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LUZERN: Laut und frech – oder still und prüde?

Mehr Mitglieder und eine neue Partei: Junge Politiker sind im Hoch, gerade in Luzern. Doch stark von den Alten unterscheiden sie sich nicht – im Gegenteil.
«Die jungen, frechen und unkonventionell agierenden Politiker sieht man immer weniger.» Olivier Dolder, Politologe. (Bild: Keystone / Archiv)

«Die jungen, frechen und unkonventionell agierenden Politiker sieht man immer weniger.» Olivier Dolder, Politologe. (Bild: Keystone / Archiv)

Interview Christian Hodel

Mehr als verdoppelt, ein stetiger Zuwachs – die Mitgliederzahlen steigen: Die Jungparteien im Kanton Luzern erleben derzeit ein Hoch. Und auch national tut sich einiges. Gestern hat sich im Luzerner Rathaus mit den Jungen Grünliberalen eine weitere Jungpartei offiziell gegründet (siehe Kasten). Doch wie steht es um die Zukunft der Jungpolitiker – folgt auf den Höhenflug ein Tiefschlag? Der Luzerner Politologe Olivier Dolder gibt Antwort.

Olivier Dolder*, laut und frech oder still und prüde: Was trifft auf die Jungparteien zu?

Olivier Dolder: Beides. Punktuell sind sie provokativ, oft treten sie jedoch auch sehr angepasst auf. Sicherlich vertreten sie aber extremere Positionen als ihre Mutterparteien.

Inwiefern?

Dolder: Die jungen Linken sind linker als die SP, die jungen Grünen grüner und die JSVP rechter als ihre Mutterpartei. Die Jungfreisinnigen sind liberaler als die FDP. Dies zeigt sich etwa in Zürich, wo die Jungpartei die Abschaffung der Kirchensteuer für Unternehmen verlangte, die Mutterpartei aber gespalten war. Einzig bei der JCVP lässt sich eine solch ausgeprägte Positionierung nicht feststellen.

In Luzern sieht sich die JCVP als typische Familienpartei. Der Auftritt unterscheidet sich kaum von jenem der Mutterpartei. Fehlt eine Positionierung?

Dolder: Es stimmt, dass sich die JCVP kaum von ihrer Mutterpartei unterscheidet. Als Mittepartei ist es aber auch schwierig, sich stark abzugrenzen. Dass die JCVP als Jungpartei auf Familie setzt, bringt mich aber schon etwas zum Schmunzeln. Sicher ist die Familienpolitik bei gewissen Jungen ein Thema. Aber der JCVP fehlt so ein Alleinstellungsmerkmal.

In der Öffentlichkeit macht immer wieder die Juso Schlagzeilen, etwa mit der 1:12-Initiative. Sind die jungen Linken aufmüpfiger?

Dolder: Bezüglich der medialen Aufmerksamkeit ist die Juso sicherlich die erfolgreichste Jungpartei. Sie schafft es, Themen zu setzen. Es ist eine Partei, von der die anderen Jungparteien lernen können. Aber die Juso ist auch vorsichtiger geworden. Die Hausbesetzung in Luzern durch die Bewegung Gundula zeigt dies. Die Juso sympathisiert zwar öffentlich mit der Aktion, Teil davon will sie aber nicht sein.

Warum?

Dolder: Die meisten Jungpolitiker wollen seriöse Politik machen – jetzt und in Zukunft. Sie wissen, wie der Politbetrieb funktioniert. Sie halten sich an die Regeln. Die jungen, frechen und unkonventionell agierenden Politiker wie zu Zeiten der 68er-Generation sieht man immer weniger.

Doch schaffen es Politiker von Jungparteien später, in der Mutterpartei eine tragende Rolle einzunehmen?

Dolder: Grundsätzlich schon, wie etwa das Beispiel David Roth zeigt. Und bei Maurus Zeier von der JFDP ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis er in der Mutterpartei eine grössere Verantwortung übernehmen wird. Jugendorganisationen sind für die Parteien zentral, um Leute zu rekrutieren.

In Luzern scheint dies zu funktionieren: Judith Schmutz ist Co-Präsidentin der Jungen Grünen. Anian Liebrand leitete bis vor kurzem die JSVP, Maurus Zeier die JFDP. Jean-Pascal Ammann stand der JCVP vor, David Roth der Juso. Zufall?

Dolder: Bei so vielen kann man fast nicht mehr von Zufall sprechen. In der Stadt gab es schon früh ein Kinderparlament. David Roth und Maurus Zeier haben da etwa mitgewirkt. Ein anderer Grund, warum Luzerner in nationalen Jungparteien eine tragende Rolle einnehmen, kann auch die Kantonsgrösse sein. Luzern ist gross genug, dass sich Jungparteien formieren können, aber auch klein genug, damit es überschaubar bleibt und einzelne Personen ins mediale Interesse rücken können.

Wie wichtig sind einzelne Persönlichkeiten für Jungparteien?

Dolder: Sehr wichtig. Aber ohne Inhalte geht es nicht. Jungparteien schaffen es immer wieder, Themen zu setzen. So etwa die Juso in Luzern, die zurzeit stark in die Diskussion um die Salle Modulable und den Standort Inseli involviert ist.

Die JCVP ist daran, eine Sektion in Willisau aufzubauen. Alle Jungparteien sprechen von einem Zuwachs. Die GLP gründete gestern ihre nationale Jungpartei: Lösen die Jungen die Alten ab?

Dolder: Es ist erfreulich, wenn sich immer mehr junge Leute in der Politik engagieren. Und es zeigt, dass die Jungparteien gute Rekrutierungsarbeit leisten und professionalisierter vorgehen. Mir scheint, dass Jungpolitiker durchaus an Bedeutung zunehmen. Es ist sozusagen ein kleiner Teil einer ansonsten politisch sehr uninteressierten Generation, die es dann aber gleich richtig wissen will. Dennoch: Die politischen Auswirkungen der Jungparteien erachte ich national als eher klein.

Hält das Wachstum an?

Dolder: Stetiges Wachstum halte ich für unrealistisch. Es stellt sich immer die Frage, wie aktiv die Mitglieder sind. Mitglied ist man schnell, aber aktiv ein Amt innerhalb einer Partei wahrzunehmen, ist schon was anderes. Auch ist es eine Herausforderung, den Mitgliederbestand zu halten. Jungparteien verlieren ihre Mitglieder an die Mutterparteien.

Was trauen Sie der JGLP zu?

Dolder: Der Erfolg wird zunächst einmal vom Erfolg der Mutterpartei abhängig sein. Fraglich ist, wie sich die Jungen positionieren wollen – liberaler und grüner? Ob die JGLP Fuss fassen wird, hängt zudem von den führenden Köpfen ab. Aber die Voraussetzungen sind nicht schlecht – gerade in Luzern. Hier haben die Jungen Grünliberalen bei den vergangenen Nationalratswahlen das beste Ergebnis aller Jungparteien erzielt.

* Olivier Dolder (31) ist Politologe. Er ist Projektleiter bei Interface Politikstudien Luzern, wo er seit 2010 arbeitet. Zudem unterrichtet er an der Hochschule Luzern.

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