LUZERN: Milder Winter lässt Nüsslisalat spriessen

Gemüsebauern ernten wegen der Wärme viel mehr Nüsslisalat, verdienen daran aber fast nur noch die Hälfte. Dafür steigt das Potenzial bei den Tomaten.

Gabriela Jordan
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Gemüsebauer Markus Schildknecht aus Wikon inmitten seiner Nüsslisalat-Kulturen in einem seiner Gewächshäuser. (Bild Pius Amrein)

Gemüsebauer Markus Schildknecht aus Wikon inmitten seiner Nüsslisalat-Kulturen in einem seiner Gewächshäuser. (Bild Pius Amrein)

Wer in letzter Zeit in der Gemüseabteilung eines Lebensmittelladens war, dem ist vielleicht aufgefallen: Nüsslisalat ist so günstig wie selten. Grund dafür sind die milden Temperaturen dieses Winters. Dadurch schiesst der Nüsslisalat viel schneller aus dem Boden, und die Bauern können aussergewöhnlich viel ernten. Auf dem Markt entsteht somit ein Überfluss. Die Folge: tiefere Preise. Dies mag Konsumenten erfreuen, bei Gemüsebauern verursacht es eher Bauchschmerzen.

«Dieser Winter ist eine Katastrophe», sagt Markus Schildknecht, Gemüsebauer aus Wikon. Der Nüsslisalat ist sein Hauptprodukt. «Wegen des schönen Wetters wächst alles viel zu schnell.» Weil Nüsslisalat auch Frost und tiefe Temperaturen aushält, eignet er sich besonders gut für den Anbau im Winter. Das Gewächs braucht nach der Aussaat vier bis sechs Wochen bis zur Ernte – in diesem Winter sind es eher vier als sechs, wie Schildknecht sagt. Seit November gebe es deshalb zu viel Nüsslisalat. Er rechnet mit einem Verlust zwischen 40 und 60 Prozent aus dem Verkauf von Nüsslisalat. Die Menge, die er nicht absetzen kann, wird als Dünger wieder untergeackert. Diesen Winter sind es über 10 Prozent, normalerweise gar nichts. So etwas habe er noch nie erlebt, sagt Schildknecht.

2000 statt 700 Kilogramm geerntet

Anderer Hof, gleiches Problem: Der Gemüsebauer Tom Zurmühle aus Hertenstein rechnete pro Woche ungefähr mit einem Ertrag von 700 Kilogramm Nüsslisalat – und erntete stattdessen zwei Tonnen, also fast dreimal mehr. «Der Nüsslisalat wächst uns davon», sagt Zurmühle. Er erklärt, dass dieser Salat gestaffelt angebaut werde, um einen regelmässigen Absatz sichern zu können. Doch wegen der hohen Temperaturen wachse nun trotzdem alles miteinander. Gleichzeitig waren noch Fasnachtsferien, was zusätzlich zu einem tieferen Absatz führte.

Vom Überangebot profitieren dafür die Konsumenten. In der Genossenschaft Migros Luzern, die in den Kantonen Luzern, Zug, Obwalden, Nidwalden, Uri und Schwyz über 40 Filialen hat, erhielten die Kunden letzte Woche 33 Prozent Rabatt auf den Kilopreis. Eine Schale Nüsslisalat kostete somit noch 1.90 Franken statt 2.90. Laut Mediensprecherin Rahel Kissel-Probst wird durch Aktionen versucht, möglichst viel Nüsslisalat an den Konsumenten zu bringen. So seien diesen Winter rund 30 Prozent mehr Nüsslisalat verkauft worden. Zwischen November und Januar waren es 57 Tonnen.

Tomaten brauchen weniger Energie

Die hohen Temperaturen sind aber nicht in jedem Fall ein Nachteil für die Gemüsebauern. Weil es tendenziell wärmer werde, entstünden auch neue Möglichkeiten, sagt Beat Felder vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung Hohenrain. «Andere Sorten und Pflanzenarten aus dem Süden wachsen hier nun besser.» Das gelte zum Beispiel für Artischocken, Melonen, Peperoni und auch Tomaten. Dies bestätigt Gemüsebauer Schildknecht. Ihm zufolge brauche es für den Tomatenanbau nun weniger Energie.

Ein Risiko ist laut Felder wiederum, wenn es einen Kälteeinbruch gibt. Dann leiden die Pflanzen und Gemüsesorten darunter, die bereits am Treiben sind. So auch der Nüsslisalat. Ebenfalls problematisch seien Schädlinge, sagt Felder. Diese könnten durch die veränderten Bedingungen besser überwintern. Zudem kämen auch neue Schädlinge in die Schweiz, etwa aus dem asiatischen Raum. Felder: «Aber mit den veränderten Bedingungen müssen wir in der Landwirtschaft zurechtkommen.»

Gabriela Jordan