LUZERN: Kinderspital-Pläne «eine Katastrophe»

Direktor Benno Fuchs und Spitalratspräsident Beat Villiger begründen erstmals die Verzögerungen beim Kinder-klinik-Neubau. Und sie sagen, warum sie mit der Regierung einen Deal eingegangen sind.

Interview Yasmin Kunz und Lukas Nussbaumer
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Spitalratspräsident Beat Villiger (rechts) und Kantonsspital-CEO Benno Fuchs auf der Luxusabteilung des Spitals in Luzern. (Bild Pius Amrein)

Spitalratspräsident Beat Villiger (rechts) und Kantonsspital-CEO Benno Fuchs auf der Luxusabteilung des Spitals in Luzern. (Bild Pius Amrein)

Interview Yasmin Kunz und Lukas Nussbaumer

Beat Villiger, das Projekt für ein neues Kinderspital lag 2010 fertig vor. Bis der Neubau steht, soll es mindestens 2025 werden. Warum?
Beat Villiger:
Hätten wir das Kinderspital nach den damaligen Plänen gebaut, wäre das eine Katastrophe gewesen. Das konnten wir nicht verantworten. Das unter der Bauherrschaft des Kantons ausgearbeitete Projekt genügte den Ansprüchen 2011, als wir die Immobilien vom Kanton übernahmen, bei weitem nicht mehr.

In welcher Hinsicht?
Villiger:
Das neue Kinderspital wäre schon bei Baubeginn deutlich zu klein gewesen. Und statt wie geplant 60, hätte der Neubau 85 Millionen gekostet. Dazu kam, dass ein Bau mit gleichzeitig weiterlaufendem Betrieb für alle Beteiligten sehr belastend gewesen wäre. Deshalb beschlossen wir, die neue Kinderklinik in die Gesamtplanung der Osterweiterung zu integrieren. Die medizinische und logistische Vernetzung mit dem Hauptspital ist unabdingbar, auch für einen effizienten Betrieb.

Dennoch: Seit 2011 sind wieder fünf Jahre vergangen, und die Planung ist noch keinen Schritt weiter.
Benno Fuchs:
Das stimmt nicht. Seit der Übernahme führten wir umfangreiche Planungsarbeiten durch. So verfügen wir jetzt über eine Standort- und Immobilienstrategie, ein Erschliessungs- und Freiraumkonzept und eine Studie zur Osterweiterung in Luzern mit Kinderspital. Ausserdem nahmen wir beim Kinderspital Sanierungen für rund 7 Millionen Franken vor und schufen Entlastungen.

Zum Beispiel?
Fuchs:
Wir lagerten Teile der Administration in einen Pavillon aus und schufen damit Platz für die Notfallstation und die Tagesklinik. Wir verbesserten technische Anlagen, bauten den modernsten Operationssaal der Schweiz, richteten in der Neuen Frauenklinik eine Station für Neonatologie ein und eröffneten ein Elternhaus.

Damit hat sich die Infrastrukturfrage aber nicht vollständig gelöst. Sie selber sagten 2010: «Das Gebäude ist in jeder Beziehung baufällig.»
Fuchs:
Diese Aussage war 2010 richtig – wir übernahmen die Immobilien vom Kanton mit einem sehr hohen Investitionsstau. Während der Kanton vor 2011 pro Jahr etwa 70 Millionen Franken in seine sämtlichen Hochbauten steckte, investieren wir künftig pro Jahr zwischen 100 und 150 Millionen nur am Luzerner Kantonsspital. Die medizinische und pflegerische Qualität am Kinderspital ist sehr hoch. Wir befinden uns auf Augenhöhe mit den universitären Kinderspitälern. Aber es ist aus baulicher Sicht nicht mehr zeitgemäss. Deshalb sehen wir bis zum Neubau weitere Verbesserungsmassnahmen vor, speziell im stationären Bereich.

