LUZERN: Lieferprobleme: Künstler macht aus der Not eine Tugend

Künstler Luciano Castelli feiert Erfolg in China. Doch einige Tage vor der Vernissage musste er sein Konzept ändern: Seine Bilder wurden nicht angeliefert.

Sandra Monika Ziegler
Drucken
Teilen
Selbstporträt des Luzerner Künstlers Luciano Castelli in der Ausstellung in Schanghai. (Bild: PD)

Selbstporträt des Luzerner Künstlers Luciano Castelli in der Ausstellung in Schanghai. (Bild: PD)

Den Albtraum eines jeden Künstlers erlebte der gebürtige Luzerner Luciano Castelli (64) in Schanghai: Als zweite Station des chinesisch-schweizerischen Kulturdialoges zwischen den beiden Künstlern Tan Ping und Luciano Castelli war eine Ausstellung im SPSI Art Museum geplant. Es sollten 25 grossformatige Leinwände ausgestellt werden. Doch die Bilder kamen gar nicht an. Die Lieferung blieb aus.

Inspiration statt Resignation

Zuvor waren die Werke in der Ausstellung «Chinas Abstraktion und die Figuration des Westens» im National Art Museum of China in Peking ausgestellt worden. Bei dem Projekt handelt es sich um Kooperation zwischen Kulturinstitutionen in China und der Schweiz, die in drei Etappen verläuft. Nach Peking und Schanghai findet die Ausstellung im kommenden Dezember im Zürcher Helmhaus ihre Fortsetzung.

Luciano Castellis Pinselstrich füllt die Wände des  SPSI Art Museums in Shanghai. (Bild: Pressedienst)
6 Bilder
Luciano Castellis Pinselstrich füllt die Wände des  SPSI Art Museums in Shanghai. (Bild: Pressedienst)
Luciano Castellis Pinselstrich füllt die Wände des  SPSI Art Museums in Shanghai. (Bild: Pressedienst)
Luciano Castellis Pinselstrich füllt die Wände des  SPSI Art Museums in Shanghai. (Bild: Pressedienst)
Luciano Castellis Pinselstrich füllt die Wände des  SPSI Art Museums in Shanghai. (Bild: Pressedienst)
Luciano Castellis Pinselstrich füllt die Wände des  SPSI Art Museums in Shanghai. (Bild: Pressedienst)

Luciano Castellis Pinselstrich füllt die Wände des SPSI Art Museums in Shanghai. (Bild: Pressedienst)

Wie konnte es passieren, dass die Bilder nicht ankamen? Zu den Details will sich Castelli in der Zeitung nicht näher äussern. Fakt ist, dass die Bilder im März, kurz vor der Ausstellungseröffnung, nicht da waren. Es blieb also nur, das Beste aus der Situation zu machen. «Luciano Castelli liess sich durch das Fehlen der Bilder nicht aufhalten. Im Gegenteil, er liess sich davon inspirieren», erklärt die Kuratorin Huang Mei auf einem chinesischen Kunstportal. Klar, der Druck war da, die Ausstellung angekündigt. Da hatte Luciano Castelli den rettenden Geistesblitz. «Ich habe die Idee, hast du den Mut?», fragte er den chinesischen Künstler Tan Ping. Die Lösung hiess: Inspiration statt Resignation, wie sich zeigen sollte.

 

Wände ohne Vorlage bemalt

Denn Tan Ping hatte den Mut. Und so auch Xiao Gu, Direktor des Museums in Schanghai. Er übergab die weissen Wände zur freien Gestaltung den beiden Künstlern. Ohne seine Zusage und Unterstützung hätte das Weiss-Wand-Projekt erst gar nicht starten können. Für Castelli ist Gu ein Visionär: «Er wusste nicht, auf was er sich da einlässt. Wir bemalten die Wände ohne Vorlage nur mit dem geistigen Bild.»

Entstanden sind aussergewöhnliche Bilder. «Mit Intuition und Esprit gingen die beiden kraftvoll ans Werk und erstellten so ein Gesamtkunstwerk», kommentiert die chinesische Filmemacherin Qiongma Yechonala die Ausstellung in Schanghai. Sie war bereits beim Entstehungsprozess der Ausstellung dabei und vergleicht diesen mit dem chinesischen Brettspiel Go. Dabei ist der erste Schritt am wichtigsten. Und das galt auch für die beiden Künstler. Denn ein Retouchieren, wie es auf einer Leinwand noch möglich ist, war an den weissen Wänden keine Option. Da muss jeder Pinselstrich sitzen, wie Castelli erklärt.

Keine Arbeit für die Ewigkeit

Die Höhe des Ausstellungsraumes forderte die beiden Künstler besonders heraus. «Das war kein einfaches Unterfangen. Um die hohen Museumswände bemalen zu können, klebten wir die Pinsel an fünf Meter lange Bambusstangen», erzählt der gebürtige Luzerner. Zu bearbeiten waren rund 500 Meter Ausstellungslinie auf einer Ausstellungsfläche von 1500 Quadratmetern. Das Werk entstand in gerade mal drei Tagen. Und es ist keine Arbeit für die Ewigkeit. Denn am Ende der Ausstellung werden die weissen Wände wieder weiss übermalt. Der chinesische Künstler Tan Ping sagt dazu: «Darin liegt der Sinn der Ausstellung von weissen Wänden zu weissen Wänden. Von nichts zu etwas, von etwas zu nichts – das entspricht den Werteeinstellungen von positiven Energien.»

Eine Katastrophe mit Happy End

Im Rückblick ist das Ausbleiben der Bildlieferung ein Glücksfall, wie Castelli sagt. «Denn erst durch das Fehlen der Leinwände kamen wir auf die Idee, die Wände direkt zu bemalen. So wurde aus der Not schlussendlich ein Glücksmoment.»

Positiv sind auch die Reaktionen in China. So sagte Li Lei, Vizedirektor des Museums der Shanghaier Akademie für Malerei und Skulptur, anlässlich der Eröffnung: «Das Weiss-Wand-Projekt hat eine neue Seite in der chinesischen Kunstgeschichte aufgeschlagen. Zwei hervorragende Künstler mit grosser visueller Lebenskraft integrieren sich gleichzeitig in einen bestimmten Raum, so was gab es in der chinesischen Kunstgeschichte noch nicht.» Die Einmaligkeit der Ausstellung sei eine «philosophisch geprägte und lebensfreudige Präsentation in einem gemeinsamen Raum», so Lei.

Für den Luzerner Künstler war Schanghai trotz der «Katastrophe», wie er sagt, eine inspirierende Erfahrung. Die 25 Leinwände sind inzwischen wieder in der Schweiz.

Sandra Monika Ziegler