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LUZERN: Krawalle: FCL weibelt bei Politikern

Dem FCL drohen höhere Kosten für die öffentliche Sicherheit. FCL-Präsident Ruedi Stäger gibt bei den Parlamentariern Gegensteuer. Diese reagieren teils irritiert.
Zürcher Chaoten wüten nach der Partie FCL gegen FCZ am Pfingstmontag vor einem Café in der Luzerner Voltastrasse. Kurz darauf erfolgt der Angriff auf FCL-Supporter in der parallelen Eschenstrasse. (Bild: Leserbild)

Zürcher Chaoten wüten nach der Partie FCL gegen FCZ am Pfingstmontag vor einem Café in der Luzerner Voltastrasse. Kurz darauf erfolgt der Angriff auf FCL-Supporter in der parallelen Eschenstrasse. (Bild: Leserbild)

Jérôme Martinu

Überraschende Post in den E-Mail-Eingängen der Luzerner Kantons- und Grossstadträte: Am Montagnachmittag hat der FC Luzern die Parlamentarier von Kanton und Stadt angeschrieben. Auslöser für dieses Schreiben sind die jüngsten Krawalle zwischen Anhängern des FCL und des FC Zürich am Pfingstmontag, mitten im Stadtluzerner Wohnquartier an Volta-, Eschen- und Bleicherstrasse. Absender des Schreibens, welches unserer Zeitung vorliegt, ist FCL-Präsident Ruedi Stäger persönlich. Er möchte damit «die Sicherheitsproblematik aus Sicht des FCL (...) kurz skizzieren» und hängt der E-Mail ein zweieinhalbseitiges Argumentarium an. Stäger bestätigt auf Anfrage, dass er in dieser Angelegenheit jüngst auch bei der kantonsrätlichen Justiz- und Sicherheitskommission vorsprechen konnte.

Zürcher Chaoten wüten mit Eisenstangen vor dem Café Volta in der Volta­strasse. (Bild: Leserreporter)Zürcher Chaoten wüten mit Eisenstangen vor dem Café Volta in der Volta­strasse. (Bild: Leserreporter)
Darauf kommts zur Krawalle (Bild: Leserreporter)Darauf kommts zur Krawalle (Bild: Leserreporter)
Gemäss Polizei wurde niemand verletzt. (Bild: Leserreporter)Gemäss Polizei wurde niemand verletzt. (Bild: Leserreporter)
Ein Mann liegt am Boden und wurde mutmasslich verprügelt. Passiert ist der Vorfall an der Ecke Bireggstrasse / Bleicherstrasse. (Bild: Leserreporter)Ein Mann liegt am Boden und wurde mutmasslich verprügelt. Passiert ist der Vorfall an der Ecke Bireggstrasse / Bleicherstrasse. (Bild: Leserreporter)
Der Wasserwerfer fährt auf und sorgt für Ruhe. (Bild: Leserreporter)Der Wasserwerfer fährt auf und sorgt für Ruhe. (Bild: Leserreporter)
Aufruhr im Sektor D1, nachdem Zürcher Anhänger über den Zaun gestiegen sind und auf einen Luzerner eingeprügelt haben. (Bild: Philipp Schmidli)Aufruhr im Sektor D1, nachdem Zürcher Anhänger über den Zaun gestiegen sind und auf einen Luzerner eingeprügelt haben. (Bild: Philipp Schmidli)
Grossaufgebot der Polizei beim Bahnhof. (Bild: Leserreporter)Grossaufgebot der Polizei beim Bahnhof. (Bild: Leserreporter)
Vor dem Spiel: FCL-Anhänger blockierten die Seebrücke... (Bild: Neue LZ)Vor dem Spiel: FCL-Anhänger blockierten die Seebrücke... (Bild: Neue LZ)
... zündeten Pyros... (Bild: Neue LZ)... zündeten Pyros... (Bild: Neue LZ)
... und marschierten in Richtung Allmend. (Bild: Neue LZ)... und marschierten in Richtung Allmend. (Bild: Neue LZ)
Ein Kleber zeugt vom Marsch der FCZ-Anhänger. (Bild: Neue LZ)Ein Kleber zeugt vom Marsch der FCZ-Anhänger. (Bild: Neue LZ)
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Krawalle in Luzern

