LUZERN: «Mein Job ist es, Zeit zu haben»

Doulas begleiten angehende Mütter und Väter während der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett. Rita Niffeler liess dafür im letzten Jahr das Weihnachtsfest aus.

Carole Gröflin
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Rita Niffeler-Rölli, Präsidentin des Vereins Doula, hat schon 20 Frauen beim Gebären unterstützt. (Bild: Boris Bürgisser (Ruswil, 16. Dezember 2016))

Rita Niffeler-Rölli, Präsidentin des Vereins Doula, hat schon 20 Frauen beim Gebären unterstützt. (Bild: Boris Bürgisser (Ruswil, 16. Dezember 2016))

Carole Gröflin

redaktion@zentralschweizamsonntag.ch

Rita Niffeler ist dreifache Mutter. Doch den Kreisssaal hat sie schon viel öfter von innen gesehen: Bei 20 Geburten von anderen Frauen war sie dabei. Die 53-Jährige ist eine Doula, eine Geburtsbegleiterin. In ihrer Stube ist ein Faden von einer Wand zur anderen gespannt. Daran hängen Geburtskarten von «ihren» Kindern.

Seit fünf Jahren ist Niffeler eine Doula, was aus dem Griechischen übersetzt Dienerin der Frau heisst. Sie hat keine medizinische Ausbildung, Niffeler sieht sich als emotionale Stütze. Das sei auch eine Entlastung für die Hebammen. Diese seien manchmal mit mehreren Geburten betraut, so dass sie sich bei einer Geburt nicht viel Zeit für die werdenden Eltern nehmen können.

Die Aufgaben einer Doula fasst Niffeler prägnant mit einem Satz zusammen: «Mein Job ist es, da zu sein und Zeit zu haben.» Was so simpel klingt, ist in gewissen Momenten anstrengend. Während vier Wochen um den Geburtstermin hat sie Pikettdienst. Nicht selten läute ihr Handy dann um 2 Uhr früh, weil einer Frau unwohl ist. «Dann spreche ich der Frau ruhig zu und frage, was sie gegessen hat, und rate etwa zu einem Bad.» Sie könne während dieser vier Wochen kaum Pläne machen, da sie ständig verfügbar sein muss.

250 Stunden Selbststudium

Doch Niffeler strahlt beim Erzählen, ihr Job ist für sie eine Herzensangelegenheit. Als 15. von 17 Kindern war es der gebürtigen Hinterländerin nicht möglich, Hebamme zu werden. Stattdessen machte sie eine Detailhandelslehre – und kam vor fünf Jahren doch noch zur Geburtshilfe. Auf Doulas aufmerksam geworden ist Niffeler durch ihren Neffen. Seine Frau und er liessen sich bei der Geburt ihres Sohnes von einer Doula begleiten. Zur Ausbildung besuchte Niffeler dann 16 Kurstage und investierte 250 Stunden in das Lesen von Büchern sowie Hospitationen. Dieses Jahr war sie bei vier Geburten hautnah dabei. Eine Begleitung kostet pauschal ab 800 Franken. Darin enthalten sind neben dem Pikettdienst auch Vor- und Nachgespräch sowie die Begleitung während der gesamten Geburt.

Bei der Geburt selber seien die Gebärenden froh zu wissen, dass jemand mit im Raum ist, den sie bereits kennen und dem sie vertrauen können. «Den Satz ‹Gell, du bleibst dann bei mir?› habe ich schon oft gehört», sagt Niffeler. Dies sei ein grosses Bedürfnis für die Frauen: zu wissen, dass sie nicht allein sind. Eine Geburt könne sich schliesslich über viele Stunden erstrecken, was für Hebammen Schichtwechsel bedeutet, «da ist es schön, wenn eine Vertrauensperson immer anwesend ist». Oftmals funktioniere sie dann in einem anderen Modus: «Dann muss ich lange Zeit nicht aufs WC, nicht schlafen, nichts essen. Ich bin der ruhige Pol, massiere der Frau die Füsse, mache Mut, tröste, bestärke, weine manchmal auch mit – und biete von Zeit zu Zeit einen Kaugummi an.»

In der Zentralschweiz gibt es zwölf, gesamtschweizerisch rund 140 Doulas. Vor zwei Jahren waren es erst 100 Frauen. «Es gibt noch keinen Run auf Doulas in der Schweiz. Jedoch stellen wir fest, dass etwa Expats sehr an uns interessiert sind.» Denn in englischsprachigen Ländern gibt es Doulas schon länger. Hierzulande sei der Austausch mit den Profis gut, «als ich letztens zu einer Geburt geeilt bin, sagte eine Hebamme bei meinem Anblick ‹Ach, wie schön, dass du da bist›.»

Dieses Jahr wird zusammen gefeiert

Den Festtagen sieht Niffeler mit viel Freude entgegen: Dann kann sie das Familienessen nachholen, dass sie im letzten Jahr verpasst hat. Sie hatte ein Paar durch die Schwangerschaft hindurch begleitet. Der Geburtstermin war ursprünglich für den 13. Dezember prognostiziert. Doch das Kind hatte andere Pläne, sodass am 24. Dezember eingeleitet wurde. Das Baby erblickte erst am 25. Dezember das Licht der Welt, doch Niffeler verbrachte den Heiligabend an der Seite der werdenden Mutter. «Als ich dann kurz nach Hause kam, hatten alle bereits gegessen und traten schon bald den Nachhauseweg an», erinnert sich die 53-Jährige. Heuer wird sie die Festtage gemeinsam mit ihren Liebsten geniessen können: Der nächste Geburtstermin steht erst im März 2017 an.