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Luzern: Musikspiel in der Gruppe stellt Einzelunterricht in Frage

Ein Instrument im Einzelunterricht zu erlernen, sei das Relikt eines angestaubten Weltbilds, sagt ein Verfechter des musikalischen Gruppenunterrichts. Luzerner Musikpädagogen widersprechen.
Simon Mathis
Nach dem ersten Auftritt des Orchestercamps im Rahmen des Lucerne Festival stellt sich die Frage: Sollten Luzerner Schulen vermehrt auf Gruppenunterricht setzen? (Bild: Patrick Hürlimann, 18. August 2018)

Nach dem ersten Auftritt des Orchestercamps im Rahmen des Lucerne Festival stellt sich die Frage: Sollten Luzerner Schulen vermehrt auf Gruppenunterricht setzen? (Bild: Patrick Hürlimann, 18. August 2018)

Sie interpretieren Rossini, Brahms und Beethoven – und sie sind im Schnitt 13 Jahre alt. Zu Beginn des Lucerne Festival spielte im Konzertsaal des KKL eine Formation der besonderen Art: Die jungen Teilnehmer des so genannten Orchestercamps überraschten mit ihrem Können. Der Auftritt ist ein Argument für den musikalischen Gruppenunterricht, der zurzeit im Trend liegt.

«Tatsächlich haben alle Kinder und Jugendlichen des diesjährigen Orchestercamps ihr Instrument im Gruppenunterricht gelernt», bestätigt Johannes Fuchs, Leiter des Lucerne Festival Young. «Dass sie teilweise bereits nach drei Jahren in der Lage sind, sinfonische Werke von Brahms und Beethoven mitzuspielen, spricht erstmal für sich.»

Gegen Separation und Alleingänge

Ein pointierter Fürsprecher für den Gruppenunterricht ist Marco Castellini, Mitgründer und künstlerischer Leiter des Vereins Superar Suisse (siehe Box). Der Verein organisiert in der Schweiz ausser- und innerschulische Gruppenkurse. In Luzern hat er noch keinen Standort. «Zurzeit hat das noch keine Priorität in unserer Agenda», sagt Castellini.

Superar: Mit Musik gegen Gewalt

Die Wurzeln des Vereins «Superar Suisse» liegen in Venezuela. Das dortige Bildungsprogramm «El Sistema» hat in den letzten 40 Jahren grosse Erfolge verzeichnet: Es vernetzte im Land 400 Musikschulen und unterrichtete bisher über 800 000 Kinder. Dahinter steht auch ein sozialpolitisches Anliegen: Das gemeinsame Musizieren soll «der Gewalt, dem Drogenmissbrauch und der Kinderverwahrlosung in sozial benachteiligten Vierteln entgegenwirken», wie es auf der Webseite von El Sistema heisst. In der Schweiz konzentriert sich Superar auf die Standorte Basel, Lugano und Zürich. Der Verein bietet musikalische Gruppenkurse an – kostenfrei für Schüler und deren Eltern. Finanzielle Unterstützung erhält er von der öffentlichen Hand, von Stiftungen und Gönnern.

Superar will Kinder als Gruppe oder Klasse abholen, um sie fürs Musizieren zu begeistern. «Unsere Gesellschaft tendiert immer stärker zu Separation und Alleingängen», sagt Castellini. Lernen in der Gruppe wirke dem entgegen. «Superar und Gruppenunterricht heisst auch: Integration, Verbinden, Vernetzen. Wir wissen zudem von vielen Schülern, dass sie im Einzelunterricht längst mit dem Instrument aufgehört hätten oder erst durch den Gruppenunterricht überhaupt Freude am Musizieren und Üben bekommen haben.»

Vertrackte Stundenpläne

Luzerner Musikpädagogen relativieren den Antagonismus zwischen Einzel- und Gruppenunterricht. «Gruppenunterricht ist schon jetzt stark verbreitet», sagt Thomas Limacher, Rektor der Musikschule Luzern. Allein die Musikschule Luzern leite dieses Jahr etwa 80 Gruppen. «Das heisst aber überhaupt nicht, dass Kinder keinen 1:1-Unterricht wollen», betont Limacher. Das Problem liege vielmehr beim neuen Lehrplan. «Seit den neuen Stundenplänen haben die Kinder kaum Zeit, ausserhalb des Unterrichts die Musikschule zu besuchen.»

