Geschäftsleitung des Gemeindeverbandes Real, machts vor: In seinem Büro zeigt er, wie man Karton richtig bündelt. (Bild Nadia Schärli)

Martin Zumstein, Vorsitzender der Geschäftsleitung des Gemeindeverbandes Real, machts vor: In seinem Büro zeigt er, wie man Karton richtig bündelt. (Bild Nadia Schärli)

Real macht jetzt Ernst mit der Ankündigung und nimmt ungebündelten Karton nicht mehr mit. Das hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Sind Sie überrascht über die Heftigkeit der Reaktionen?

Martin Zumstein*: Es war klar, dass es Reaktionen geben würde. Das ist immer so, wenn es Neuerungen gibt. Doch der weitaus grösste Teil der Anrufe, die wir über das Abfalltelefon erhalten, sind keine Beschwerden, sondern Fragen rund um richtige Entsorgung und Bestellungen von Containern. Der Grossteil der Bevölkerung befolgt unsere Vorgaben.

In den Leserbriefspalten unserer Zeitung zeigt sich aber ein anderes Bild. Die Leute regen sich auf und sprechen von bürokratischen, realitätsfremden Regeln. Wie viele Beschwerden haben Sie bisher erhalten?

Zumstein: Natürlich haben wir auch solche Rückmeldungen. Viele betreiben einen grossen Aufwand, um zu beweisen, dass sich ihr Karton nicht bündeln lässt. Jemand hat uns beispielsweise ein Bild geschickt, auf dem der gesamte Kartonabfall einer ganzen Familie zu sehen ist – fein säuberlich aussortiert auf dem Boden. Viele machen jedoch auch die Erfahrung, dass das Bündeln von Karton ähnlich einfach ist wie bei den Zeitungen.

Wie bündelt man denn WC-Rollen, Eierschachteln und kleine Verpackungskartons korrekt?

Zumstein: Es findet sich immer ein grösseres Kartonstück, das man falten kann. Die kleineren Stücke drückt man zusammen, schiebt sie dann einfach dazwischen und bindet das Ganze mit einer Schnur zusammen. Und sollte man einmal kein grosses Stück zur Hand haben – Karton lässt sich ja problemlos bis zur übernächsten Sammlung lagern.

Papiersäcke und lose Schachteln werden nicht mehr mitgenommen. So soll verhindert werden, dass Abfall hineingeschmuggelt wird. Gleichzeitig wollen Sie Container für Papier und Karton fördern. Das ist doch paradox, da sich Container für die illegale Entsorgung von Abfall erst recht eignen.

Zumstein: Wenn in einer Papiertonne grössere Mengen Abfall liegen, merkt man das beim Leeren sofort. In Papiersäcken und Schachteln kann der Abfall hingegen unbemerkt bis zum Recyclingprozess gelangen. Tragtaschen aus Papier sind zudem Störstoffe, die später im Recyclingprozess aussortiert werden müssen. Wertstoffe müssen eine so gute Qualität aufweisen, dass sie eben einen Wert besitzen.

In der Stadt Luzern wurden Abfalltouren reduziert, die Grünabfuhr leert keine Kompostkübel mehr, und überall verschwinden Glascontainer. Man hat den Eindruck, dass ein Leistungsabbau stattfindet.

Zumstein: Die Real-Statuten schreiben vor, dass alle Bürger unter gleichen Bedingungen die gleiche Dienstleistung erhalten. Da kann es durchaus sein, dass es an einigen Orten, wo das Angebot überdurchschnittlich war, zu einem Abbau kommt. Glascontainer verschwinden vor allem dort, wo es Probleme mit Lärm und illegalem Abfall gab. Objektiv gesehen haben die Leistungen im Real-Gebiet insgesamt zugenommen. So haben beispielsweise die Ökihöfe ihr Angebot stark ausgebaut. Es ist viel einfacher geworden, seinen Abfall dort zu entsorgen.

Das ist aber auch mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Es gibt Leute, die nicht genügend mobil sind, um einen Ökihof oder eine weit entfernte Glassammelstelle zu erreichen.

Zumstein: Es gibt für alles eine Lösung. Unser Abfalltelefon hat einmal einen Anruf eines älteren Herrn erhalten, der sagte, aus gesundheitlichen Gründen könne er kein Papier bündeln. Da wurde ihm vorgeschlagen, die Nachbarskinder könnten dies gegen ein kleines Trinkgeld für ihn erledigen. Dank des Vorschlags hat er nun Kontakt zu seinen jungen Nachbarn und ist happy.

Real wendet die Vorschriften viel strenger an, als dies in anderen Regionen der Fall ist. In Basel beispielsweise ist man wesentlich kulanter.

Zumstein: Fakt ist, dass die Vorschrift, Papier und Karton zu bündeln, in den meisten Deutschschweizer Städten seit Jahren gilt. Der Vorstand von Real hat diese Vorschrift aus den bisherigen Bestimmungen der Stadt Luzern sowie anderen Real-Gemeinden übernommen. Wir waren letzthin in Bern, als zufällig Kartonsammlung war. Es gab nur sauber gebündelten Karton und keine wilden Kartonhaufen am Strassenrand wie stellenweise in Luzern und Umgebung. Die Mitarbeiter auf den Sammelfahrzeugen sind dankbar, wenn ihr harter Job durch eine saubere Bereitstellung erleichtert wird.

Dennoch wird man das Gefühl nicht los, der Abfallverband Real wolle die Leute mit der Brechstange umerziehen.

Zumstein: Sehen Sie, bereits vor dieser ganzen Debatte haben wir immer wieder Beschwerden von Leuten erhalten, die sich über das unkorrekte Bereitstellen von Papier und Karton durch ihre Nachbarn aufregten. Einige forderten sogar, man solle mit der Polizei für Ordnung sorgen. Aber einmal abgesehen davon ist es schon eine kommunikative Herausforderung, alle Leute dazu zu bringen, die Regeln anzuwenden. Man muss aber auch sehen: Diejenigen, die sich jetzt in Leserbriefen echauffieren, gehören zu einer eher gebildeten Schicht. Sie sind in der Lage, über diese Regeln zu reflektieren und sie in Relation zu setzen. Viele Konsumenten hingegen, die kaum Deutsch verstehen oder nicht lesen können, sind auf klare und einfache Regeln angewiesen. Auch für die Mitarbeiter auf den Fahrzeugen ist es wichtig, klare Anweisungen zu haben, was mitgenommen werden darf und was nicht, um Diskussionen vor Ort zu vermeiden.

Was passiert, wenn sich die Leute auch in Zukunft nicht an die Vorschriften halten?

Zumstein: Dann versuchen wir, die Verursacher zu ermitteln. Wir suchen auch das Gespräch mit den Verursachern. Den Aufwand dafür könnten wir ihnen in Rechnung stellen.

* Martin Zumstein (52) ist seit vier Jahren Direktor von Real, dem Abfallverband der Region Luzern. Er wohnt mit seiner Familie in Schwyz.