«Unlogisch und unfair»

Zusammengefasst ist dies die Haltung des FCL: Der Club unternehme in Sachen Sicherheit im und ums Stadion bereits sehr viel und investiere hierfür auch entsprechend viel Geld. Er sieht keine Veranlassung, sich stärker an den Kosten für Polizeieinsätze zu beteiligen, zumal man die Situation im und ums Stadion im Griff habe (siehe auch Interview rechts). Als «nicht nur unlogisch, sondern auch unfair» bezeichnet der FCL in seinem Argumentarium den Umstand, dass andere Veranstalter (etwa bei Demos, Manifestationen) erst dann mit Kosten belangt würden, wenn man ihnen grob fahrlässiges Verhalten nachweisen kann.

«Für eine Berücksichtigung unserer Argumente bei allfälligen Entscheidungen danken wir Ihnen», schliesst Stäger seine elektronische Post. Klar ist, was der FCL mit seinem Argumentarium beabsichtigt: Die jüngsten Krawalle zwischen Luzerner und Zürcher Supportern kamen zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn noch in diesem Monat debattiert der Luzerner Kantonsrat über das revidierte Polizeigesetz. Gemäss diesem können künftig bis zu 80 Prozent der anfallenden öffentlichen Sicherheitskosten auf kommerzielle Veranstalter überwälzt werden.

800 000 statt 500 000 Franken

Bis dato zahlt der Luzerner Super-League-Verein 570 000 Franken pro Saison (18 Meisterschaftspartien) an die öffentlichen Sicherheitskosten. Erfüllt der FCL die Auflagen der Behörden, werden 70 000 Franken quasi als Bonus wieder rückerstattet. Gemäss Auskunft des Justiz- und Sicherheitsdepartements wurde diese Bonusrückzahlung bisher jedes Jahr gewährt. Der Vertrag läuft per 31. Dezember dieses Jahres aus, nach der Kantonsratsdebatte starten die neuen Verhandlungen zwischen dem Kanton und den FCL-Verantwortlichen.

Überwälzt der Kanton ab 2016 die maximal möglichen 80 Prozent der Kosten, so könnte dieser Betrag gemäss dem Verein «leicht um die 800 000 Franken betragen». Kein Wunder, argumentiert Ruedi Stäger in seinem Schreiben: «Eine zusätzliche Überwälzung von Polizeikosten würde unsere Jahresrechnung mit einem ohnehin latenten operativen Defizit zusätzlich belasten.» Der FCL hat jüngst ein Minus von knapp 2 Millionen Franken ausgewiesen.

120 oder 200 Polizeistunden?

Im Kantonsrat wird das Polizeigesetz in zweiter Lesung voraussichtlich in der Session vom 22./23. Juni behandelt. Zur Debatte stand, ob die von der Regierung vorgeschlagenen 200 Stunden Polizeidienst als Grundangebot generell auf 120 Stunden reduziert werden sollen. Diese Reduktion hätte auch die Ausgangslage für die Vereinbarung mit dem FCL beeinflusst. In der vorberatenden Justiz- und Sicherheitskommission wurde aber kein entsprechender Reduktionsantrag gestellt, und die Regierung hält an den 200 veranschlagten Stunden fest, wie der scheidende Kommissionspräsident Armin Hartmann auf Anfrage erklärt. Und: «Die Kommission will die Anzahl Stunden – das ist der kostentreibende Faktor für die Veranstalter – nicht im Gesetz verankern. Eine solche Limite wäre zu rigide», so Hartmann, der davon ausgeht, dass die jüngsten Fussballkrawalle die Kantonsratsdebatte nicht substanziell beeinflussen werden.