Deshalb läge die Idee nahe, Musikunterricht gleich im Schulhaus abzuhalten – mit der ganzen Klasse und somit ohne Kosten für die Eltern. «Diese Strategie ist besonders dann sinnvoll, wenn die Schüler einen Migrationshintergrund haben», sagt Limacher. «In Luzern gibt es Klassen mit einem Ausländeranteil von 90 Prozent. Die finanzielle Situation ist da entsprechend schwierig.» Diese Kinder könne man mit Musikunterricht fast nur im Schulhaus abholen. Auch für ganz junge Schüler sei Gruppenunterricht ideal.

Charakter statt Virtuosität

Aber: «Nachdem ein Schüler einen gewissen Fortschritt zurückgelegt hat, kommt man um Einzelunterricht nicht mehr herum», so Limacher. Er selbst habe das Konzert des Orchestercamps am Lucerne Festival gehört. Dort habe Castellini die besten Kinder zusammengebracht. Trotzdem: «Das Niveau hätte höher sein können.» Das zeige, dass es noch eine Zusatzleistung brauche, um die Kinder weiter zu bringen.

«In den Köpfen vieler Musikpädagogen herrscht immer noch das Denken wie vor Jahrzehnten, als es das sogenannte Bildungsbürgertum noch wirklich gab.»

Marco Castellini, Superar Suisse

Castellini erwidert: «Bei Superar steht nicht die musikalische Exzellenz im Vordergrund, sondern das Heranwachsen zu einer reifen, eigenständigen und mündigen Persönlichkeit.» Wer stur am Einzelunterricht festhalte, sei in einem alten Weltbild gefangen: «In den Köpfen vieler Musikpädagogen und an den Hochschulen herrscht immer noch das Denken wie vor Jahrzehnten, als es das sogenannte Bildungsbürgertum noch wirklich gab, als in jedem gutbürgerlichen Haushalt ein Klavier stand, als man noch selbstverständlich im Kirchenchor sang oder bei den Kadetten mitmachte. Diese Zeiten sind definitiv vorbei», so Castellini. «Das zeigen die rückläufigen Schülerzahlen an den Musikschulen und das Vereinssterben im Allgemeinen.»

Eigene und lokale Modelle sind gefragt

In einem Punkt sind sich alle einig: Ganz auf Einzelunterricht verzichten lässt sich nicht, zu unterschiedlich die Bedürfnisse einzelner Schüler. Das sagt auch Walter Hess, der die Abteilung Musikpädagogik an der Hochschule Luzern leitet. Die Vorzüge des Gruppenunterrichts liessen sich allerdings nicht abstreiten: «Vorteil einer Gruppe ist vor allem, dass Gleichaltrige gemeinsam etwas angehen.» Musikschulen müssten sich also tatsächlich der Herausforderung stellen, neue Formen des Unterrichts zu erproben und anzubieten.

Ähnlicher Meinung ist Johannes Fuchs vom Lucerne Festival: «Auch wenn es gelungene und inspirierende Beispiele gibt, wie eben El Sistema aus Venezuela, sind lokal doch eigene Modelle gefragt.» Ein solches Modell testet derzeit die HSLU: «Klassenmusizieren in Luzern» (KlaMuLu) heisst das Projekt, das mit vier Schulklassen durchgeführt wird – zwei davon in Buchrain, eine in Emmenbrücke und eine in der Stadt Luzern. Die Idee ist, mit den einzelnen Schulklassen jeweils eine Blasmusikgruppe auf die Beine zu stellen. Das Projekt hat mit dem Start des neuen Schuljahres eben erst begonnen, Erkenntnisse gibt es daher noch nicht. Die HSLU will die Entwicklung des Unterrichts wissenschaftlich begleiten und auswerten.

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