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LUZERN: Lernen wird auch für die Kleinsten Pflicht

Der Kanton sagt Sprachdefiziten den Kampf an: Kann ein Kind mit vier Jahren nicht gut genug Deutsch, soll es künftig eine Spielgruppe, Kita oder einen Kurs besuchen – notfalls auch gegen den Willen der Eltern.
Lena Berger
In der Spielgruppe können Kinder voneinander lernen – deshalb sollen fremdsprachige Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen künftig zum Besuch verpflichtet werden. (Bild: Keystone)

In der Spielgruppe können Kinder voneinander lernen – deshalb sollen fremdsprachige Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen künftig zum Besuch verpflichtet werden. (Bild: Keystone)

Das «Spielgruppenobligatorium» für Migrantenkinder ist ein neuer Passus im Volksschulgesetz, das derzeit in der Vernehmlassung ist. Er dürfte zu reden geben. Konkret sollen Eltern ihr Kind noch vor dem Eintritt in den Kindergarten – also mit vier Jahren – in ein Angebot zur sprachlichen Frühförderung schicken müssen. Die Gemeinden sollen sie dazu verpflichten können, wenn ihr Nachwuchs nicht über «ausreichende Deutschkenntnisse» verfügt. In Spielgruppen oder Kindertagesstätten (Kita) kommt das Kind mit der deutschen Sprache in Berührung und kann gezielt gefördert werden – so die Idee.

Defizite bereits bei Schulbeginn

Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, leiden meistens bereits beim Schuleintritt unter sprachlichen Defiziten, die sich später in schlechten Noten niederschlagen. Deshalb sollen alle Luzerner Gemeinden bis im Sommer 2018 Angebote zur frühen Sprachförderung von fremdsprachigen Kindern schaffen. Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, ist überzeugt, dass die Eltern-Verpflichtung in gewissen Fällen sinnvoll ist. «Oft ist es so, dass gerade die Kinder, die es am nötigsten hätten, keine solchen Angebote nutzen», weiss er aus Erfahrung. «Die verpflichtende frühzeitige Sprachförderung ist eine Entlastung für die Schule und verhindert höhere Folgekosten.»

Grosser Aufwand in Basel

Eine obligatorische frühe Deutschförderung bereits eingeführt hat der Kanton Basel-Stadt. Kann ein Kind 18 Monate vor Kindergarteneintritt kaum Deutsch, muss es an mindestens zwei Halbtagen pro Woche in eine auf Deutsch geführte familienexterne Einrichtung geschickt werden.

Zum Sprachtest antreten müssen die Kleinen nicht. Die Eltern füllen einen Fragebogen aus. Die Deutschkenntnisse der Kinder werden aufgrund ihrer Antworten eingeschätzt. Wird ein Spielgruppenbesuch angeordnet, zahlt das Erziehungsdepartement dafür. «Die obligatorische Sprachförderung ist so verbindlich wie die Schulpflicht – und für die Schule müssen die Eltern ja auch nicht aufkommen. Die Kostenübernahme ist also logisch», erklärt Herbert Knutti, Leiter der Fachstelle frühe Deutschförderung. Zudem sei es oft der Preis, der gewisse Familien davon abhalte, Angebote zu nutzen. Weiter trägt der Kanton die Kosten für die Auswertung der Fragebogen und die Weiterbildung der Spielgruppen-Verantwortlichen im Rahmen der Qualitätssicherung – ein grosser Aufwand.

Je früher, je besser

Nur: Bringt die «Lernpflicht» für Vierjährige auch den gewünschten Erfolg? Eine Evaluationsstudie der Universität Basel kommt zu zwei Schlüssen: Sie bestätigt zum einen, dass Deutschlernen im Alltag einer Spielgruppe oder Tagesstätte bereits im Umfang von zwei Halbtagen pro Woche die Sprachkenntnisse deutlich verbessert. «Die Unterschiede sind gewaltig, die paar Stunden sind wirklich Gold wert», stellt Herbert Knutti fest. Die Studie zeigt aber auch, dass die Kinder trotz der frühen Deutschförderung ihren sprachlichen Rückstand bis zur Einschulung nicht aufholen können. Die Autoren kommen deshalb zum Schluss: Es wäre besser, mit der Sprachförderung noch früher zu beginnen und sie intensiver zu betreiben. Deshalb soll nun geprüft werden, wie Kinder schon vor dem Spielgruppenalter gefördert werden können.

Doch wie soll die frühe Sprachförderung in Luzern umgesetzt werden? Ein wesentlicher Unterschied zu Basel ist, dass die Eltern den Besuch der obligatorischen Angebote selbst zahlen müssen. Manche Gemeinden übernehmen einen Teil der Kosten, verpflichtet sind sie dazu aber nicht. Der Kanton beteiligt sich ebenfalls mit einem gewissen Beitrag. Wie hoch dieser ausfallen wird, ist aber noch offen. «Die Spielgruppen in den Gemeinden verlangen sehr unterschiedliche Tarife – von jährlich 350 bis 800 Franken für zwei Halbtage pro Woche. Entsprechend wird es wohl auf eine prozentuale Kostenbeteiligung analog der Volksschulbildung hinauslaufen», erklärt Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung.