CVP fordert «Taten statt Rhetorik»

Inzwischen hat auch der Regierungsrat Bereitschaft signalisiert, die Schrauben in Sachen Fussballgewalt anzuziehen. Dies im Rahmen der Möglichkeiten, die das verschärfte Hooligan-Konkordat bietet. Wie die scheidende Justiz- und Sicherheitsdirektorin Yvonne Schärli auf Anfrage unserer Zeitung sagte, fordere sie auf die neue Saison hin von der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), dass man sich endlich auf Massnahmen einige (Ausgabe vom 29. Mai). «Die Regierung und das Parlament sind durchaus bereit, weitere Massnahmen umzusetzen.»

Aus dem Luzerner Stadtparlament ist nach den jüngsten Krawallen ein Vorstoss eingereicht worden. Beim Absender des Postulats mit dem Titel «Null-Toleranz gegenüber Hooligans!», der CVP-Fraktion, löst die politische Lobbyarbeit des FCL gewisse Irritationen aus. CVP-Grossstadtrat und Postulatverfasser Albert Schwarzenbach sagt: «Wir sehen sehr wohl die Seite des FCL. Der Verein geht aber auf das unserer Ansicht nach zentrale Anliegen nicht ein: auf die Bedürfnisse der Bevölkerung.» Käme laut Schwarzenbach hinzu, dass im Schreiben Bereiche ausgeklammert würden, auf die der FC Luzern konkret Einfluss nehmen könne, etwa die regelmässig im Stadion abgebrannten, verbotenen Pyros. «Die jüngst versandten Argumente des FCL bieten nichts Neues. Wir erwarten nicht bloss Rhetorik, sondern konkrete Taten. Ein selbstkritisches Hinterfragen ist nötig.»

Der CVP-Vorstoss fordert das Prüfen von Massnahmen, um künftige Auswüchse möglichst zuverlässig zu verhindern, so etwa ein Anreiseverbot für Gästefans bei Hochrisikospielen, das Errichten eines Bahnhof-Fanperrons, Verlegen des Fanlokals an einen Ort abseits der Stadion-Marschroute oder das Streichen der städtischen Beiträge für die Fanarbeit bei weiteren Ausschreitungen.

«Eine Lex FCL ist schwer nachvollziehbar»

Ruedi Stäger, warum treten Sie als FCL-Präsident jetzt direkt mit den Luzerner Parlamentariern in Kontakt?

Ruedi Stäger: Mir ist es ein Anliegen, den politischen Verantwortungsträgern, darzulegen, was der FCL alles für die Sicherheit tut. Es wird auch viel polemisiert, darum scheinen mir Fakten aus erster Hand wichtig.

Eines Ihrer Argumente: Der FCL erhalte «regelmässig Bestnoten» in Sachen Sicherheit, etwa in der Beurteilung der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD). Was heisst das?

Stäger: Wir haben einen Katalog von Auflagen betreffend Sicherheit zu erfüllen und werden regelmässig überprüft. Und obwohl es in diesen Überprüfungen in den letzten drei Jahren keine Beanstandungen gab, sollen wir mehr an die öffentlichen Sicherheitskosten bezahlen? Eine solche «Lex FCL» ist relativ schwer nachvollziehbar. Wir investieren jährlich unwahrscheinliche 1,3 Millionen Franken in diesem Bereich.

Die Kosten für den FCL sind das eine. Wie ernst nehmen Sie die Bedürfnisse der Bevölkerung? Der Unmut über die üblen Begleiterscheinungen von Fussballspielen wächst.

Stäger: Wir sind uns dessen bewusst. Wenn in Quartieren randaliert wird, macht uns das natürlich sehr betroffen. Entsprechend setzen wir weiterhin auf den bewährten Weg des Dialogs mit allen Beteiligten. Andere Mittel und Möglichkeiten haben wir ausserhalb des Stadions nicht. Wir werden auch die Quartiervereine sicher wieder zu Gesprächen einladen.

