LUZERN: Kultur: Gemeinsam gegen die Regierung

Das gab es noch nie. Die Vertreter der grossen Kulturinstitutionen treten vereint gegen die Politik an. Der Vorwurf: Die Regierung setze mit ihren Sparplänen die Marke Luzern aufs Spiel – und schade der ganzen Wirtschaft.

Christian Hodel
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Sie treten ins Rampenlicht, weil sie sich um die Kultur fürchten. Von links nach rechts: Numa Bischof, Intendant Luzerner Sinfonieorchester; Martin Bütikofer, Direktor Verkehrshaus; Fanni Fetzer, Direktorin Kunstmuseum; Michael Haefliger, Intendant Lucerne Festival, und Benedikt von Peter, Intendant Luzerner Theater. Bild: Pius Amrein (Luzern, 7. November 2016)

Sie treten ins Rampenlicht, weil sie sich um die Kultur fürchten. Von links nach rechts: Numa Bischof, Intendant Luzerner Sinfonieorchester; Martin Bütikofer, Direktor Verkehrshaus; Fanni Fetzer, Direktorin Kunstmuseum; Michael Haefliger, Intendant Lucerne Festival, und Benedikt von Peter, Intendant Luzerner Theater. Bild: Pius Amrein (Luzern, 7. November 2016)

«Ich frage mich schon, was Luzern neben der Kultur denn Grossartiges zu bieten hat», sagt Michael Haefliger, Intendant des Lucerne Festivals. In der Runde macht sich Heiterkeit breit, Gelächter. Man könnte es auch Galgenhumor nennen. Den fünf wichtigsten Luzerner Kulturköpfen ist es alles andere als nach Komödie. Für sie geht es um ein ernstes Thema, ein bitterernstes, warum sie sich versammelt haben. Auf dem Spiel stehe nicht weniger als die Zukunft von Luzern als Kultur- und Touristenstadt, sagt Haefliger.

1,2 Millionen Franken will die Regierung ab 2018 den fünf grossen Kulturinstitutionen streichen. Ein kleiner Betrag, angesichts der 520 Millionen Franken, die mit dem aktuellen Sparprogramm KP 17 reingeholt werden sollen. Dennoch sagt Haefliger: Die zu sparenden 1,2 Millionen Franken würden in keinem Verhältnis zu jenem Geld stehen, dass die Kultur wieder einbringt. Alleine das Lucerne Festival generiert eine Wertschöpfung von 35 Millionen Franken – jährlich. «Wir ermöglichen Hunderte von Arbeitsplätzen und leisten einen enormen Beitrag an die Volkswirtschaft. Wir haben uns den Ruf als Kulturplatz der Schweiz mühsam erarbeitet.» Werde nun Geld gestrichen, sei es dahin mit der Glaubwürdigkeit.

Vorwurf: Der Regierung fehlt es an einer Strategie

Zum Gipfeltreffen mit der «Zentralschweiz am Sonntag» gekommen ist auch Fanni Fetzer, Direktorin des Kunstmuseums Luzern. «Für eine Ausstellung kann man private Gelder auftreiben. Aber kein Mäzen ist daran interessiert, die Heizkosten des Kunstmuseums zu übernehmen», sagt sie. Das Schlimmste sei aber, dass hinter den Sparmassnahmen keine Strategie zu erkennen ist. «Man könnte ja auch sagen, wir setzen jetzt auf Theater und verabschieden uns von der bildenden Kunst. Darüber könnte man zumindest vernünftig diskutieren.» Aber die Regierung plane – einmal mehr – alle Kulturinstitutionen «über einen Kamm zu scheren» und lasse so alle verhungern. Fetzers Forderung – die Politik soll Prioritäten setzen – wird auch von bürgerlichen Parteien aufgegriffen (siehe Kasten).

