LUZERN: Liebesflucht aus dem Gefühlslabyrinth

Grosse Gefühle siegen über die Ironie: Richard Strauss’ Oper «Ariadne auf Naxos» verhandelt Utopien vor düster-realem Hintergrund.

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Ariadne (Gabriela Scherer, im schwarzen Kleid) auf der Bühne des Luzerner Theaters ist ein stimmliches Ereignis. (Bild: PD/Toni Suter)

Ariadne (Gabriela Scherer, im schwarzen Kleid) auf der Bühne des Luzerner Theaters ist ein stimmliches Ereignis. (Bild: PD/Toni Suter)

Urs Mattenberger

Wenn die vom Geliebten verlassene Frau Schutz suchend unter den Tüllvorhang kriecht, der in der ganzen Breite vom Bühnenhimmel fällt, wird die Erinnerung weggewischt. Das Bild nämlich, das von der letzten Luzerner Inszenierung von Richard Strauss’ Oper «Ariadne auf Naxos» über Jahre hinweg lebendig blieb. Damals war die Ariadne in ein Kleid gefesselt, das kreisrund die ganze Bühne bedeckte: Sinnbild der Insel, auf der sie in der Erinnerung an die von Theseus betrogene Liebe äusserlich wie innerlich gefangen sitzt.

Das kann man unmöglich übertreffen, dachte man, bis sich am Sonntag in der Premiere der Neuinszenierung im Luzerner Theater jener Tüllvorhang hob: Denn die aktuelle Ariadne legt sich dessen Saum wie einen schützenden Schal um die Schultern. Und wenn sie nach vorne an den Bühnenrand schreitet, breitet sich das gefaltete Tuch aus, als wüchsen ihr Flügel. Gerade so, als würde das Bild von damals hochgeklappt und als könnte die Frau fliegen.

«Zersprengte Form»

Es ist der poetische Höhepunkt einer Inszenierung, die die Befreiung der Frau vom Liebesschmerz in einer Art Backstage-Unordnung nacherzählt. Regisseur Holger Müller-Brandes treibt damit das Verwirrspiel der Vorlage raffiniert auf die Spitze. Darin wird auf Befehl des Auftraggebers die tragische Oper «Ariadne» und das frivole Lustspiel einer Komödiantentruppe um Zerbinetta gleichzeitig gegeben – was zu Querelen zwischen der Ariadne-Crew und der Komödiantentruppe führt.

Die Ausstattung von Philipp Fürhofer treibt dieses Spiel im Spiel mit wechselnden Perspektiven weiter: Spiegelwände schliessen die Bühne nach hinten ab, sodass das Publikum die Darsteller doppelt und sich selber sieht. Die Grenzen zwischen Backstage und Bühne, Spiel und Wirklichkeit heben sich in diesem Spiegelkabinett ebenso auf wie in der Oper selbst. Die «zersprengte Form» widerspiegelt, so der Regisseur, eine «zeitgenössische Weltwahrnehmung». Sie nimmt in Kauf, dass auch der Kontrast zwischen unbeschwerter Komödiantik und utopischem Kunstanspruch etwas nivelliert wird.

Die Requisiten, die Zerbinettas Komödianten im Gepäck führen, verweisen zwar auch auf Commedia-dell’-Arte-Maskeraden, groteskes Soldatenarsenal – Karabiner, Stahlhelme, Skelettuniformen –, aber auch auf eine weitere Realitätsebene, die sich hier durch das Stück hindurchzieht: Prospekte mit Kriegsszenen, die den Liebesverrat von Theseus mit seinem Soldatenleben in Verbindung bringen, geben dem Spiel im Spiel einen düsteren Hintergrund.

Phänomenale Stimmen

Daneben könnte das Gefühlsdrama Ariadnes als das Luxusproblem erscheinen, als das die lebenslustige Komödiantin Zerbinetta es verspottet. Aber die Besetzung, die mit einer Reihe phänomenaler Stimmen aufwartet, verhilft ihm zu ihrem Recht und erfüllt die Kunstwelt (Text: Hugo von Hofmannsthal) mit praller Sinnlichkeit. Das beginnt im Vorspiel mit dem Auftritt des Komponisten, der um die Integrität seines Werks ringt: Marie-Luise Dressen tut es mit der Intensität und Leuchtkraft einer Stimme, die der Figur alle weltfremde Verträumtheit austreibt. Carla Maffioletti als Zerbinetta wischt nicht nur Ariadnes vermeintlich ewigen Liebeskummer mit koketten Koloraturen hinweg. Schon in der Begegnung mit dem Komponisten findet sie zu innig ergreifenden Tönen, die später eine Frauensolidarität mit der Ariadne-Heroine ermöglichen.

Ein stimmliches Ereignis ist auch deren Gestaltung durch die Gastsängerin Gabriela Scherer. Mit einer ebenso dramatischen wie geschmeidigen Stimme bringt sie die Emotionen zum Überlaufen: Wenn in ihrer Begegnung mit Bacchus (mit grossartig strömendem Tenor: Carlo Juncg-Chey Ho) eine neue Liebe aufkeimt, kommt es – unter dem abermals genutzten Vorhang-Flügel – zum atemberaubenden vokalen Höhenflug.

Orchesteremotionen

Das Komik-Potenzial (süffisant Simone Stock in der Sprecherrolle des Haushofmeisters) wird in den übrigen Rollen nicht im gleichen Ausmass genutzt, obwohl sie (etwa mit Flurin Caduff als Musiklehrer) passend besetzt sind. Aber grosse und zart verästelte Emotionen breitet auch das Luzerner Sinfonieorchester unter Howard Arman nach tastendem Beginn verschwenderisch aus. So triumphiert die grosse Oper, auf die das Werk hinausläuft, wenn sich die auf der Bühne angedeutete Strasse im Schlussbild ins Freie öffnet. Es mochte an der Betroffenheit liegen, dass der Applaus begeistert, aber nicht frenetisch wirkte. Gut möglich nämlich, dass da draussen nicht die Freiheit, sondern der Tod lauerte, den Ariadne herbeisehnt.

Hinweis

Vorstellungen: 25., 30. April, 10., 16., 20., 23., 28., 29. Mai, 7. Juni. VV: Tel. 041 2228 14 14.

Wir verlosen 3x 2 Tickets für die Aufführung am Samstag, 25. April, 20.00, im Luzerner Theater. Wählen Sie heute Tel. 0901 83 30 25 (Fr. 1.50 pro Anruf, Festnetztarif) oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil.