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LUZERN: Kulturgüter landen im Kieswerk

Grabsteine dienen über Jahre hinweg als Erinnerungsstätte. Läuft das Bestattungsrecht ab, werden sie zumeist entsorgt – entgegen dem Gesetz.
Yasmin Kunz
Bildhauerin Sue Kaufmann-Röösli arbeitet an einem Grabstein im Atelier Bruno + Mark Tanner in Dagmersellen. (Bild Eveline Beerkircher)

Bildhauerin Sue Kaufmann-Röösli arbeitet an einem Grabstein im Atelier Bruno + Mark Tanner in Dagmersellen. (Bild Eveline Beerkircher)

«Es tut weh, wenn man sieht, was aus den Grabsteinen, die wir einst angefertigt haben, gemacht wird», sagt Mark Tanner. Der 57-Jährige führt mit seinem Cousin Bruno Tanner und drei Mitarbeitern in Dagmersellen das Bildhaueratelier und Natursteinwerk Bruno + Mark Tanner. Grund für seine Wehmut: Die Grabmäler werden jeweils nach zehn oder zwanzig Jahren – je nachdem, ob es sich um eine Erd- oder Urnenbestattung handelt – geräumt. Und in den meisten Fällen wollen die Angehörigen den Stein nicht zurück, sondern lassen ihn entsorgen. «Die Grabsteine werden dann bei uns gesammelt und zu einem naheliegenden Kiesaufbereitungsunternehmen gebracht», erklärt Cornel Suter, Leiter der Stadtluzerner Friedhöfe.

Recht auf das eigene Werk

Auch Suter findet es schade, dass Grabsteine «wie Abfall» behandelt werden. Doch das Interesse von Angehörigen an den abgeräumten Denkmälern hält sich in engen Grenzen, wie Suter weiss: «Nur ganz wenig Angehörige holen die Grabsteine ab.» Eine exakte Zahl kann Suter nicht nennen. Doch pro Jahr würden von 350 geräumten Grabsteinen etwa 20 abgeholt. Über die restlichen verfügt gemäss Reglement über das Bestattungs- und Friedhofwesen die Stadt Luzern. Es sei denn, der Urheber, in diesem Fall der Steinmetz, möchte sein Werk zurückhaben. «Dass ein Bildhauer oder Steinmetz seinen Stein zurückfordert, ist allerdings selten der Fall.» Also landen die allermeisten Grabsteine im Kieswerk.

Zu den Entsorgungskosten kann Suter keine genauen Angaben machen. «Ich schätze den Aufwand auf ungefähr 600 Franken pro Jahr.» Bezahlt wird das von der Stadt Luzern.

Im Kanton Luzern gibt es rund 100 Friedhöfe. Auch auf dem Land werden die Grabsteine nach Ablauf des Bestattungsrechts meistens entsorgt. Erwin Dahinden, Gemeinderat in Schüpfheim und Verantwortlicher für das Bestattungswesen, sagt: «Die allermeisten Steine werden durch den Schredder gelassen.» Nur hin und wieder gebe es Angehörige, die den Grabstein haben wollten. Bei den Stadtluzerner Friedhöfen zeichnet sich der Trend ab, dass immer mehr Verstorbene ihre Asche auswärts ausgestreut haben wollen (Ausgabe vom 8. April). Auf dem Land hingegen zeigt sich dieser Boom nicht. «Die meisten wollen noch einen Grabstein. Auf dem Land sind wir halt eher traditionell», sagt Dahinden.

Grabstein wird zur Gartenskulptur

Die Firma Bruno + Mark Tanner erhält jährlich ungefähr fünf Steine zurück. Mark Tanner sagt dazu: «Die Besitzer möchten dann, dass ich aus dem Material etwas Neues kreiere, wie beispielsweise ein Wandbild für das Wohnzimmer oder eine Gartenskulptur.» Selten gebe es auch Personen, die ihm den Stein zurückbringen, aber nicht um aus dem Naturstein Gegenstände zu gestalten, sondern um das Denkmal einzulagern für eine eventuelle spätere Wiederverwendung. «Gibt es nach mehreren Jahren keine Verwendung, wird der Stein entsorgt.»

