LUZERN: Kinderbücher erleben ein überraschendes Revival

Heute interessieren Bilderbücher keinen mehr – könnte man meinen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Buchtreffs für Kinder sind in Luzern so beliebt, dass das Angebot jetzt massiv ausgebaut wird.

Lena Berger
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Hand und Fuss kommen zum Einsatz, wenn Leseanimatorin Priska Röthlin (links) eine Geschichte erzählt – der zweijährige Ron ist derweil auf dem Schoss seiner Mutter in ein Bilderbuch vertieft. (Bild Dominik Wunderli)

Hand und Fuss kommen zum Einsatz, wenn Leseanimatorin Priska Röthlin (links) eine Geschichte erzählt – der zweijährige Ron ist derweil auf dem Schoss seiner Mutter in ein Bilderbuch vertieft. (Bild Dominik Wunderli)

Lena Berger

Kalt und nieselig ist es an diesem Mittwochmorgen. Noch liegt die Stadtbibliothek im Dunkeln – sie wird erst in einer halben Stunde offiziell öffnen. Es hat etwas Aufregendes, so früh an all den Bücherrücken vorüberzugehen – im Wissen, dass sich hinter jedem eine Geschichte, ein Abenteuer verbirgt.

Davon ahnen sie natürlich noch nichts. Ziemlich verschlafen schauen die Teilnehmer des Buchstart-Treffs aus ihren Buggys. Doch der Leseanimatorin Priska Röthlin gelingt es rasch, die 1- bis 3-jährigen Kinder in ihren Bann zu ziehen. Als alle im Kreis sitzen, zieht sie hinter ihrem Rücken ein schweres Buch hervor. Es dürfte weit über 600 Seiten umfassen. Langsam hebt sie den Deckel. Doch Moment, was ist das? Durch die Seiten hat sich eine Büchermaus gefressen! Gemütlich eingemummelt liegt das Stofftier in seinem Bettchen.

Bibliothek soll ein Treffpunkt sein

Der 2-jährige Ron macht grosse Augen. Gerade hat er gelernt, welche Überraschungen zwischen zwei Buchdeckeln auf einen warten können. «Wollen wir das Mäuschen wecken, damit es unsere Geschichte nicht verpasst?», fragt Priska Röthlin. Was für eine Frage! Die Kinder klatschen zusammen mit ihren Eltern im Takt in die Hände – und sagen dabei ein Versli auf. Während der nächsten 20 Minuten nimmt die Leseanimatorin sie mit auf eine Reise. Die Kinder lernen den verfressenen Herrn Daumen kennen und begegnen den lustigen Zappelmannli-Fingerfiguren – auch wenn für viele der Kinder wohl der Bär Dudu der eigentliche Star gewesen sein dürfte.

Buchstart ist ein gesamtschweizerisches Programm, das unter anderem vom Bundesamt für Kultur mitgetragen wird. Die Idee dahinter: Kinder sollen möglichst früh mit Büchern in Kontakt kommen, und Eltern sollen dazu animiert werden, ihren Kindern «von Anfang an» Geschichten zu erzählen. Das fördert die Sprachentwicklung. «Kleine Kinder verstehen noch keine Geschichten von Zauberern oder Hexen, wir holen sie mit den Versli in ihrer Lebenswelt ab», erklärt Priska Röthlin. «Die Kinder sollen sich in der Bibliothek willkommen fühlen, sie soll ein Treffpunkt für sie werden.» Vorbei also die Zeiten, in denen lachende Kinder von einer strengen Bibliothekarin mit hohem Haarknoten zur Ruhe gemahnt wurden? «Ja», sagt Röthlin, «wir wollen dieses Klischee durchbrechen.» Bücher sollen trotz kindergerechten Apps und Games eine Ergänzung zum Tablet bleiben.

Wer den kleinen Ron beobachtet, dürfte optimistisch sein, dass dies gelingt. Seelenruhig schaut er sich ein Bilderbuch an, während Priska Röthlin die anderen Kinder mit ihren Versen fesselt. «Tiergeschichten faszinieren ihn halt total», lacht Rons Mutter Angela.

Die noch etwas jüngeren Mädchen Tabea und Jael brechen derweil immer wieder aus dem Kreis aus, gehen nach vorne, um sich genauer anzuschauen, was die Leseanimatorin da eigentlich mit ihren Händen macht. «Jedes Kind hat seine Art, die Welt zu entdecken», schmunzelt Röthlin. Und das hat hier auch Platz.

400 Kinder pro Jahr

In der Stadtbibliothek wird kein Medium so häufig ausgeliehen wie Bilderbücher. Und auch die Buchstart-Treffs sind eine Erfolgsgeschichte. 2010 wurden sie erstmals in der Stadtbibliothek angeboten, zunächst einmal im Monat. Wegen der grossen Nachfrage wurde das Angebot 2013 auf zwei Termine ausgebaut. Allein im letzten Jahr haben 400 Kleinkinder mitgemacht. Ausgeschöpft ist das Potenzial damit noch nicht. Neu finden die Treffs deshalb wöchentlich statt und ab März zusätzlich einmal im Monat im Neubad. Das Programm läuft in allen Bibliotheken des Kantons – von Adligenswil über Emmen bis hin zu Vitznau. Die Teilnahme ist gratis.

Hinweis

Alle Infos finden Sie in der Rubrik Veranstaltungen auf der Website des Bibliotheksverbands Luzern www.bvl.ch