Dann leidet der gute Ruf des Kinderspitals also nicht?
Villiger:
Nein, die Diskussionen um die Verzögerung des Neubaus haben dem Ruf überhaupt nicht geschadet. Die Leute kommen wegen der hohen medizinischen Qualität und der guten Atmosphäre.

Naheliegend ist doch, dass Sie den Neubau deshalb nicht vorantreiben, weil das Kinderspital nicht rentiert.
Fuchs:
Das Kinderspital weist finanziell tatsächlich ein Minus aus. Der Verlust beträgt pro Jahr mehrere Millionen Franken, die wir intern quersubventionieren. Aber das ist keinesfalls der Grund für die Verzögerungen. Die Luzerner Kinderklinik ist schliesslich ein medizinisches Kompetenzzentrum für die ganze Zentralschweiz. Sie können mir glauben: Wir stehen zum Kinderspital. Ohne ein Kinderspital würde ich hier keinen Tag länger arbeiten wollen.
Villiger: Auch ich würde mein Amt als Spitalratspräsident ohne Kinderspital sofort abgeben. Wir wollen ein neues Kinderspital. Aber eines, das auch kommenden Ansprüchen genügt.

Fakt ist: Die rentable Augenklinik wurde viel schneller gebaut.
Fuchs:
Der grosse Unterschied zum Kinderspital ist, dass der Neubau der Augenklinik für 50 Millionen Franken durch die Auslagerung des bestehenden Betriebs machbar war. Die Augenklinik liess sich als Einzelbau problemlos realisieren, weil ihr Betrieb nicht abhängig ist vom Hauptspital, wie das beim Kinderspital eben der Fall ist. Zur Rentabilität ist zu sagen, dass wir solche Abteilungen aus medizinischer und finanzieller Sicht brauchen. Sie subventionieren andere Abteilungen.

Dem Kinderspital vorgezogen wurden auch das 50 Millionen Franken teure Zentrum für Notfall- und Intensivmedizin (ZNI) und die Luxusabteilung für 8 Millionen.
Fuchs:
Wie bei der Augenklinik tangieren auch diese beiden Projekte die Gesamtplanung nicht. Das ZNI können wir als Zwischenlösung schnell realisieren, es ist mindestens so wichtig wie das Kinderspital. Der Kanton plante zwischen 2002 und 2011 zwar auch schon, doch die Pläne waren aus finanziellen Gründen nicht umsetzbar. Wir werden das ZNI 2017 in Rekordzeit gebaut haben. Mit der Excellence-Abteilung ist es wie mit der ­Augenklinik: Damit verdienen wir Geld, um investieren zu können.

Wie erklären Sie, dass nun bis 2018 auch noch ein neues Krebs-Zentrum vor dem Kinderspital gebaut wird?
Villiger:
Das hat der Verwaltungsrat vor neun Tagen beschlossen, weil dieser 23 Millionen Franken teure Erweiterungsbau ebenfalls nicht abhängig ist von der Gesamtplanung. Ausserdem können damit alle über das ganze Spital verteilten onkologischen-hämatologischen Abteilungen unter einem Dach vereint werden.

Diese hohen Investitionen bedingen, dass das Kantonsspital Gewinn erzielt. Es dürfte Ihnen also gar nicht gefallen, dass der Kanton Jahr für Jahr mehr vom Gewinn abschöpft.
Villiger:
Jeder Franken, den der Kanton abschöpft, bedeutet für uns in Zukunft einen Franken Zusatzverschuldung. Wir müssen aber die Vorgaben des Kantons als Eigentümer akzeptieren.

Es kann Sie aber nicht kaltlassen, dass die Regierung ihre eigenen Vorgaben nicht einhält und statt maximal 4 Prozent bereits 5 Prozent des Dotationskapitals zurückfordert – also rund 18 Millionen Franken, was etwa der Hälfte des Gewinns entspricht.
Fuchs:
Das lässt uns nicht kalt. Der Spitalrat konnte 2014 mit der Regierung nach harten Diskussionen einen Konsens finden, von dem wir langfristig mehr profitieren: Die Regierung verzichtet auf die Kürzung der Beiträge an die gemeinwirtschaftlichen Leistungen. Im Gegenzug haben wir uns bereiterklärt, für zwei Jahre 5 Prozent des Dotationskapitals abzuliefern.

