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LUZERN: Mitten im Krieg gibt sie Kindern ein Stück Hoffnung

Spitäler werden in Krisengebieten vermehrt Ziele von Angriffen. Die Organisation «Ärzte ohne Grenzen» will mit einer Kampagne entgegenwirken. Doch warum setzt man sich freiwillig dieser Gefahr aus?
Christian Hodel
Karin Hartmann in der Spielecke des Kinderspitals.Bild: Roger Grütter (Luzern, 18. Oktober 2016)

Karin Hartmann in der Spielecke des Kinderspitals.Bild: Roger Grütter (Luzern, 18. Oktober 2016)

Der Tod kommt aus der Luft. Raketen und Bomben fallen auf die Dächer, sie legen alles in Schutt und Asche. Täglich werden laut dem Kinderhilfswerk Unicef vier Schulen oder Krankenhäuser in Konfliktregionen angegriffen. Hunderte Männer, Frauen und Kinder sterben, die mit dem Krieg nichts zu tun haben. Es sind Schüler und Kranke, Lehrer und Ärzte – zivile Opfer. Aber warum begibt man sich freiwillig in solche Situationen?

«Die Allgemeinheit hat für mich meine Ausbildung bezahlt, dass ich Ärztin werden kann», sagt Karin Hartmann (45), Kinderärztin am Luzerner Kantonsspital und Ärztin bei Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF). «Ich will etwas zurückgeben.» Im nächsten Jahr reist sie für die Organisation drei Monate ins Ausland. Wohin, wird kurzfristig entschieden. «Ich gehe dorthin, wo man mich gerade braucht», sagt sie. So machte das Hartmann schon bei ihren vergangenen Einsätzen – etwa 2006, als in der Demokratischen Republik Kongo ein blutiger Bürgerkrieg tobte.

Das Schlimmste waren die Vergewaltigungen

Bunia, gut 100 000 Einwohner, im Osten des Landes: Rebellen schiessen auf der einen Seite, auf der anderen schlagen die kongolesischen Regierungsstreitkräfte zurück. Dazwischen stehen die Zivilbevölkerung – und Ärzte wie Hartmann, die die Not zu lindern versuchen. Vier weisse Zelte auf lehmigem Untergrund liess das Team von MSF aufstellen. Männer, Frauen und Kinder bilden Schlange vor dem provisorischen Spital. Teils sind sie über 40 Kilometer gelaufen, trotz gebrochenem Knöchel, trotz hohem Fieber, trotz eiternden Wunden. Täglich kommen mehrere Dutzend Patienten – Hartmann und ihre Kollegen von MSF setzen Infusionen, nähen, verabreichen Medikamente, machen Fortbildungen für lokale Ärzte und Pflegefachleute. Viele vergewaltigte Frauen kommen zu ihnen. Soldaten haben sie zurückgelassen, als sie durch die Städte und Dörfer zogen. «Die körperlichen und seelischen Verletzungen miterleben zu müssen, war eines der schlimmsten Erlebnisse», sagt Hartmann. Sechs Monate bleibt sie im Kongo, arbeitet zehn bis zwölf Stunden am Tag, alle sechs Wochen wird sie für drei Tage nach Kampala, der Hauptstadt Ugandas, geflogen. Es ist der nächste gelegene Ort, der als sicher eingestuft wird und wo MSF ein Büro hat. Hier soll die Kinderärztin den «Kopf lüften». Die Bilder verarbeiten, bevor es wieder zurück ins Krisengebiet geht. «Manchmal war es ein Aushalten», sagt Hartmann. «Es ist belastend, wenn man weiss, was man alles tun könnte, aber aus unterschiedlichen Gründen geht das nicht immer.»

Hartmann sieht zum Beispiel, wie ein krankes Kind eingeliefert wird. Eine Blutkonserve würde es retten. «In einem Schweizer Spital telefoniert man und fünf ­Minuten später ist der Blutbeutel bereit.» Nicht so im Kongo. Das Kind stirbt den MSF-Ärzten davon, weil keine Blutkonserven vorrätig sind und keine Blutbank in der Nähe ist.

Im öffentlichen Spital wiederum mangelt es an lebenswichtigem Antibiotikum. «Die lokalen Ärzte machen das Beste aus ihrer Situation, aber oft fehlt es an den kleinsten Dingen», sagt Hartmann und fügt an: «Man darf die Situation im Kongo und der Schweiz nicht vergleichen.» Es seien andere Voraussetzungen, die man einfach akzeptieren müsse. «Mich nach dem Einsatz wieder in der Schweiz zurechtzufinden, war nicht einfach.» Mit dem Gedanken, dass hier teils Millionen von Franken für Behandlungen zur Verfügung stehen und man im Kongo mit 2.50 Franken ein Kind vor dem Malariatod hätte retten können, sei manchmal schwer umzugehen.

Nicht einfach war das Engagement von Hartmann anfangs für ihre Eltern und Freunde. «Natürlich machen sie sich Sorgen, wenn ich unterwegs bin», sagt sie. «Hätte ich selber Kinder und Familie, würde ich solche Einsätze wohl nicht mehr machen.» Sie habe sich während der Arbeit aber nie bedroht gefühlt oder Angst gehabt. Die Sicherheit der Mitarbeiter stehe für MSF an oberster Stelle. Wer damals in ­Bunia seine Unterkunft oder das Spital verliess, ging mindestens zu zweit – und mit einem Funk­gerät ausgerüstet. «Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es aber nicht», sagt Hartmann und nennt aktuelle Beispiele.

Allein in Syrien wurden im laufenden Jahr 35 Angriffe auf 19 medizinische Einrichtungen von MSF verzeichnet. Mit einer Wanderausstellung, die am Donnerstag in Luzern gastiert, will die Organisation auf das Problem «Anschläge auf Spitäler» aufmerksam machen.

Hinweis

Die Veranstaltung #NotATarget (kein Angriffsziel) findet am 27. Oktober, 12.30 bis 13.30 Uhr, im ­Hörsaal am Luzerner Kantonsspital statt. Gezeigt wird ein Film. ­Anschliessend sprechen MSF-Mitarbeiter über ihre Arbeit – unter anderem Karin Hartmann.

Christian Hodel

Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" auf dem Weg ins Spital. (Bild: PD)
Die Patienten warten am Haupteingang des Spitals in der Demokratischen Republik Kongo auf eine Behandlung. (Bild: PD)
Für das provisorische Spital liess «Ärzte ohne Grenzen» weisse Zelte aufstellen. (Bild: PD)
Fotoshooting für die Patienten aus dem Kongo. (Bild: PD)
Kinder posieren auf dem Gelände von «Ärzte ohne Grenzen» für ein Foto. (Bild: PD)
Bis zu 30 Patienten haben, darunter viele Frauen mit Kindern, liessen sich täglich im Spital von «Ärzte ohne Grenzen» behandeln. (Bild: PD)
Karin Hartmann arbeitet im Kinderspital Liuzern und ist für Ärzte ohne Grenzen unterwegs. (Bild: Roger Grütter / LZ)
7 Bilder

«Ärzte ohne Grenzen» im Kongo

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