LUZERN: Mehr Schule soll weniger kosten

Wegen des Lehrplans 21 sollen Primarschüler mehr zur Schule. Das kostet Millionen. Dennoch soll der Lehrplan «kostenneutral» eingeführt werden. Haben die Sekschüler das Nachsehen?

Robert Knobel
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Eine Sekschülerin in Sursee. In der Oberstufe könnten die Wahlmöglichkeiten künftig eingeschränkt werden. (Archivbild Boris Bürgisser)

Eine Sekschülerin in Sursee. In der Oberstufe könnten die Wahlmöglichkeiten künftig eingeschränkt werden. (Archivbild Boris Bürgisser)

Exakt 5928 Stunden verbringen Luzerner Kinder bis zum Ende der Primarschule im Schulzimmer. Damit ist der Kanton Luzern schweizweites Schlusslicht. Zum Vergleich: Im Kanton Wallis kommen die Primarschüler auf total 7119 Stunden. Die Luzerner Regierung möchte deshalb mit einer Erhöhung der Lektionenzahl ins Schweizer Mittelfeld vorrücken. Dabei kommt die geplante Einführung des neuen Deutschschweizer Lehrplans 21 gerade gelegen. Dieser definiert die Anforderungen an Volksschüler und deren Kompetenzen in den einzelnen Fächern gänzlich neu.

Schüler brauchen mehr Unterricht

Im Kanton Luzern ist man zum Schluss gekommen, dass die Schüler generell mehr Unterricht brauchen, wenn sie die Anforderungen des neuen Lehrplans erfüllen wollen. Deshalb hat Luzern vor einem Jahr Entwürfe für neue Wochenstundentafeln in die Vernehmlassung geschickt, die der Umsetzung des Lehrplans 21 dienen sollen. Konkret ist vorgesehen, die wöchentliche Lektionenzahl in der Primarstufe zu erhöhen (siehe Tabelle). Profitieren sollen davon unter anderem die Fächer Deutsch und Mathematik sowie die Integrative Förderung (IF).

Sparpaket kommt in die Quere

Der Lehrplan 21 ist zwar noch immer provisorisch und soll erst Ende 2014 in der definitiven Form von der Bildungsdirektorenkonferenz freigegeben werden. Doch im Kanton Luzern zeichnet sich infolge der Spardiskussionen bereits eine ganz neue Ausgangslage ab. Im 220-Millionen-Sparpaket, das die Regierung für die nächsten Jahre schnüren will, ist vorgesehen, den Lehrplan 21 «kostenneutral» umzusetzen. Doch ist das überhaupt möglich – zumal die Anforderungen des Lehrplans ja explizit eine Erhöhung der Lektionenzahl erfordern? Für Charles Vincent, Leiter der kantonalen Dienststelle Volksschulbildung, ist klar: «Auf der Primarstufe braucht es beim vorliegenden Entwurf zwei zusätzliche Lektionen, um den Lehrplan umzusetzen.»

Sek: Abbau bei den Wahlfächern

Damit unter dem Strich keine zusätzlichen Kosten entstehen, muss also anderswo gespart werden. Eine mögliche Massnahme wäre deshalb, die Zahl der Lektionen auf Sekundarstufe entsprechend zu reduzieren. Aber wo? Klar ist, dass bereits im Rahmen des Lehrplans 21 eine von drei Englischlektionen in der 1./2. Sek gestrichen werden soll. Allerdings soll diese durch eine zusätzliche Deutschlektion kompensiert werden – die Gesamtzahl der Lektionen pro Woche soll in der Sekundarstufe nicht verändert werden.

Gemäss Vincent könnte man allerdings bei den Wahlfächern ansetzen. Die neue Wochenstundentafel sieht nämlich in der 3. Sek eine grössere Auswahl an fakultativen Fächern vor – so etwa Fremdsprachen und Gestalten, aber auch zusätzliche Mathe-Lektionen. Würde man diese Auswahl reduzieren, könnten Kosten gespart werden. Dies umso mehr als Wahlfächer vergleichsweise teuer sind, weil sie oft nur von wenigen Schülern besucht werden.