Also fühlen Sie sich in Ihrer unternehmerischen Freiheit nicht eingeschränkt?
Fuchs:
Das Verhältnis zur Regierung ist sehr gut, die Entlassung in die Eigenständigkeit war das Beste, was dem Kantonsspital passieren konnte. Mit weniger unternehmerischen Freiheiten, als sie heute der Fall sind, könnten wir uns allerdings nicht einverstanden erklären. Wieder als Dienststelle des Kantons zu funktionieren, wäre für den Spitalrat und die Geschäftsleitung nicht vorstellbar.

Olympia-Arzt und Finanzspezialist

kuy/nus. Beat Villiger steht dem Spitalrat seit 2012 vor. Der 72-Jährige war von 2005 bis 2011 als CEO am Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil tätig. Bekanntheit erlangte der in Maienfeld wohnhafte Vater von zwei Kindern auch als Chefarzt der Schweizer Delegation bei mehreren Olympischen Spielen. Benno Fuchs ist seit 2003 CEO des Luzerner Kantonsspitals und damit Chef von mehr als 6300 Mitarbeitern. Vorher leitete der vierfache Vater das Spital Sursee-Wolhusen. Vor seiner Spitallaufbahn war der 53-Jährige unter anderem als stellvertretender Vorsteher der Finanzkontrolle des Kantons Luzern tätig.

War «Wolhusen» ein Bremsklotz?

kuy/nus. Spitalratspräsident Beat Villiger bestreitet vehement, dass der 110 Millionen Franken teure Neubau des Spitals Wolhusen die Planung der neuen Kinderklinik in Luzern beeinträchtigt hat. «Die Planungen verliefen parallel, es waren zwei verschiedene Teams am Werk. Wolhusen hat mit dem Kinderspital nichts zu tun.» Dennoch: Das Spital Wolhusen soll frühestens 2022 bezugsbereit sein, also etwa drei Jahre vor der Kinderklinik. Das hat laut Villiger mit den deutlich komfortableren Platzverhältnissen in Wolhusen zu tun, was die Planung erleichtere. Ausserdem würde der Spitalrat mit dem Neubau in Wolhusen einen Beschluss des Regierungsrats umsetzen. Bis jetzt war die Eröffnung des Spitals Wolhusen in allen Plänen auf 2019 terminiert. Villiger begründet die Verzögerung mit internen Abhängigkeiten, etwa beim medizinischen Leistungsangebot und bei den Supportbereichen.

Trotz der Spitäler in Luzern und Sursee sei der Standort in Wolhusen nötig, findet Villiger. «Das Einzugsgebiet umfasst rund 60 000 Personen. Und die Distanzen nach Luzern und Sursee sind für viele zu gross.» Dies habe er selber überprüft. Villiger: «Ich verbrachte 2012 eine ganze Woche im Entlebuch. Dabei habe ich nicht nur die Distanzen ausgemessen, sondern mich auch mit ganz vielen Leuten ausgetauscht – mit Einheimischen, Hausärzten und lokalen Politikern.»

«Kein Wahlkampf von Guido Graf»

Bevölkerung und Politiker hätten einen Neubau genauso begrüsst wie Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf. Dieser habe mit dem Neubau in Wolhusen «absolut keinen Wahlkampf betrieben», versichert Villiger. Die wohnortsnahe medizinische Grundversorgung im Einzugsgebiet von Wolhusen könne nur mit einem neuen Spital gewährleistet werden. Noch auszudiskutieren sei, welche medizinischen Spezialgebiete dieses Spital letztlich anbiete.