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LUZERN: «Mein Mann würde dasselbe für mich tun»

Nach einem Spitalaufenthalt erlitt Walther Wyss* einen Infekt, von dessen Folgen er sich nie mehr erholte. Auch für seine Frau veränderte sich durch die Krankheit alles.
Daniel Schriber
Frau Wyss pflegt seit sechs Jahren ihren kranken Mann.Bild: Roger Grütter (Luzern, 18. Oktober 2016)

Frau Wyss pflegt seit sechs Jahren ihren kranken Mann.Bild: Roger Grütter (Luzern, 18. Oktober 2016)

Man sieht es ihr nicht an, ihre Erscheinung ist adrett, die Kleidung stilvoll elegant, ihr Geist hellwach. Und trotzdem sagt Frau Wyss*: «Ich bin müde.» Und das nicht, weil sie in der vergangenen Nacht vielleicht schlecht geschlafen hätte, und auch nicht, weil der Himmel an diesem Tag wolkenverhangen ist. Nein, sagt Frau Wyss, es sei anders. Ihre Müdigkeit ist ständig da – morgens, abends, nachts, an sonnigen wie an grauen Tagen.

Sechs Jahre. So lange ist es her, seit sich ihr Leben von einem auf den andern Tag veränderte. Nach einem Routineeingriff im Spital geht es mit Wyss’ Mann plötzlich und rasend schnell bergab. Der pensionierte Arzt verliert innert kürzester Zeit 25 Kilogramm und kann auf einmal seine linke Körperhälfte nicht mehr bewegen. Die Ursache: ein Spitalinfekt. Die Folgen: verheerend. «Die Krankheit veränderte alles», sagt Frau Wyss. Ihre Trauer ist zu spüren, klar. Aber da ist auch Unverständnis, Wut.

Sie kennt die Fakten. Sie weiss, dass in der Schweiz mehr Menschen an Infektionen in Spitälern sterben als im Strassenverkehr. Sie weiss auch, dass die Zehntausende Infektionserkrankungen Hunderte Millionen Franken Mehrkosten verursachen. «Und trotzdem unternimmt kaum jemand etwas.» Auch sonst fühlt sich Frau Wyss vom hiesigen Gesundheitssystem allein gelassen. «Ein Pflegefall wie mein Mann wird vielerorts nur als Belastung angeschaut. Die meisten Ärzte möchten am liebsten nichts mit uns zu tun haben.»

Rund um die Uhr im Einsatz

Von der Infektion und den nachfolgenden Komplikationen hat sich der Ehemann nie mehr erholt. Konnte er seine Frau zu Beginn noch im Rollstuhl begleiten – zum Beispiel zum Einkaufen oder auch mal an eine kulturelle Veranstaltung –, ist das heute nicht mehr möglich. Zu schwach ist er. Und das bedeutet für Frau Wyss, dass sie umso stärker sein muss. Die Pflege ihres Mannes ist ein Fulltime-Job. Sie hilft ihm bei den alltäglichsten Dingen, vom Ankleiden über die Hygiene bis zum Zerkleinern des Mittagessens. Psychisch schaffe sie das gut, sagt die 70-Jährige. «Aber physisch ist das extrem anstrengend.»

Regelmässig erhält das Ehepaar Unterstützung von der Spitex und dem Entlastungsdienst für pflegende Angehörige des Schweizerischen Roten Kreuzes (siehe Hinweis). Es sind kurze, aber wertvolle Momente der Hilfe, die Frau Wyss nutzt, um durchzuatmen, neue Kraft zu schöpfen, mal wieder schwimmen oder in Ruhe einkaufen zu gehen. «Ohne diese kurzen Verschnaufpausen ginge es nicht.»

Während des Gesprächs ist mehrfach zu spüren, wie eng die Bindung zwischen ihr und ihrem Mann früher war und auch immer noch ist. Seit 46 Jahren sind die beiden verheiratet. Einen grossen Teil ihrer Ehe waren sie nicht nur privat, sondern auch beruflich als Team unterwegs. Ihrem Beruf gingen die beiden «mit Herz und Seele» nach, wie Frau Wyss erzählt. «Unser Leben war stets interessant, lebhaft und reich erfüllt.» Und vielleicht ist genau das mit ein Grund, weshalb es Frau Wyss auf beeindruckende Weise gelingt, die jetzige Situation zu akzeptieren.

«Natürlich gibt es Rück­schläge», sagt sie. An besonders schweren Tagen kann es vorkommen, dass sie sich hinsetzt und dann einfach mal weinen muss. Merkt das ihr Mann, tut es ihr fast leid. Sie wisse schliesslich, dass sie gebraucht werde und stark bleiben müsse. Sie sei dankbar für jeden einzelnen Tag, den sie mit ihrem Mann verbringen dürfe, sie geniesst die kleinen und grösseren Momente des Glücks mit ihm. «Wir können immer noch viel zusammen lachen.» Und dann ist da noch dieses Strahlen, das sie an ihrem Mann so liebt. «Er strahlt von innen heraus – und das heute vielleicht noch mehr als früher.»

Ihr «neues» Leben sei anstrengend, natürlich. Trotzdem gibt es für Frau Wyss gar keine andere Wahl. «Solange es meine Kräfte zulassen, werde ich für meinen Mann da sein.» Und das nicht, weil sie das Gefühl habe, sie müsse es tun, sondern weil sie zu hundert Prozent davon überzeugt ist, dass es wichtig und richtig ist. Sie weiss: «Mein Mann würde dasselbe für mich tun.»

* Name geändert

Hinweis

Heute finden in der ganzen Schweiz Aktionen zum «Tag der pflegenden und betreuenden Angehörigen statt». Infos unter www.pflege-entlastung.ch/luzern

Daniel Schriber

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