LUZERN: Nach dem Tod ins Amtsblatt

Jährlich wird in der Schweiz über 5400 Menschen nach dem Tod der Konkurs eröffnet. In Genf betrifft das fast jeden fünften Verstorbenen. In der Zentralschweiz sieht es etwas besser aus.

Thomas Heer
Drucken
Teilen
Grabstätten auf dem Friedhof in Horw. (Bild: Dominik Wunderli / Archiv Neue LZ)

Grabstätten auf dem Friedhof in Horw. (Bild: Dominik Wunderli / Archiv Neue LZ)

Thomas Heer

Der Tod einer nahestehenden Person hinterlässt bei den Hinterbliebenen in der Regel seelische Wunden. Als wäre das nicht schlimm genug, gilt es nach dem Abschiednehmen auch noch den bürokratischen Hindernislauf zu bewältigen. Es stellen sich insbesondere Fragen im Zusammenhang der Erbschaft. Dabei aber wandeln sich Trauernde mitunter in Windeseile zu kühlen Rechnern. Das scheint vermehrt gängige Praxis zu sein. Denn gibts bei den Verblichenen nichts zu holen oder drohen gar Schuldübernahmen, werden Erbschaften immer häufiger ausgeschlagen. Und das hat Folgen: Über den Toten und dessen Hinterlassenschaft wird der Konkurs eröffnet. Die letzten irdischen Spuren, die der Verstorbene hinterlässt, sind dann im Amtsblatt abgedruckt. In staubtrockener Schreibe wird dort über das letzte Kapitel des Toten berichtet, das ihm kaum zu Ruhm gereicht.

Rekordhohe Zahl

Gemäss Claude Federer, Sekretär beim Schweizer Verband Creditreform, kam es 2014 in der ganzen Schweiz zu 5411 Konkursen, die wegen «ausgeschlagener Verlassenschaft» eröffnet wurden. Das entspricht 77,6 Prozent der gesamten Privatkonkurse ein neuer Rekord. 1998 lag dieser Wert noch bei 55 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 1970 ist das gar ein Anstieg um den Faktor sieben.

Creditreform verfasste für das Jahr 2012 zu diesem Thema eine umfangreiche Studie. Die dabei erhobene Statistik zeigt ein deutliches Bild: In städtischen Gebieten ist die Quote der ausgeschlagenen Verlassenschaften im Verhältnis zu den Todesfällen deutlich höher als in ländlichen Gegenden. Dazu ein paar Zahlen: Während im Stadtkanton Genf mit 19,7 Prozent fast jede fünfte Erbschaft ausgeschlagen wurde, waren es im Kanton Uri nur 1,3 Prozent. Deutlich unter dem schweizerischen Durchschnitt von 7,8 Prozent liegen auch die anderen Zentralschweizer Kantone: Obwalden mit 3,3, Schwyz mit 3,9, Nidwalden mit 4,1, Zug mit 4,3 und Luzern mit 5,7 Prozent.

Anonymität senkt Hemmschwelle

Woher rührt das? In ländlichen Gebieten, wo fast jeder noch jeden kennt, scheint die Hemmschwelle grösser zu sein, einen Verstorbenen der Schande einer amtlichen Publikation auszusetzen, als in anonymeren städtischen Gebieten.

In der Creditreform-Studie wird das Phänomen noch weiter begründet: In Kantonen wie Basel-Stadt, Genf oder Waadt mit hohen Bezugsquoten an AHV-Ergänzungsleistungen ist der Anteil ausgeschlagener Hinterlassenschaften besonders gross. Will heissen, bei vielen Verstorbenen aus diesen Regionen ist nach dem Ableben schlicht und einfach nichts mehr zu holen, ausser vielleicht noch ein happiger Schuldenberg, der von den Hinterbliebenen postum dann noch abgetragen werden müsste.

Heime bluten

Mit ausgeschlagenen Hinterlassenschaften müssen sich die Gerichte auch im Kanton Luzern in zunehmendem Masse beschäftigen. Gemäss Sandra Winterberg, Informationsbeauftragte des Luzerner Kantonsgerichtes, handelt es sich in den meisten Fällen um Personen, welche ihre letzte Lebensphase in einem Heim zugebracht haben. Sie teilt schriftlich mit: «Da die Leute immer älter werden, entstehen so natürlich immer mehr Kosten, was dazu führt, dass die Ersparnisse aufgebraucht werden und der Staat einspringen muss.»

Diese Entwicklung kriegen auch die Heime zu spüren, indem sie in zunehmendem Masse auf unbezahlten Rechnungen sitzen bleiben. Dies bestätigt Paul Otte, Leiter des Stadtluzerner Pflegeheimes Steinhof. Um das Problem zu entschärfen, musste Otte ein Heimdepot einführen. Das beträgt zurzeit 5000 Franken. Trotzdem kann es vorkommen, dass der Steinhof nach dem Ableben eines Betagten ausstehende Rechnungen von bis zu 10 000 Franken ans Bein streichen muss.

Ähnliche Erfahrungen wie Otte macht auch Joel Früh, Geschäftsleitungsmitglied von Viva Luzern AG, dem grössten Leistungserbringer im Bereich der Pflege und Betreuung in der Zentralschweiz. Zur Viva-Gruppe zählt unter anderem das Betagtenzentrum Eichhof. Wie im Steinhof muss auch bei den zur Viva-Gruppe zählenden Institutionen ein Depot bezahlt werden. Derzeit sind das 6000 Franken. Früh teilt mit: «Gibt es trotz aller Vorsichtsmassnahmen Rückstände, die von den Nachkommen nicht beglichen werden, müssen wir diese als Organisation selber tragen.»