Interview
Leiterin der Herberge für Frauen in Not: «Frauen werden über Jahre hinweg erniedrigt, schlecht gemacht und bedroht»

Eine aktuelle Kampagne will für häusliche Gewalt sensibilisieren. Das sei auch dringend nötig, sagt Pia Engler, Leiterin des Haues Hagar in Luzern.

Robert Knobel
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Diese Woche startet die nationale Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Gemäss Schätzungen ist jede fünfte Frau in der Schweiz in irgendeiner Form von häuslicher Gewalt betroffen. Auch in Luzern sind im Rahmen der Kampagne mehrere Veranstaltungen geplant. Wir sprachen mit Pia Engler, Leiterin des Hauses Hagar, Herberge für Frauen in Not in Luzern.

Pia Engler.

Pia Engler.

Wie äussert sich häusliche Gewalt typischerweise?

Wir sprechen hier einerseits von körperlicher Gewalt – von Schlägen bis hin zu Würgen und Vergewaltigung. Häufig sagen uns die Frauen, dass die psychische Gewalt sogar noch schlimmer sei: Sie werden teils über Jahre hinweg erniedrigt, schlecht gemacht und bedroht. Und wenn die Frauen Hilfe suchen wollen, werden sie eingesperrt oder müssen den Kontakt zu Bekannten abbrechen.

Wieso lassen das die Frauen überhaupt mit sich machen?

Häusliche Gewalt ist ein komplexer Vorgang: Emotionale, wirtschaftliche und soziale Abhängigkeiten, verbunden mit körperlicher und psychischer Gewalt, verbinden sich zu einem System. Die Frauen werden klein gehalten und erniedrigt. Das kann dazu führen, dass sie irgendwann selber glauben, sie seien nichts wert und selber Schuld an der Gewalt. Oft wird die Gewalt auch zu einer Form der Zuneigung. Dabei muss man bedenken: Jeder Täter hat in der Regel auch ein zweites, positives Gesicht. Das zeigt sich dann etwa in Versöhnungsangeboten, die Frauen werden mit Geschenken überhäuft. Das macht es für sie schwieriger, den Schritt zu einer Trennung zu machen oder Hilfe zu suchen. Oft spielen auch ganz praktische Abhängigkeiten eine Rolle – Kinder etwa, oder die Angst, bei einer Trennung die Aufenthaltserlaubnis zu verlieren.

Gibt es Konstellationen oder Milieus, welche Gewalt an Frauen begünstigen?

Ja, dazu können enge Wohnverhältnisse, sozial schlechtere Einbettung, Sucht und unsichere Arbeit, verbunden mit Finanzproblemen, gehören. Das schafft ein Klima, in dem Gewalt begünstigt wird. Wer in einer Familie aufgewachsen ist, in der Gewalt normal war, läuft zudem eher Gefahr, gewalttätig oder selber Opfer zu werden.

Was soll man tun, wenn man in der Nachbarschaft oder im Bekanntenkreis Gewalt vermutet?

Bei konkreten Hinweisen – etwa, wenn man in der Nachbarwohnung Schreie hört und Gegenstände zu Bruch gehen, sollte man umgehend die Polizei rufen. Diese ist sensibilisiert für dieses Thema. In Luzern muss die Polizei täglich zu Konflikten im Rahmen von häuslicher Gewalt ausrücken. Hinweis auf Gewalt kann auch auffälliges Verhalten sein – zum Beispiel, wenn Frauen und Kinder ständig eingeschüchtert wirken und Kontakte meiden. Im Frauenhaus erhalten Frauen rund um die Uhr Beratung und Unterstützung.

Programm Aktionswoche «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» in der Stadt Luzern: Kunstausstellung «Facetten der verborgenen Gewalt» (Matthäuskirche); «Orange your City» – wichtige Gebäude werden orange angestrahlt (Donnerstagabend), Demo (Donnerstag 18 Uhr), Filmmatinee von Soroptimist Luzern über Zwangsheirat, mit anschliessendem Podium (Samstag, 10.30 h Uni Luzern). Mehr Infos: www.16tage.ch.

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