LUZERN: Kita vom Spielplatz verbannt

Lachen, Kreischen, Plappern: Der Geräuschpegel einer Kinderkrippe raubt einem Vermieter den letzten Nerv. Kurzerhand sperrte er die Kinder vom Innenhof aus. Der Streit ist kein Einzelfall.

Lena Berger
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Beim Spielen kann der Lärmpegel schon mal ansteigen – ein Luzerner Vermieter will das nicht mehr hinnehmen. (Symbolbild Getty)

Beim Spielen kann der Lärmpegel schon mal ansteigen – ein Luzerner Vermieter will das nicht mehr hinnehmen. (Symbolbild Getty)

Der Mann ist sichtlich verärgert. «Das macht doch keiner mit!», ruft er aus, als er diese Woche im Gerichtssaal des Luzerner Bezirksgerichts vor die Richterin tritt. Der Liegenschaftsbesitzer steht dort, weil ihn die Geschäftsführerin einer Luzerner Kinderkrippe verklagt hat. Seit Monaten verweigert er den Kita-Kindern den Zugang zum kleinen Spielplatz im Innenhof seiner Liegenschaft in einem Luzerner Wohnquartier – zu Unrecht, wie die Klägerin findet.

Stillschweigendes Einverständnis?

Über fünf Jahre lang durften die Kinder im sonnigen Innenhof spielen und diesen genau wie alle anderen Mieter nutzen. «Als ich den Platz und die Räume das erste Mal gesehen habe, dachte ich: Wow, das ist ein Sechser im Lotto!», erzählt die Kita-Leiterin. Doch die Freude endete abrupt, als sie plötzlich vor verschlossenen Türen stand, weil der Vermieter die Schlösser ausgetauscht hatte. Sein Anwalt behauptet, dass der Innenhof nie Bestandteil des Mietvertrags gewesen sei. Die Anwältin der Klägerin hingegen argumentiert, durch die jahrelange Duldung sei eine stillschweigende Vereinbarung getroffen worden.

Zur Klärung lässt die Richterin die ehemalige Liegenschaftsbetreuerin vorladen. Doch acht Jahre nach der Vermietung kann sich diese nicht mehr erinnern, ob der Kita die Nutzung des Hofs zugestanden wurde oder nicht. Die Geschäftsführerin lächelt gequält. Der Vermieter starrt mit zornigem Blick zu ihr hinüber. Eine Kompromisslösung zu suchen – wie es die Richterin vor- schlägt –, lehnt er kategorisch ab. Daher wird das Gericht einen Entscheid treffen müssen. Wie dieser ausfällt, wird in den nächsten Wochen mitgeteilt.

Dass eine Krippe über einen Aussenraum verfügt, ist für viele Eltern bei der Auswahl ein entscheidendes Kriterium. Doch einfach umzuziehen, dürfte für die betroffene Kita schwierig sein. «Wir stellen seit Jahren fest, dass Kinderkrippen Mühe haben, in Wohngebieten – was sinnvoll wäre – geeignete Räumlichkeiten zu finden, insbesondere was den Aussenbereich betrifft», bestätigt Michiel Aaldijk, Leiter Abteilung Kinder Jugend Familie bei der Stadt Luzern. Zudem wisse man von einigen Krippen, dass sie mit den Kindern lieber Spaziergänge in den Wald unternehmen, um allfälligen Reklamationen aus dem unmittelbaren Umfeld der Krippe auszuweichen. «Es sind in aller Regel lösbare Konflikte, wichtig sind klare Abmachungen über die Nutzung und transparente Information der Anwohnerinnen und Anwohner.» Klagen seien Einzelfälle, so Aaldijk. «In den letzten fünf Jahren ist es unseres Wissens zu zwei Klagen gekommen.»

Das Thema Kinderlärm ist auch bei der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (ABL) bekannt. «Aktuell beschäftigen uns die Beschwerden zweier Mieter in der Tribschenstadt, wo wir nachträglich einen Kinderspielplatz gebaut haben», bestätigt Geschäftsleiter Bruno Koch. Man sei diesbezüglich in Gesprächen. «Wenn immer möglich, versuchen wir, Gerichtsfälle zu vermeiden. Teils gelingt das durch klare Regeln, die vorschreiben, zu welchen Zeiten ein Spiel- oder Sportplatz genutzt werden darf», sagt Koch. Das müsse man von Fall zu Fall anschauen.

Gesetz schreibt Spielplätze vor

Klar ist: Spielplätze in Wohngebieten sind von Amtes wegen erwünscht. Das kantonale Planungs- und Baugesetz verlangt, dass bei Wohnungen und Überbauungen mit sechs und mehr Wohnungen Spielplätze und Freizeitanlagen erstellt werden. Doch das ist gar nicht so einfach. «Lärm ist immer wieder ein Thema bei Baugesuchen und damit auch von Einsprachen», bestätigt Markus Hofmann, Leiter Ressort Baugesuche Stadt Luzern. Für Schlagzeilen gesorgt hatten beispielsweise die Einsprachen, welche die Umgestaltung des Schulhausplatzes Moosmatt über Jahre hinweg blockierten. Dennoch glaubt Vreni Völkle, Rektorin der städtischen Volksschule, nicht, dass die Toleranz gegenüber Kinderlärm im Aussenbereich generell abnehme. «Reklamationen haben nicht zugenommen, sie treten aber immer wieder auf. Dass es nicht für alle Generationen immer einfach ist, in der Umgebung von Spielplätzen zu wohnen, ist auch nachvollziehbar.» Die Lärmzeiten in der Umgebung von Kindergärten seien aber auf ganz bestimmte Zeitfenster im Tag und über das Jahr hinweg limitiert. «Sodass sich die meisten Bewohner auch darauf einstellen können», meint Völkle.

Lena Berger