LUZERN: Luzerner Wild vermehrt sich prächtig

Der Bestand der Rehe und Rothirsche im Kanton ist so hoch wie letztmals vor zehn Jahren. Das heisst auch: Die Luzerner Jäger haben mehr zu tun.

Christian Hodel
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Jäger der Jagdgesellschaft Luthern mit einem erlegten Rehbock (grosses Bild), eine Gruppe Rothirsche (oben rechts) und eine Gämse. (Archivbilder Corinne Glanzmann/Keystone)

Jäger der Jagdgesellschaft Luthern mit einem erlegten Rehbock (grosses Bild), eine Gruppe Rothirsche (oben rechts) und eine Gämse. (Archivbilder Corinne Glanzmann/Keystone)

Im Oktober geht die Jagdsaison mit der Rehjagd richtig los. Jährlich schiessen die rund 1800 Jäger in den 123 Revieren im Kanton Luzern zwischen 3600 und 3900 Rehe. Auch dieses Jahr werden es in etwa so viele Tiere sein, wie Otto Holzgang, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei des Kantons Luzern, auf Anfrage bestätigt. Und dies, obwohl der Bestand der im Kanton Luzern frei lebenden Huftiere wie Gämse, Hirsche und Rehe so hoch ist wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Rothirsch erobert ganzen Kanton

Ende 2013 wurden im Kanton Luzern 9809 Rothirsche, Rehe, Steinböcke und Gämsen gezählt, wie aus der eidgenössischen Jagdstatistik ersichtlich ist (siehe Tabelle). Letztmals war die Zahl 2004 mit 10 023 gezählten Tieren grösser. «Dies liegt durchaus im Bereich der natürlichen Schwankungen», sagt Holzgang. Dennoch sind Futtervorkommen und klimatische Bedingungen sowie die Fortpflanzungskraft der Tiere derzeit sehr gut: Vor allem der Rothirsch hat sich rasant ausgebreitet. Zählte man 2003 noch 54 Hirsche, waren es im vergangenen Jahr bereits 218. «Der Rothirsch hat in den Nachbarkantonen Bern und Obwalden zugenommen und sich in den vergangenen Jahren vermehrt im Entlebuch und am Pilatus angesiedelt.»

Dies bestätigt auch Walter Steffen, Präsident Revierjagd Luzern. «Inzwischen ist damit zu rechnen, dass der Rothirsch vermehrt auch ins Luzerner Hinterland und Mittelland wandert», sagt er. Die Folgen seien unter anderem durch die Geweihe beschädigte Bäume. Ebenso macht der Rothirsch anderen Tieren, wie etwa den Gämsen, den Platz streitig.

Luchs und Wolf gegen Gämsen

Anders als bei den Rothirschen und den Rehen – deren Bestand innerhalb eines Jahres um über 400 auf 7954 Tiere zugenommen hat – nimmt jener der Gämsen seit Jahren kontinuierlich ab. Wurden 2005 noch 1895 lebende Gämse im Kanton gezählt, waren es letztes Jahr nur noch deren 1557. Holzgang: «Einerseits gab es ein paar lange und strenge Winter, andererseits ist der Einfluss von Luchs und Wolf auf die Gamspopulationen gestiegen.» Wie viele Wildtiere pro Jahr von Luchs oder Wolf angegriffen werden, ist nicht bekannt. Fest steht: «Zurzeit ist uns kein aktueller Nachweis eines Wolfes im Kanton Luzern bekannt», sagt Ralph Manz. Er ist zuständig für das Wolf-Monitoring vom Forschungsprojekt Kora, das sich mit der Ökologie und Verbreitung der Raubtiere in der Schweiz befasst. «Der letzte genetische Nachweis des bekannten Wolfes M20 stammt vom 16. November 2012 aus Schangnau.» In der Zentralschweiz seien aber im vergangenen Jahr 25 Nutztierrisse durch den Wolf verzeichnet worden. «Es handelt sich dabei fast ausschliesslich um Schafe.»

