LUZERN: Marroniverkäufer bangen um ihre Existenz

Die Stadt entscheidet neuerdings per Los, welche Marroniverkäufer einen Stand betreiben dürfen. Dieses Bewerbungsverfahren stösst auf heftige Kritik.

Yasmin Kunz
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Irmgard Ambühl, die seit 25 Jahren am Mühlenplatz Marroni verkauft, sorgt sich um ihre Zukunft. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Irmgard Ambühl, die seit 25 Jahren am Mühlenplatz Marroni verkauft, sorgt sich um ihre Zukunft. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

«Ich habe solche Angst», sagt Dashurije Ismaili (40), die seit drei Saisons zusammen mit ihrem Mann Gzim (42) den Marronistand Unter der Egg betreibt. Gleicher Unmut ertönt vom Stand am Mühlenplatz: «Die Zukunft beschäftigt mich so sehr, dass ich schlaflose Nächte habe», sagt Irmgard Ambühl (57), die seit 25 Jahren am Mühlenplatz Marroni verkauft.

Grund für die Sorgen der Luzerner Marroniverkäufer ist, dass sie nicht wissen, ob sie in den nächsten drei Saisons ihren Marronistandplatz wieder betreiben können. Die Stadt Luzern wird nämlich die Standplätze unter den Bewerbern auslosen. Bis Ende Juli sind sechs einwandfreie Bewerbungen eingegangen. Neben den vier bereits aktiven Marroniverkäufern in Luzern haben sich zwei weitere Interessenten aus der Agglomeration Luzern beworben. Vier von sechs Kandidaten können fortan einen Marronistand führen. Die anderen zwei gehen leer aus – einigen droht sogar der Verlust ihrer Existenz.

Los entscheidet über Existenzen

«Dieses Auswahlverfahren ist doch nicht fair», findet Ismaili. Sie habe ihren Job als Stellvertreterin einer grossen Bäckerei aufgegeben, um sich ganz der Arbeit als Marroniverkäuferin zu widmen. «Dass nun alle in einen Topf geworfen werden, kann ich nicht nachvollziehen.» Hätte sie vor drei Jahren gewusst, dass ihre Arbeitsstelle mal zur Verlosung ausgeschrieben würde, hätte sie diesen Schritt wohl kaum gewagt. Irmgard Ambühl findet die Art von Auslese nicht gerecht. «Ein Vierteljahrhundert mache ich diesen Job, und per Losziehung wird nun entschieden, ob ich den weiterhin machen kann.» Würde die Glücksfee ihren Namen nicht ziehen, könne sie umgehend aufs Sozialamt, sagt sie weiter.

Dass für zwei Marronistandbetreiber die Existenz – im wörtlichen Sinn – auf dem Spiel steht, geht auch an Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen, nicht ganz spurlos vorbei. «Klar ist es hart», sagt er. Trotzdem: Würde die Stadt diesen Schritt nicht vollziehen, sei ein Verkäufer immer am selben Platz eingemietet, und dies widerspreche dem Reglement des Wettbewerbsrechts. «Niemand hat das Anrecht, einen Platz auf öffentlichem Grund für immer zu gebrauchen.»

Kriterien waren zu unscharf

Da die Marronistände auf öffentlichem Grund stehen, muss die Stadt jene Plätze ausschreiben. Das war schon vor drei Jahren so. Damals wurden die Marroniverkäufer jedoch nach differenzierten Kriterien ausgelesen. So habe man beispielsweise die Präsentation des Angebots an den Ständen bewertet, sagt Mario Lütolf. Dieses Verfahren wurde jedoch vom Gericht als ungeeignet beurteilt. Das Produkt Marroni sei jedoch für eine breite Palette von Kriterien ungeeignet, so Lütolf. «Die Kriterien konnten nicht so geschärft werden wie beispielsweise jene des Wochenmarkts», sagt er weiter.

Die Marroniverkäufer sehen das anders: «Wir braten gute Marroni, das sagt uns auch die Kundschaft», sagt Dashurije Ismaili. Ihr Mann Gzim Ismaili sagt zudem: «Der Marroniverkauf ist ein Traditionsgeschäft.» Würde nun alle drei Jahre jemand anderes einen Stand betreiben, ginge diese wertvolle Tradition verloren, so Ismaili. Beim letzten Bewerbungszyklus ist aufgrund der Kriterien eine Einsprache eingereicht worden. Gemäss einer rechtlichen Beurteilung stellte sich heraus, dass die damaligen Kriterien nicht ausreichend für die Beurteilung der Marronistände waren. «Die Qualität des Angebots ist an allen Ständen unbestritten. Sind alle grundsätzlichen Zuschlagskriterien erfüllt, bleibt uns leider nur das Losverfahren», erklärt Lütolf.

Zur Möglichkeit, zwei weitere Marronistandplätze zu schaffen, um alle Verkäufer unterzubringen, sagt Lütolf: «Zusätzliche Plätze braucht es in der Stadt nicht.» Auswertungen hätten ergeben, dass Angebot und Nachfrage sich die Waage halten. «Gäbe es mehr Marroniverkäufer, wäre die Konkurrenz unter ihnen grösser», so Lütolf.

Ziehung in zwei Wochen

Die Namen der sechs Bewerber um einen Marronistand in der Stadt Luzern werden am Dienstag, 11. November, in einen Topf geworfen. Die Kandidaten dürfen der Verlosung beiwohnen. Ebenfalls mit dabei ist eine Rechtsperson. «Wir wollen ausschliessen, dass uns vielleicht vorgeworfen werden könnte, es sei nicht mit rechten Dingen abgelaufen», sagt Lütolf. Die im November ausgelosten Plätze gelten dann bis zur Marronisaison 2018.