Man könnte sogar auch dann Kosten sparen, wenn das eine oder andere Wahlfach zu einem Pflichtfach gemacht würde. Dann würde sich zwar die Zahl der Pflichtlektionen erhöhen, doch weil diese besser besucht wären, bräuchte es weniger Lehrerlektionen.

1 Lektion kostet 1 Million

Was «kostenneutrale Einführung des Lehrplans 21» im Detail bedeutet, ist also noch ungewiss – dazu müsste man erst das genaue Sparpotenzial kennen. Doch bevor der Lehrplan nicht definitiv verabschiedet ist, will der Kanton Luzern keine Berechnungen anstellen. Als Faustregel gilt allerdings: Eine Schullektion pro Klassenstufe kostet rund 1 Million Franken pro Jahr. Erhalten beispielsweise alle Fünftklässler im Kanton zwei zusätzliche Lektionen pro Woche, kostet dies zusätzlich 2 Millionen Franken pro Jahr.

Einen Anhaltspunkt bietet auch der Kanton Bern. Auch dieser plant im Rahmen des Lehrplans 21 die wöchentliche Lektionenzahl deutlich zu erhöhen – und das kostet gemäss einer Schätzung der Berner Regierung 22 Millionen Franken pro Jahr. Allerdings ist der Kanton Bern auch rund zweieinhalbmal grösser als der Kanton Luzern.

Entwurf bis im Frühjahr 2015

Charles Vincent sagt, dass man eine Wochenstundentafel vorlegen wolle, die sowohl mit den Anforderungen des Lehrplans 21 als auch mit der Forderung nach Kostenneutralität vereinbar sei. Bis im nächsten Frühling soll ein entsprechend angepasster Entwurf der Wochenstundentafel vorliegen. Im Jahr 2017 soll dann der neue Lehrplan mitsamt angepasster Wochenstundentafel für die Primarschule und zwei Jahre später auch für die Sekundarschule in Kraft treten.

Lehrplan 21: Entwurf für die Umsetzung im Kanton Luzern 

Primarschule: Künftig jeden Nachmittag frei?

rk. Primarschüler sollen pro Woche mehr Unterricht erhalten. Das sieht der Entwurf der angepassten Wochenstundentafel 2017 vor (siehe Haupttext).

Mehr Unterricht am Morgen

Der Entwurf sieht auch vor, dass die Erst- und Zweitklässler künftig wieder mehr in der ganzen Klasse unterrichtet werden – der Gruppenunterricht soll entsprechend reduziert werden. Was würde dies konkret für den Stundenplan bedeuten?

Der Kanton Luzern stellt mehrere Modelle zur Diskussion, wie die Lektionen auf die einzelnen Tage zu verteilen sind. Heute haben Erst- und Zweitklässler jeden Vormittag sowie an zwei bis drei Nachmittagen pro Woche Unterricht. Eines der geprüften Modelle sieht vor, dass die 25 Lektionen künftig gleichmässig auf 5 Vormittage verteilt werden. Das würde konkret bedeuten, dass der Vormittagsunterricht länger dauern würde, dafür hätten die Kinder jeden Nachmittag schulfrei.

Mehr Hortplätze würden nötig

Kinder berufstätiger Eltern, die am Nachmittag nicht nach Hause gehen können, würden dann im schuleigenen Hort betreut. Dies hätte allerdings zur Folge, dass deutlich mehr ausserschulische Betreuungsleistungen fällig würden – die Schulen müssten ihr Angebot wohl ausbauen, und die Eltern müssten mehr Betreuungskosten bezahlen.

Die anderen vom Kanton vorgeschlagenen Modelle sehen vor, die total 25 Lektionen im bisherigen Modell zu integrieren. Die Erst- und Zweitklässler hätten demnach zwei Nachmittage pro Woche Unterricht plus einen dritten Nachmittag alle zwei Wochen.