Fragebogen auch in Luzern

Wie in Basel wird auch der Kanton Luzern den Gemeinden einen Eltern-Fragebogen zur Einschätzung der Sprachfähigkeiten der Kinder zur Verfügung stellen. Das Basler Modell könnte also analog eingeführt werden. Vincent vermutet aber, dass viele Gemeinden weniger Aufwand betreiben werden: «Eine flächendeckende Erhebung wird in kleineren Gemeinden wohl auch überflüssig sein – weil den Behörden die Familien mit Migrationshintergrund bekannt sind und sie direkt Kontakt aufnehmen können.» Anders sehe es in der Stadt Luzern oder in grösseren Gemeinden aus. «Da kann das Instrument Sinn machen.»

Wird Chancengleichheit erreicht?

Doch genau die Tatsache, dass die Gemeinden die neue Regelung unterschiedlich umsetzen können, stört Kantonsrat Damian Müller (FDP). Auf sein Postulat geht der neue Passus im Volksschulgesetz zurück. «Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es eine kantonale Lösung braucht, um die frühe Sprachförderung einheitlich umzusetzen», sagt er. Die nun vorgeschlagene Formulierung erlaube es jeder Gemeinde, ihr eigenes Süppchen zu kochen. «Es sollte aber keine Rolle spielen, wo ein fremdsprachiges Kind im Kanton Luzern aufwächst – alle sollten von den Angeboten profitieren können.»

Lena Berger


Neues Urteil mit Signalwirkung?

Fremdsprachen-Knatsch pi. Sollen Primarschüler zwei Fremdsprachen lernen oder nur eine? Diese Frage sorgt landauf landab für hitzige Diskussionen – auch in Luzern. Hier werden auf Primarstufe derzeit zwei Fremdsprachen (Englisch und Französisch) unterrichtet. Dies, obwohl der Kanton, auch Obwalden, Nidwalden, Uri, Schwyz und Zug, nicht dem Konkordat HarmoS («interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule», Anm. d. Red.) angehört. HarmoS sieht explizit zwei Fremdsprachen für die Primarschule vor – und gerät auch deshalb immer wieder in Kritik. Ungeachtet dessen nimmt der Widerstand gegen zwei Fremdsprachen in Luzern zu: Der Lehrerverband hat vergangenen September die Initiative «Nur eine Fremdsprache auf der Primarstufe» eingereicht, über die möglicherweise noch in diesem Jahr abgestimmt wird. Wann genau das Geschäft an die Urne kommt, ist jedoch noch offen, wie man beim Luzerner Bildungsdepartement auf Anfrage sagt.

St. Galler scheitern (vorerst)
Zu reden gibt derweil ein Urteil aus St. Gallen. Im Ostschweizer Kanton, der dem HarmoS-Konkordat angehört, hat der Verein «Starke Volksschule St. Gallen» eine Gesetzesinitiative lanciert, welche die Beschränkung auf nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule fordert. Das Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen hat das Anliegen in einem Urteil vom 4. Mai jedoch für ungültig erklärt, da das Begehren «übergeordnetem Recht», ja sogar der Bundesverfassung, widerspreche. «Das enttäuscht und befremdet uns», sagt Initiativpräsident Michael Fitzi. Zwar prüfe man derzeit, das Urteil ans Bundesgericht weiter zu ziehen, doch eines ist Fitzi und seinen Mitstreitern durch das Urteil bewusst geworden: «Solange man in der HarmoS-Zwangsjacke steckt, ist es wohl schwierig, die zweite Fremdsprache aus der Primarstufe zu verbannen.» Der Verein hat deshalb bereits eine Volksinitiative für den Austritt aus dem Konkordat lanciert. In den kommenden 18 Monaten wird das Stimmvolk an der Urne entscheiden.

Andere Ausgangslage in Luzern
Der Abstimmung in Luzern blickt Fitzi mit Spannung entgegen. Denn er glaubt: «Ohne HarmoS-Mitgliedschaft ist ein Nein zur zweiten Fremdsprache juristisch nicht bestreitbar.» Fitzi glaubt also, dass der Gerichtsentscheid in St. Gallen nur deshalb möglich war, weil HarmoS-Kantone sich auch an die gesetzlich bindenden HarmoS-Richtlinien zu halten hätten. «Die Ausgangslage in Luzern ist dadurch natürlich eine andere, der Entscheid hat mit HarmoS aber nichts zu tun», sagt Hans-Peter Heini, Sekretär des Luzerner Bildungsdepartements. Inwiefern die Initiative in Luzern allerdings die Bestimmungen des Lehrplans 21 tangieren würde, der derzeit in Luzern (mit zwei Primar-Fremdsprachen) umgesetzt wird, dazu äussert sich Heini nicht.

Steigende Zahl Fremdsprachiger

Spielgruppen ber. Mit der Einführung des Spielgruppen-Obligatoriums für Kinder mit Deutschdefiziten ist der Anteil Fremdsprachiger in den Basler Spielgruppen gestiegen. 2014 lag er bereits bei 65 Prozent. Von den Leiterinnen wird die Zunahme der Kinder mit wenig Deutschkenntnissen kritisiert. Die pädagogische Herausforderung steige, und der Effekt, dass Kinder von Kindern lernen, gehe verloren.
Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung im Kanton Luzern, geht davon aus, dass der Anteil fremdsprachiger Kinder durch die neue Regelung im Volksschulgesetz (siehe Haupttext) auch in Luzern leicht steigen wird. «Da die Spielgruppenleiterinnen in Kursen auf diese Aufgabe vorbereitet werden, sollte dies nicht negative Auswirkungen auf die Qualität des Angebots haben.»

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