LUZERN: Moderner «Wasserturm» wurde 1913 zum Politikum

Ein Platz, zwei Bilder, über 100 vergangene Jahre: Der Pilatusplatz war seit jeher Dreh- und Angelpunkt Luzerns. Der Platz ist bis heute ein Zankapfel.

Niels Jost
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Der Pilatusplatz um 1910 mit der Häuserlücke neben dem weissen Gebäude rechts, wo später das Volkshaus («Anker») hinkam. (Bilder Carl Griot/AURA, Dominik Wunderli)

Der Pilatusplatz um 1910 mit der Häuserlücke neben dem weissen Gebäude rechts, wo später das Volkshaus («Anker») hinkam. (Bilder Carl Griot/AURA, Dominik Wunderli)

Bilder erzählen mehr als 1000 Worte. Die Redewendung trifft auf die Veränderungen des Pilatusplatzes zu – ein Augenschein auf die beiden Bilder genügt, um das festzustellen. Damals säumten noch Pflastersteine und Tramgleise die Strassen beim Pilatusplatz, und die altehrwürdigen Gebäude mussten noch das dichte Netz aus Tramleitungen festhalten. Und mitten auf dem Platz erhob sich eine Wilhelm-Tell-Statue empor (nicht auf dem Bild zu erkennen).

Heute ist die Statue weg – und der Pilatusplatz charakterisiert sich vielmehr durch die geteerten und viel befahrenen Strassen sowie einige moderne Gebäude: «Die Bauten stammen aus den 1970er-Jahren», weiss Ueli Habegger, ehemaliger Denkmalpfleger der Stadt Luzern. Es sind die Jahre, in denen sich der Pilatusplatz am stärksten veränderte.

35 Meter hohes Hochhaus

Grössere Veränderungen wird es auch künftig geben: Gut 35 Meter hoch soll dereinst ein Hochhaus mit Wohn- und Geschäftsflächen werden, doch die eingereichte Initiative des Vereins Stadtbild Luzern, welche unter anderem den Bau am Pilatusplatz verhindern möchte, ist noch hängig (unsere Zeitung berichtete). Der Bericht und Antrag zur Initiative wird noch vor der Sommerpause vom Parlament diskutiert und verabschiedet.

Die Zukunft ist somit nach wie vor ungewiss, wie die Luzerner Baudirektorin Manuela Jost sagt: «Die zuständige Kommission hat deshalb auch entschieden, erst nach Behandlung der Initiative über die weitere Planung zum Pilatusplatz im Parlament zu befinden.» Neues Hochhaus hin oder her: Ein Mix aus alten und modernen Gebäuden ziert den Pilatusplatz. Damit Letztere nicht überhandnehmen, wird beispielsweise die über 100-jährige Fassade des ehemaligen Volkshauses (Hotel Anker) im Moment originalgetreu renoviert.

Volkshaus auf ZHB-Areal

Das Volkshaus ist es auch, das auf dem Bild von 1910 noch nicht zu erblicken ist. Die Lücke an der Strassenecke lässt aber erahnen, wo das stattliche Gebäude dereinst Platz findet. «Ursprünglich sollte das Volkshaus auf dem alten Gaswerk-Areal errichtet werden, wo heute die Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern steht», weiss Ueli Habegger.

Gebaut wurde das Gebäude mit dem frappanten Rundturm vom Luzerner Architekten Carl Griot, welcher 1910 auch dieses Foto schoss, die Eröffnung war im Frühjahr 1913. «Der Turm ist gleich hoch wie der Wasserturm der Kappelbrücke», so Hab­egger. «Damals war das ein klares politisches Zeichen.» Ein Politikum ist das Volkshaus bestimmt. Denn hinter dem Gebäude steckt die Geschichte der Zentralschweizer Arbeiterbewegung, und es war Versammlungsort der SP und der Gewerkschaften.

Ururgrossenkel fotografiert

Die Renovierungsarbeiten am Hotel Anker laufen seit Anfang Mai 2014 und dauern noch gut ein Jahr. Fotografisch dokumentiert wird dieses Vorhaben von Emanuel Ammon und dessen Sohn Gabriel – dem Ur- und dem Ururgross­enkel des Erbauers Carl Griot. Dies ist allerdings vielmehr ein witziger Zufall als die Weiterführung eines «Family-Business»: «Ein Kunde von uns hat das Volkshaus gekauft», sagt Ammon. «Interessant ist, dass ich als ehemaliger Mitarbeiter des liberalen «Luzerner Tagblattes» mich nun mit dem Gebäude der linken Arbeiterbewegungen beschäftige.»

Bild wurde auf Glasplatte belichtet

Offenbar erzählen Bilder tatsächlich mehr als 1000 Worte. Denn hinter der Fotografie vom Pilatusplatz steckt noch mehr: Das schwarz-weisse Bild von 1910 – und weitere – hat Emanuel Ammon vor über zehn Jahren von einem Verwandten aus Zürich bekommen, per Zufall, wie er sagt: «Die Bilder sollten ins Luzerner Stadtarchiv gebracht werden», so Emanuel Ammon. «Aber dann bekam ich sie. Für mich ist das etwas vom Wertvollsten, das ich je in die Finger bekam.»

Zum Bild konnte Emanuel Ammon auch noch eine spannende Anekdote erzählen: Der Junge neben den Tramgleisen durfte sich wohl eine Weile nicht regen. Denn das Bild ist gestellt: «Die Fotografie wurde mit einem riesigen Holzkasten aufgenommen», so Ammon. «Sie wurde auf eine Glasplatte belichtet – eine sehr empfindliche Angelegenheit.»

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Das Gebäude vom Anker wird zurzeit renoviert. (Bild: Neue LZ / Dominik Wunderli)

Das Gebäude vom Anker wird zurzeit renoviert. (Bild: Neue LZ / Dominik Wunderli)