Sie betonen wiederholt, dass der Einfluss des FCL auf Geschehnisse im öffentlichen Raum gering sei. Fakt ist aber: Strassensperren mitten im Zentrum, Fanmärsche, die in Saubannerzüge ausarten und Krawalle gibts wegen der Fussballspiele.

Stäger: Das bestreite ich nicht. Die Kooperation mit allen involvierten Stellen – Fanarbeit, Polizei, Behörden, VBL – ist beispielhaft. Alle ziehen am gleichen Strick. Krawalle und Gewalt verurteilen wir in aller Form. Im Stadion haben wir die Antworten, es gab noch nie ein nennenswertes Risiko oder Verletzungen.

Beim jüngsten Heimspiel gegen den FCZ klettern aber zwei Zürcher aus ihrem Sektor, um zu pöbeln und unbehelligt wieder zurückzukehren ...

Stäger: ... nachdem ein erwachsener Luzerner einen Bierbecher geworfen hatte. Wir fahren im Stadion eine Strategie der Deeskalation, wir wollen dort keine Randale. Das gilt auch bei den Pyros, wo wir die Fackelabbrenner extra nicht rausholen, sondern sie stattdessen mit Videobildern identifizieren und bestrafen wollen. Von den beiden unvermummten FCZ-Anhängern gibt es Videobilder in guter Qualität, die Ermittlungen laufen.

Wie hoch ist denn die Erfolgsquote bei Pyrosündern?

Stäger: Leider zu wenig gross wegen der Vermummung. An den Stadioneingängen und im Stadion haben wir aber schon rund 60 überführt.

Warum halten Sie elektronische ID-Kontrollen für überflüssig? Beim Eishockey wird das offenbar erfolgreich praktiziert.

Stäger: Wenn das nur beim Eingang des Gästesektors gemacht wird, dann geht der Fan halt einfach in einen anderen Sektor, und das wollen wir nicht. Konsequenterweise müsste das also an allen Eingängen installiert werden.

Was spricht dagegen? Sprechen Sie der ID-Kontrolle jegliche präventive Wirkung ab?

Stäger: Nein, aber daran würden sich dann wiederum die mehrheitlich friedlichen Matchbesucher stören. Das kann es auch nicht sein. Zudem: Diejenigen, die mit einem Stadionverbot belegt sind, können von unseren Spottern oder der Polizei zuverlässig identifiziert werden. Mit ID-Kontrollen im Stadion lassen sich Gewaltszenen in der Stadt kaum verhindern.

«Einzig wirksame Massnahme ist ein Rayonverbot mit Meldepflicht», heisst es in Ihrem Brief. Das wäre laut Hooligan-Konkordat möglich, einschlägig bekannte Chaoten müssten sich während eines Spiels auf einem Polizeiposten melden. Wird sich der FCL für die Einführung dieser Massnahme einsetzen?

Stäger: Auf jeden Fall. Ich wäre überrascht, wenn eine solche Massnahme nicht wirken würde.

Sie rechnen bei den Sicherheitsausgaben mit Pro-Zuschauer-Beiträgen. Der FCL zahlt pro Kopf und Match durchschnittlich 3.04 Franken. Beim FC Basel wären es, so Ihre Berechnungen, nur 1.80 Franken, bei YB oder Thun 1.50. Ist das ein zulässiger Vergleich? Basel hat viel mehr Zuschauer als der FCL und die Voraussetzungen sind auch nicht überall gleich.

Stäger: Das stimmt – und Thun hat deutlich weniger. Die Zuschauerzahl hat sicher auch einen Einfluss auf den Aufwand. Dieser Vergleich scheint uns fair, da es sich um Durchschnittskosten handelt. Wir haben rund 10 000 Besucher pro Heimspiel.

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