LUZERN: Louise Hill: Gefangen im Fegefeuer einer kaputten Ehe

Eine Luzernerin hat über das Martyrium ihrer Ehe ein Buch geschrieben. Der inzwischen verstorbene Ehemann war auch öffentlich unangenehm aufgefallen.

Thomas Heer
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Hat ihre Erfahrungen mit ihrem Ehemann niedergeschrieben: Louise Hill. (Bild Nadia Schärli)

Hat ihre Erfahrungen mit ihrem Ehemann niedergeschrieben: Louise Hill. (Bild Nadia Schärli)

Der Beruf des Journalisten bringt es mit sich, dass es regelmässig zu Kontakten mit Personen und Persönlichkeiten kommt, die einem nachhaltig in Erinnerung bleiben, aber auch mit Menschen, deren Namen und Gesichter sich im Prozess des Vergessens rasch auflösen. Zur ersten Kategorie zählt für den Schreibenden mit Bestimmtheit die Begegnung mit Les Stahl.*

Und das kam so: Stahl meldete sich auf der Redaktion. Am Telefon wollte er nicht viel erzählen. Ein Treffen wurde vereinbart. An einem Abend im Mai 2009 war es dann soweit. Stahl und der Journalist sassen sich an einem weiss gedeckten Tisch in einem Luzerner Fünfstern-Hotel gegenüber. Das Essen war reichhaltig, der Wein edel, und mit einem teuren Whisky wurde das Gelage abgerundet. Stahl bestand darauf, die Rechnung zu bezahlen.

Rachefeldzug gegen seine Frau

So toll das Ambiente auch war, ein Abend zum Geniessen wars trotzdem nicht. Denn der Mann machte auf den Zuhörer einen verstörten Eindruck. Schnell wurde klar: Der erfolgreiche Unternehmer, der seinen Lebensunterhalt in einer Luzerner Landgemeinde als Zuckerbäcker verdiente, steckte in argen Nöten. Ein Familienkrach gröberen Ausmasses bestimmte sein Leben. Ein missverstandener Ehemann und seine immensen Probleme: Darüber sollte ein Buch geschrieben werden. Von viel Geld war die Rede. Es kam nicht soweit. Denn Stahls Aussagen irritierten. Es schien, als führe er einen Rachefeldzug gegen seine Frau. Zum Beispiel in der Art der folgenden Ausführung: Das Treffen im Hotel fand wenige Tage vor Auffahrt statt. In einigen Gemeinden des Kantons Luzern entfaltet die katholische Kirche an diesem Tag ihre volle Pracht. Tausende von Menschen säumen die Wege und Strassen der Prozessionsrouten. Und genau einen dieser Weg wollte auch Stahl absolvieren. Aber nicht etwa betend zu Fuss oder hoch zu Ross. Nein, in einem offenen Luxuscabriolet plante er, den Prozessionsweg abzufahren. Als Beifahrerin, so kündigte er es an, habe er eine toll aussehende Escort-Dame angemietet. Und dies alles nur zum Zweck, seine damalige Frau, Louise Hill, blosszustellen und zu demütigen.

Ob er seinen irren Plan dann auch wirklich umgesetzt hat, blieb dem Chronisten lange unbekannt. Und zwar bis zum Zeitpunkt, als er in dieser Woche Louise Hill vor dem Stadtluzerner Rathaus auf einer Steinbank gegenüber sass. «Ja», sagt Hill, «das mit dem Cabrio hat er tatsächlich durchgezogen».

Kreuze und Beton bestellt

Der Prozessionsfall war aber lediglich die klitzekleine Spitze eines gewaltigen Eisberges aus Einschüchterungen, Verhöhnungen, Drohungen und Erniedrigungen, die Hill während ihrer fast 20-jährigen Ehe mit dem berühmten Zuckerbäcker Stahl ertragen musste. Die Exzesse in der Beziehung Hill–Stahl beschäftigte auch immer wieder die Behörden. Zum Beispiel damals, als Stahl in einer Schreinerei drei Kreuze mit den eingravierten Namen seiner drei Kinder orderte. Oder als er in einer Fabrik schnell trocknenden Beton bestellte. Hatte er vor, im Mafiastil seine Gattin einzubetonieren, und sie so zum Verschwinden zu bringen?

Im Dezember 2009 wählte Stahl den Freitod. Das Martyrium von Hill und ihren Kindern war damit in bedeutendem Masse ausgestanden. Heute arbeitet die 47-Jährige als Lehrerin und sagt über ihr Leben: «Es geht mir wieder gut, und ich kann das Leben geniessen.»

* Name von der Redaktion geändert

Hinweis:

Im Rahmen einer Ausstellung zu Gewalt in Familie und Partnerschaft wird heute ab 10 Uhr in der Luzerner Kornschütte das Buch von Louise Hill präsentiert. Der Titel: «Teufelskreis – mein bitteres Leben mit dem Zuckerbäcker.»