Das Problem bei den 1,2 Millionen Franken ist, dass es nicht dabei bleibt. Die Kürzung des Kantons zieht einen Rattenschwanz nach sich: Weniger Kantonsbeiträge bedeuten weniger Geld von der Stadt, da sich deren Höhe am Kantonsbeitrag orientiert (Ausgabe von gestern). Ebenso schmelzen ab 2018 die Bundesgelder, die etwa das Verkehrshaus der Schweiz bezieht. «Der Bund gibt nicht mehr, wie die Region gibt. Jeder Franken, den Stadt und Kanton einsparen, schmerzt demzufolge doppelt», sagt Martin Bütikofer, Direktor des Verkehrshauses. «Und das auf fünf Jahre hinaus, weil die Leistungsvereinbarungen auf diesen Zeitraum abgeschlossen werden.» Man sei sich in Luzern zu wenig bewusst, dass der Kanton heute für wenig Geld sehr viel Kultur bekäme. «Die Politik sägt an den Zugpferden, ohne sich über die Folgen im Klaren zu sein.» Kommt hinzu: Neben den finanziellen Ausfällen vom Kanton, der Stadt und vom Bund wankt auch der interkantonale Kulturlastenausgleich (Ausgabe vom 29. November). Bütikofer: «Wenn Luzern nun Gelder kürzt, ist das für die anderen Kantone ein schlechtes Signal und für uns ein Vertrauensbruch.»

Aktuell bekommen die fünf Kulturbetriebe etwas mehr als 28 Millionen Franken – 70 Prozent vom Kanton, 30 Prozent von der Stadt finanziert. Der Zweckverband teilt das Geld unter den Institutionen auf. Mit rund 20,6 Millionen Franken bezieht das Luzerner Theater am meisten Geld, das Verkehrshaus (1,3 Millionen Franken) und Lucerne Festival (1,2 Millionen) am wenigsten. Das Kunstmuseum erhält 2 Millionen Franken, das Sinfonieorchester 3 Millionen.

Bereits heute müsse sein Orchester jährlich 3,5 Millionen Franken von Privaten sammeln, um die Kosten zu decken, sagt Numa Bischof, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters. Die Löhne von 20 der 70 Musiker finanzieren Sponsoren. «So was gibt es nirgends in der Schweiz.» Und nun – sollte der Luzerner Kantonsrat in der nächsten Session die Sparpläne der Regierung durchwinken – zieht das weitere Ausfälle von 500 000 Franken mit sich. «Das kriegen wir nicht mehr hin. Wenn der Kanton nicht mehr zahlt, wird es schwierig, weitere Privatpersonen zu überzeugen.» Woran sich Bischof und die anderen Kulturvertreter aber am meisten stören, ist das paradoxe Vorgehen der Politik. «Im Leistungsauftrag steht klar, dass sich unser Orchester weiterentwickeln soll. Das entspricht dem parlamentarischen Willen», sagt Bischof. Wie aber könne man das erfüllen, wenn die finanziellen Mittel fehlen und nun plötzlich andere Spielregeln herrschen – trotz geltender Vereinbarung?

Auch Benedikt von Peter, Intendant des Luzerner Theaters, steht vor einem Dilemma: Gerade erst hat er das einzige professionelle Theater der Zentralschweiz übernommen – und sieht plötzlich seine Basis abstürzen. «Wir haben Mehrjahresverträge abgeschlossen, so kurzfristig können wir gar nicht reagieren», sagt er. Absehbar ist zudem, dass die Salle Modulable, für die er gekommen ist, nicht realisiert wird. Dies, nachdem der Kantonsrat den Planungskredit abwies. Von Peter sagt: «Ich bin erst im August nach Luzern gezogen. An jeder Ecke spürt man: Diese Region lebt mit der Kultur. Warum geht man mit dieser Tradition so fahrlässig um?»


«Wenn der Kanton nicht mehr zahlt, wird es schwierig, weitere Privatpersonen zu überzeugen.»
Numa Bischof, Luzerner Sinfonieorchester


«Die Politik sägt an den Zugpferden, ohne sich über die Folgen im Klaren zu sein.»
Martin Bütikofer, Verkehrshaus der Schweiz


«Kein Mäzen ist daran interessiert, die Heizkosten des Kunstmuseums zu übernehmen.»
Fanny Fetzer, Kunstmuseum


«Ich frage mich schon, was Luzern neben der Kultur denn Grossartiges zu bieten hat.»
Michael Haefliger, Lucerne Festival


«Wir haben Mehrjahresverträge, so kurzfristig können wir gar nicht reagieren.»
Benedikt von Peter, Luzerner Theater

Christian Hodel
christian.hodel@zentralschweizamsonntag.ch