Der Geschäftsführer bedauert diesen Umgang: «Ein Grabdenkmal zu gestallten, ist ein emotionaler Akt. Als Bildhauer oder Steinmetz gibt man bei einem solchen Auftrag auch immer ein Stück von sich selbst hinein.» Damit meint er, dass man mit den Hinterbliebenen in engem Kontakt war, mit ihnen Ideen gesucht und diese dann umgesetzt hat. Vom Beratungsgespräch bis zur Vollendung des Auftrages durch das Versetzen auf dem Friedhof dauert eine einfache Arbeit bis zu vier Tage. Eine aufwendigere Arbeit jedoch kann zehn und mehr Tage in Anspruch nehmen. Dass Mark Tanner jedoch als Urheber die Grabsteine zurückfordert, ist nicht der Fall. «Wir fänden aber für viele Steine eine sinnvolle Verwendungsmöglichkeit.»

Als Rohmaterial nicht erwünscht

Christian Waeber, Betreiber der Bildhauerei Steiriich in Rothenburg, nimmt gar keine Grabsteine zurück, auch nicht von Angehörigen. «Einerseits kann ich mit diesen nichts mehr anfangen, da auch die Ästhetik Ausdruck einer bestimmten Zeit ist. Andererseits muss ich gestehen, dass ich nicht an den Stücken hänge, die ich einst angefertigt habe.» Während der Herstellung sei er zwar stark mit seinen Arbeiten verbunden. «Dieses Gefühl klingt jedoch ab, sobald die Steine ‹draussen› sind.» Waeber, selber Künstler und Bildhauer, wird selten beauftragt, aus einem alten Grabstein etwas anderes zu schlagen. «Ich werde jedoch angefragt, solche Steine zu kaufen, weil davon ausgegangen wird, ich könnte das Rohmaterial gebrauchen – doch der Aufwand dazu ist meistens zu gross.»

Recycling birgt Konfliktpotenzial

Die Grabsteine hätten eigentlich nur einen weiteren Verwendungszweck: Man könnte daraus wieder einen Grabstein schlagen. «Das tat man früher auch», sagt Cornel Suter. «Doch das hat zu Problemen geführt, weil gewisse Leute ihren alten Grabstein wieder erkannt haben.» Waeber hingegen findet, dass man dies nach wie vor so handhaben könnte. «Wenn jemand den Grabstein nicht mehr will, kann man grundsätzlich daraus machen, was man will.» Wichtig sei, dass man die Person, die den gebrauchten Stein erhält, davon in Kenntnis setzt, so Waeber.

Friedhof schützt 1200 Grabsteine

Gemäss dem Gesetz über den Schutz der Kulturdenkmäler des Kantons Luzern gehören Grabmäler «zu den Werken menschlicher Tätigkeit, die ihres wissenschaftlichen, künstlerischen, historischen oder heimatkundlichen Interesses wegen zu erhalten sind».

Cornel Suter sagt zur Gesetzesvorlage: «Dies ist schlicht nicht umsetzbar in der Praxis.» Auf dem Friedhof müsse man auch immer wieder Platz schaffen, sagt er. Trotzdem werden auf den Stadtluzerner Friedhöfen gewisse Grabmäler als schützenswert erachtet. Zum Beispiel Grabsteine von bekannten Persönlichkeiten oder Grabmäler aus einer besonderen Epoche. Auf der sogenannten Inventarsliste stehen momentan 1200 solcher Grabsteine. «Mehr als die Hälfte ist aber noch in aktivem Besitz», erklärt Suter. Erst wenn das Bestattungsrecht an dieser Grabstätte aufgehoben wird und die Angehörigen das Grabmal nicht wollen, nimmt es die Stadt Luzern in Schutz. Wie viele Jahre diese Gräber anschliessend von der Stadt Luzern noch gepflegt werden, ist offen. «Solange die Stadt deren Instandhaltung finanzieren kann, werden sie behalten.»

So steht beispielsweise im Friedental noch immer das Familiengrab von Carl Spitteler (1845 bis 1924), dem Schweizer Nobelpreisträger für Literatur (im Jahr 1919). Auch der Grabstein von Franz Josef Bucher-Durrer (1834 bis 1906), Erbauer zahlreicher Hotels sowie Bergbahnen, darunter der Hammetschwandlift und die Stanserhorn-Bahn, steht noch dort, ebenso das Familiengrab von Stadtpräsident und Nationalrat Max Wey (1892 bis 1953).

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