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LUZERN: Mann ging krank zur Arbeit – das kostet ihn nun 5000 Franken

Stellen Sie sich vor, Sie sind krank. Und können es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Gibt es in der reichen Schweiz nicht, meinen Sie? Offenbar doch, wie der Fall eines Working Poor zeigt, der vor dem Bezirksgericht Luzern verhandelt wurde.
Im Bild ist das Bezirksgericht Luzern. In dem GebŠude ist auch der Friedensrichter untergebracht. (foto: roger gruetter) (Bild: photo:roger gruetter (rogergruetter.com))

Im Bild ist das Bezirksgericht Luzern. In dem GebŠude ist auch der Friedensrichter untergebracht. (foto: roger gruetter) (Bild: photo:roger gruetter (rogergruetter.com))

Lena Berger
lena.berger@luzernerzeitung.ch

Eine Krankheit kann jeden treffen. Im vorliegenden Fall war es ein Mann, der Teilzeit in einem Luzerner Hotel arbeitete. Plötzlich war er monatelang ausser Gefecht gesetzt – und 100 Prozent arbeitsunfähig. Er hatte schon vorher nicht auf grossem Fuss gelebt, es reichte knapp zum Leben. Nun bekam er zwar Krankentaggeld in der Höhe von 80 Prozent seines vorherigen Lohns. Allerdings waren das nicht einmal 1000 Franken im Monat.

Zum Vergleich: Der monatliche Grundbetrag, der selbst bei Betreibungen nicht gepfändet werden darf, liegt in Luzern bei 1200 Franken. So viel braucht es aus Sicht der Behörden mindestens, um leben zu können. Es liegt also auf der Hand, dass das Krankentaggeld hinten bis vorne nicht zum Leben ausreichte. Was also sollte der Mann tun?

Um seine Situation zu verstehen, muss man wissen, dass es sich um einen Ägypter handelt, der zwar seit einigen Jahren in der Schweiz im Gastronomiebereich arbeitet – aber über das hiesige Sozialsystem so gut wie nichts weiss. Er sah nur eine Möglichkeit: sich trotz attestierter Krankheit wieder zur Arbeit zu schleppen.

Der Vertrag mit dem bisherigen Arbeitgeber war zu dem Zeitpunkt bereits ausgelaufen. Ein Luzerner Luxushotel aber war froh um die billige Arbeitskraft, die sich auf Abruf und Stundenlohnbasis zur Verfügung stellte. Also arbeitete der Mann einige Stunden pro Woche dort, um sich über Wasser zu halten.

Das Problem: Es ist natürlich nicht zulässig, Krankentaggelder zu beziehen und gleichzeitig arbeiten zu gehen. Selbst wenn es einem nur so möglich scheint, seine Existenz zu sichern. Nachdem die Krankenkasse durch einen telefonischen Tipp von der Sache erfuhr, stellte sie die Zahlungen ein und forderte die ausbezahlten Gelder zurück.

Mitarbeiterin blieb dem Prozess unentschuldigt fern

Der Mann machte an der Verhandlung vor dem Bezirksgericht geltend, er habe die Krankenkasse über seine Situation informiert. Die Dame am Telefon habe ihn aber nicht verstanden. Er habe Englisch gesprochen – sie habe konsequent auf Schweizerdeutsch geantwortet. Auch bei einem direkten Gespräch war die Krankenkasse offenbar nicht in der Lage, einen Mitarbeiter zu stellen, der Englisch konnte.

Diese mangelnde Sensibilität Fremdsprachigen gegenüber wirft kein gutes Bild auf die Krankenkasse. Genau wie die Tatsache, dass deren Anwalt mehr als eine halbe Stunde zu spät an die Verhandlung kam. Und die erwähnte Mitarbeiterin, die als Zeugin aufgeboten war, unentschuldigt nicht auftauchte.

Dennoch: Für die Richterin ist erwiesen – und sie führt das im Urteil auch schlüssig aus –, dass der Mann die Versicherung getäuscht hat. Er soll mehr als 5000 Franken zurückzahlen – alles, was er seit dem ersten Arbeitstag in dem Luxushotel bekommen hat. Die Krankenkasse wäre gemäss Urteil sogar berechtigt gewesen, für die Monate davor Rückzahlungen zu fordern. Sie zeigte sich aber kulant, weil der Mann zu der Zeit ja krank war und tatsächlich nicht arbeitete.

Rechtlich ist der Fall damit erledigt, wenn das Urteil nicht weitergezogen wird. Es bleiben aber einige offene Fragen. Wie der Mann das Geld je zurückzahlen soll zum Beispiel. Oder warum es bei uns überhaupt Menschen gibt, die glauben, sie müssten arbeiten gehen, obwohl sie schwer krank sind. Oder auch, warum dem Mann niemand gesagt hat, dass es für solche Fälle die Sozialhilfe gibt.

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