Konkrete Zahlen zum Bestand gibt es auch für den Luchs nicht. Fridolin Zimmermann, zuständig für das Luchs-Monitoring bei Kora, sagt: «Luchse kennen keine Kantonsgrenzen.» Klar ist hingegen: Im Kanton Luzern wurden im vergangenen Jahr vier Schafe und eine Ziege von Luchsen gerissen. Angriffe auf Schafe durch Luchse seien im Kanton Luzern in der Tendenz aber eher abnehmend, sagt Christian Aeschlimann, Präsident des Schafzuchtverbands Luzern.

Klar ist: Luchse greifen auch Wildtiere an. Im Kanton Luzern wurden im vergangenen Jahr 24 Rehe Opfer eines Grossraubtieres. 2003 gab es lediglich 7 gemeldete Risse bei den Rehen. Bei den Gämsen hat sich die Zahl zwischen 2003 und 2013 von einem Fall auf ein Dutzend verzwölffacht. Eine beunruhigende Entwicklung? Walter Steffen sagt: «Wir Jäger sind Artenförderer und verwehren uns nicht grundsätzlich gegen eine natürliche Ansiedlung von Grossraubtieren.» Hingegen sehe man Handlungsbedarf, wenn es zu einer Überpopulation kommen sollte.

Der Kanton regelt die Ausübung der Jagd und reguliert den Bestand der Tiere. «In jedem Revier im Kanton Luzern wird zusammen mit dem zuständigen Förster entschieden, wie stark in den Wildbestand eingegriffen werden muss», erklärt Steffen. Da der Wildbestand in den vergangenen Jahren zugenommen hat, seien auch die Abschusszahlen leicht gestiegen – bei den Rehen von 3623 Abschüssen im Jahr 2010 auf 3848 im vergangenen Jahr.

Mehr regionales Wildfleisch

Tendenziell mehr heimisches Wildfleisch landet auch auf den Tellern, wie Metzgermeister Richard Felder aus Entlebuch, also mitten im Jagdeinzugsgebiet, beobachtet. Der Patron der Metzgerei Felder GmbH sagt: «Die Menge aus hiesiger Jagd hat in den letzten Jahren eher etwas zugenommen. Das freut natürlich die Kunden, sie kommen teilweise sogar aus der Stadt hierher.» Werbung für Fleisch aus regionaler Jagd muss er keine machen, «das wenige, das hereinkommt, geht auch sehr schnell weg. Die Preise sind stabil.» Felder bezieht sein Wild über eine Jagdgesellschaft, die auch private Kunden und Restaurants bedient.

Städter entdecken die Jagd

Was die Luzerner Jäger betrifft, so machen jedes Jahr zwischen 40 und 50 Personen neu die Jagdkurse. Was Walter Steffen besonders freut: «In den vergangenen Jahren haben vermehrt auch Frauen und Männer aus der Stadt und Agglomeration Luzern den Jagdschein gemacht.» Früher rekrutierten sich die Jäger vor allem aus ländlichen Gegenden. «Heute scheint Jagen auch bei Städtern beliebt zu sein.» Die gezielte Öffentlichkeitsarbeit und die damit verbundene Sensibilität für die Jagd hätten sicher zu diesem Trend beigetragen.

Klar ist aber auch: Die Ausbildung der Jäger ist in den vergangenen Jahren anspruchsvoller geworden. So müssen etwa alle Jäger, die ab 2015 einen Jagdschein wollen, neu einen sogenannten Treffsicherheitsnachweis erbringen – analog dem obligatorischen Schiessen im Militär. Dabei zielen die Jäger in einer behördlich bewilligten Jagdschiessanlage auf bewegliche und feste Ziele. Dabei müssen sie mindestens vier Mal hintereinander treffen. Das Schiessprogramm kann laut Verordnung «bis zur Erfüllung wiederholt werden».