LUZERN: Migranten im Jassfieber

Morgen, Samstag, findet in Luzern ein spezielles Jassturnier statt. Migranten haben dafür in den letzten Monaten intensiv trainiert. Ein junger Afghane könnte ganz gross auftrumpfen.

Remo Wiegand
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Reza Jafari bei einem Jasstrainingsabend im Lokal Hello Welcome. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 30. April 2017))

Reza Jafari bei einem Jasstrainingsabend im Lokal Hello Welcome. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 30. April 2017))

«Schälle ist Trumpf», bestimmt Reza Jafari. Der 15-jährige Afghane, der im Jugend-Asylzentrum in Kriens wohnt, spielt einen Schieber, zusammen mit einer Engländerin, einem Eritreer und einem Schweizer. Jafari zückt seine Karten in einem Affenzahn, der selbst Göpf Egg Respekt abverlangen würde. Im letzten halben Jahr hat er mit einem Schweizer Jass-Götti und einer Jass-Gotte wöchentlich geübt, nun ist er geschult und motiviert. «Ich schaue manchmal auch den ‹Samschtig-Jass›», verrät er. «Reza wird unser Jasskönig», verheissen ihm seine Spielpartner lachend.

Gelegenheit dazu hat er am Samstag. Dann findet im Lukas-Saal in Luzern der «Inter-Jass» statt, laut Eigenwerbung das «internationalste Jassturnier», das es je gab. Erwartet werden rund hundert Migranten und Schweizer.

Zweimal pro Woche finden Jasstrainings statt

Für Anfänger wie Reza ist es der erste spielerische Ernstkampf nach einer intensiven Trainingsphase. Seit November hat die Gruppe Active Asyl jeden Sonntag und Mittwoch Jassabende für Migranten angeboten, die auf viel Resonanz gestossen sind. Menschen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan, dem Iran, dem Irak, England, Tibet, Russland, Ungarn seien gekommen. Der Kopf hinter dem «Inter-Jass» ist Andreas Bertram. Der 32-Jährige, der unter der Woche für Schindler Lifte entwirft, ist begeistert von der Idee, über das Jassen Migranten und Einheimische einander näherzubringen. «Ich beobachte bei Schweizern immer wieder eine Unsicherheit im Umgang mit Flüchtlingen. Beim Jassen fühlen sie sich sicher, da ist der Zugang leichter.» Und: «Migranten wollen Schweizer Freunde finden, wissen aber oft nicht, wie.» Dass Jassen verbindet, ist in der Schweiz seit Urzeiten bekannt. Was zwischen Urnern und Baslern funktioniert, soll nun auch Afghanen und Schweizer einander näherbringen.

Das Training am letzten Sonntag lässt erahnen, dass das Projekt Erfolg haben könnte. «Solomon, was gefällt dir am Jassen?», fragt Bertram spontan über den Jasstisch. «Das Zusammensein, die Integration und das Deutsch», antwortet der angesprochene Eritreer. Jassen als neuer, beschwerdefreier Königsweg der Integrationsarbeit? Nun, räumt Andreas Bertram ein, man sei ab und zu schon auch mit Schwierigkeiten konfrontiert. Manchmal sei die Pünktlichkeit bei den Jassabenden ein Problem gewesen. Und: «Ab und zu mussten wir übers Schummeln reden», sagt er schmunzelnd.

Für das Turnier am Samstag haben sich auch einige SP-Politiker angemeldet: David Roth, Cédric Wermuth und alt Stadträtin Ursula Stämmer. Angefragt wurden auch Politiker der FDP und der SVP, deren Teilnahme sei noch nicht bestätigt. So oder so bietet der Anlass neben internationalem Ambiente auch eidgenössische Urchigkeit: Ein Akkordeonspieler begleitet die Jasser, nach dem Turnier gibt es afghanisches und eritreisches Essen.

Als Preis für den Sieger winkt ebenfalls ein Essen – ein eritreisches, falls ein Schweizer gewinnt, oder ein schweizerisches, falls ein Flüchtling gewinnt. Ob bereits ein klassisch schweizerisches Rezept für Reza Jafari gesucht werden kann? Am Sonntag heimst er gerade den letzten Stich der Runde ein und notiert die 101 Punkte, die er und sein Schweizer Partner sich erspielt haben. Ordentlich, aber noch steigerungsfähig. Auch der junge Jasskönig in spe kommt nicht ohne ein gutes Blatt in der Hand aus.

Remo Wiegand

stadt@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Der «Inter-Jass» findet am Samstag, 6. Mai, ab 15 Uhr im Lukas-Saal in Luzern statt. Anmeldungen sind noch bis heute Abend via www.active-asyl.ch/jass möglich, es wird eine Anmeldebestätigung versandt. Gespielt wird ein ein­facher Schieber mit zugelosten Partnern. Für Anfänger werden Workshops organisiert.