LUZERN: Marder-Schadenfälle an Autos werden immer teurer

Gerade im Winter verbeissen sich Marder gerne in Gummiteile und Kabel. «Fast jede Woche» repariert ein Garagist Schäden an Autos.

Roger Rüegger
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Den nachtaktiven Steinmarder bekommt der Mensch zwar nur selten zu Gesicht. Dennoch machen insbesondere Autobesitzer häufig Bekanntschaft mit ihm – wenn es sich der Nager im Motorraum eines Autos gemütlich macht. Das Tier ist inzwischen auch als Automarder bekannt. In Adligenswil haben ein oder mehrere Marder Gefallen an einem Auto eines Lesers unserer Zeitung gefunden und Kabel angeknabbert. «In einem halben Jahr musste ich dreimal zerfetzte Zündkabel auswechseln. Der Motor stotterte jeweils nur noch oder sprang gar nicht an», sagt der Mann, der einen älteren Mazda fährt.

Konkurrenzkampf im Motorraum

Was lockt die Marder unter Motorhauben? Otto Holzgang, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern (Lawa), erklärt: «Der Steinmarder ist ursprünglich ein Felsbewohner und sucht immer kleine Verstecke. Warme Motorräume sind gerade im Winter sehr geeignet.» Dass an einem Auto mehrmals ein Schaden entstehe, komme nicht von ungefähr. «Die Tiere hinterlassen Duftmarken. Ein bereits besuchtes Fahrzeug wird vom selben Marder oder auch von einem Artgenossen wieder aufgesucht. Doch wenn der Motorraum nach einem anderen Marder riecht, wird der eine vermutlich sauer und verbeisst sich in die weichen Autoteile. Denn Konkurrenz mag der Marder in seinem Revier nicht.»

Autowerkstätten haben häufig Marderschäden zu reparieren. Patrick Broch, Inhaber der Auto Broch in Altishofen, bestätigt: «Wir erhalten fast jede Woche ein Auto mit solchen Schäden. Zerfressene Lenkmanschetten, Antriebswellenmanschetten oder Wasserschläuche sind die häufigsten Fälle bei neueren Autos.» Aktuell habe er ein Auto mit beschädigter Dämmmatte in der Werkstatt. «Die fressen sie auch gerne an», so Broch.

Die grössten Schäden bei älteren Fahrzeugen verursachen Marder an Zündkabeln. Automechaniker Peter Iten aus Menzingen, der das Fahrzeug unseres Lesers reparierte, kennt die Vorgehensweise der Marder seit vielen Jahren: «Bei einigen BMW-Modellen waren die Marder früher scharf auf Dämmmatten.» Bei gewissen Opel-Modellen habe er häufig verbissene Gummiteile ersetzen müssen.

Ob Marder einzelne Marken bevorzugen, ist umstritten. Laut Dienststelle Landwirtschaft und Wald ist die Annahme falsch. Jürg Reinhard, Koordinator der Technischen Zentren des TCS, weiss aber, dass an Autos der Marke Opel früher Kabel und Schläuche mit einem Gummigemisch mit Fischkleisteranteilen eingebaut wurden. Dies habe die Marder angezogen.

Wichtig ist: Wer einen Marderschaden am Auto hatte, sollte den Motor sauber waschen. Wenn nicht, ist die Wahrscheinlichkeit für ein weiteres Treffen gross. Anzeichen auf einen Marder­besuch sind gemäss TCS Spuren von Tatzen um und auf dem Auto sowie Material wie Äste, Nüsse oder Schmutz im Motorraum. Reinhard: «Es ist wichtig, den Motor nach der Reinigung mit einem speziellen Spray zu versiegeln.» Beim Auftragen bilde sich ein klebriger Schutzfilm, den Marder meiden.

Weniger Reparaturen, hohe Kosten

Um den Schäden vorzubeugen, lassen sich etwa Ultraschallgeräte oder hochspannungsführende Metallplatten einbauen. Letztere versetzen dem Marder einen (ungefährlichen) Stromschlag. Laut Jürg Reinhard vom TCS sind diese Vorrichtungen zuverlässig.

Bei neueren Autos verursachen Marder aber offenbar weniger Schäden als bei älteren Modellen. Zahlen der Versicherungsgesellschaft Allianz Schweiz zeigen: 2005 wurden bei Allianz-Kunden schweizweit 11 800 Schäden an Autos verursacht. 2012 waren es laut Pressesprecher Harry Meier 9900. Die Schadenmenge habe bis heute um rund 23 Prozent abgenommen, trotz Kundenzuwachs.

Schäden im Millionenbereich

Die Schadensumme hat jedoch nicht im selben Masse abgenommen, der einzelne Schadenfall sei, so Meier, teurer geworden. Kostete die Reparatur eines Marderschadens 2005 durchschnittlich 340 Franken, waren es 2012 bereits 390 Franken. Mögliche Gründe für den Anstieg: Weil das Motordesign bei heutigen Fahrzeugen kompakter ist, ist der Zugriff auf die defekten Teile oft umständlicher, was einen Mehraufwand zur Folge hat. Zudem können defekte Kabel Folgeschäden mit grösseren und folglich teuren Motorproblemen verursachen.

Die jährlichen Gesamtschäden an Autos in der Schweiz liegen laut Schätzungen des TCS im zweistelligen Millionenbereich. Marderschäden sind gemäss dem Schweizerischen Versicherungsverband in der Regel über die Teilkaskoversicherung gedeckt.