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LUZERN: Lieber abtauchen als eine Zwangsheirat

Bei der Beratungsstelle für Sans-Papiers gab es 2015 eine rekordhohe Nachfrage. Auffallend: Frauen tauchen in der Schweiz unter, weil sie in der Heimat unter archaischen Bräuchen leiden.
Thomas Heer
Ein Dasein im Versteckten: Die Gewerkschaft Unia geht davon aus, dass in der Schweiz bis zu 200 000 Sans-Papiers leben. (Symbolbild Keystone/Georgios Kefalas)

Ein Dasein im Versteckten: Die Gewerkschaft Unia geht davon aus, dass in der Schweiz bis zu 200 000 Sans-Papiers leben. (Symbolbild Keystone/Georgios Kefalas)

Thomas Heer

Die Schweiz ist ein Staat, in dem es nicht an statistischen Erhebungen mangelt. Über alles Mögliche weiss der Bund Bescheid. Zum Beispiel über die Bestände weiblicher Kaninchen, die Zibben (9093) oder der Anzahl Steinobstanlagen (1831), die sich übers Land verteilen. Keinerlei wissenschaftliche Erhebung gibt es hingegen in Bezug auf Personen, die zwar in der Schweiz leben, aber hierzulande in keiner Statistik auftauchen, den Sans-Papiers. Rita Schiavi, bei der Gewerkschaft Unia unter anderem für Migration zuständig, geht von 100 000 bis 200 000 Menschen aus, die hierzulande quasi inoffiziell leben.

Verdoppelung bei Hilfesuchenden

Die Probleme der im Verborgenen lebenden Männer, Frauen und Kinder bekommt Nicola Neider als Präsidentin des Vereins Kontakt- und Beratungsstelle Sans-Papiers hautnah mit. Ein Blick in die Statistik des Luzerner Vereins zeigt, dass die Anzahl der Hilfesuchenden 2015 auf 199 hochschoss. Das entspricht fast einer Verdoppelung gegenüber den Vorjahren und ist laut Neider auch auf die härtere Gangart im Asylwesen zurückzuführen. Neider stellt weiter fest, dass vermehrt Frauen um Hilfe nachfragen. Diese flüchten in die Schweiz, zum Beispiel mit einem Touristenvisum, kehren dann aber nicht ordnungsgemäss in ihr Heimatland zurück. Warum? Neider sagt: «Es gibt Länder, in denen Zwangsverheiratung oder Beschneidung offiziell zwar verboten sind, im Alltag aber häufig vorkommen.» Für Immigrantinnen aus solchen Ländern sind die Aussichten, in der Schweiz Asyl zu erhalten, gering. Also tauchen sie lieber in die Anonymität ab, als in ihr Heimatland zurückzureisen.

Tibeter liegen an der Spitze

In der Statistik des Sans-Papier-Vereins sind die Besucher nach Ursprungsländern aufgeteilt. Wenig überraschend zählen die Eritreer zur Spitzengruppe. Was allerdings erstaunt, sind die Tibeter, die mit 26 Besuchern den Spitzenplatz einnehmen. Neider sagt: «Bei diesen Personen handelt es sich um Flüchtlinge, die via Nepal, Indien oder Bhutan in die Schweiz flohen.» Beim Staatssekretariat für Migration fallen diese Leute meist durch die Maschen. Asyl gibts kaum. Man unterstelle ihnen, nicht in Tibet aufgewachsen zu sein, und benütze, so Neider weiter, fragwürdige Methoden beim Interview.

Sans-Papiers kämpfen an vielen Fronten mit Schwierigkeiten. Was passiert etwa mit der medizinischen Versorgung? Ohne Krankenkassen-Zugehörigkeit wirds eng. Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern, sagt: «In Notfällen sind wir als Mediziner verpflichtet zu helfen. Sonst liegt es im Ermessen jedes Einzelnen, ob er einen Patienten aufnimmt oder nicht.» Kommt ein Kind aus Sans-Papier-Verhältnissen ins schulpflichtige Alter, hat es Anspruch auf Bildung, wie Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern, bestätigt. Vincent erklärt auch, dass die Schule nicht verpflichtet sei, den Aufenthaltsstatus des Kindes den Behörden zu melden.

Heikel ist es für die Sans-Papiers auch auf dem Arbeitsmarkt. Die eingangs erwähnte Unia-Kaderfrau Schiavi sagt: «Sans-Papiers arbeiten vor allem in Städten, in Branchen wie dem Gast- und Reinigungsgewerbe.» Es liegt auf der Hand, dass die Situation dieser Immigranten mitunter schamlos ausgenützt wird. Gemäss Schiavi sei Lohndumping in diesem Bereich ein häufiges Phänomen.

Vom Radar verschwunden

Rund 3580 Asylbewerber wurden den sechs Zentralschweizer Kantonen im vergangenen Jahr vom Bund zugeteilt. Davon sind 401 Personen unkontrolliert abgereist, wie es im Jargon heisst. Oder mit anderen Worten: Sie sind abgetaucht und haben sich der behördlichen Kontrolle entzogen. In der gesamten Schweiz waren 2015 aus dem Asylbereich über 5300 Personen unkontrolliert verreist.

10 Franken pro Werktag

Alexander Lieb, Leiter des Luzerner Amtes für Migration, sagt: «Ich kann nur mutmassen, wo sich die angesprochenen Personen aufhalten. Ein Grossteil dürfte in andere Länder weitergereist sein.» Ein Teil der Untergetauchten, deren Asylgesuch mit einem Wegweisungsentscheid endete, bleibt aber in der Schweiz und bezieht Nothilfe. Den Personen aus dieser Gruppe – die ebenfalls zu den Sans-Papiers zählen – wird pro Werktag 10 Franken ausbezahlt. Weiter haben sie Anspruch auf eine einfache Unterkunft, eine minimale Beratung und sind gemäss Ruedi Fahrni, Asyl- und Flüchtlingskoordinator im Kanton Luzern, auch bei einer Krankenkasse versichert.
Für die Aufwendungen erhält der Kanton vom Bund pro negativen Asylbescheid eine einmalige Pauschale von 6000 Franken.

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